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Nordwestmecklenburg Das Panzermädchen vom 25. Februar 1979
Lokales Nordwestmecklenburg Das Panzermädchen vom 25. Februar 1979
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13:31 29.12.2018
Elke Küssner (60) und ihre Tochter Manuela Ziffus (39), die schon als Ungeborene eine Panzerfahrt erleben durfte. Quelle: Jana Franke
Gressow/Grevesmühlen

Liebe Frauen, können Sie sich noch an die Wetterverhältnisse erinnern, als sie entbunden haben? Elke Küssner aus Gressow ja. „Es war schönster Sonnenschein“, erzählt die heute 60-Jährige. Nichts Besonderes? Nun ja, wenn man bedenkt, dass es Tage zuvor in Massen geschneit hat und die meisten Straßen in der Gegend gesperrt waren, dann schon. Am 25. Februar 1979 hatte der Schnee endlich nachgelassen. Der Himmel erstrahlte in Blau, die Sonne lachte – und Elke Küssner lag in Wismar im Kreißsaal. Ihre Tochter Manuela war vor wenigen Minuten geboren. Die Umstände bis zu diesem Zeitpunkt können abenteuerlicher kaum sein.

Hochschwanger musste Elke Küssner, damals noch Porath, mit ansehen, wie der Schnee um ihr Wohnhaus immer höher und höher wurde. Ihr Lebensgefährte saß bereits zwei Tage in Dorf Mecklenburg auf Arbeit fest. Eingeschneit. Der Geburtstermin stand unmittelbar bevor. „Ich war mit meinen Schwiegereltern allein im Haus. Besonders mein Schwiegervater machte sich große Sorgen“, berichtet Elke Küssner, die aus Testorf stammt. Zwar habe er bei der LPG regelmäßig Kälber zur Welt gebracht „und wenn ich wüsste, dass es bei Menschen auch so ist, würde ich dir helfen“, zitiert sie ihn, aber davon nahmen sie dann doch lieber Abstand. Die Fenster im Haus waren zugeschneit. „Damit Licht hinein fällt, haben meine Schwiegereltern Tunnel vom Fenster aus gegraben.“

Der Opa schnallte sich Skier unter

Der werdende Opa machte sich auf den Weg zum LPG-Vorsitzenden. Die Not erkannt, schnallte der sich Skier unter und bahnte sich den Weg in Richtung Metelsdorf. Dort solle, so habe er gehört, wegen der Wetterlage ein Panzer der Kampfgruppe im Einsatz sein. Bis ans Haus der Küssners allerdings komme auch der nicht, sah der LPG-Chef ein. Also fuhr eine Raupe dorthin, um die Hochschwangere zu holen und zum Wohnblock in Gressow zu transportieren. „Alle Mäntel, die meine Schwiegermutter finden konnte, hatte sie mir gegeben und mich dick eingepackt“, erinnert sich Elke Küssner. Am Mehrfamilienhaus angekommen – ihre Schwester wohnte dort –, war auch schon der Panzer vor Ort. „Zwei Männer haben sich hingekniet und mir somit eine Treppe gebaut. Ich bin über die Männer auf die Kette und dann in den Panzer gekrabbelt“, erinnert sie sich. Eigentlich wollte Elke Küssner in Grevesmühlen entbinden, weil sie dort lernte und arbeitete, aber die Wetterlage ließ das nicht zu.

Bis nach Barnekow bahnte sich der Panzer den Weg durch die Schneemassen. Dort wartete ein Krankenwagen auf die werdende Mutter. An hohe Schneewände am Straßenrand kann sie sich noch erinnern. Endlich im Krankenhaus angekommen, zeigten sich keinerlei Wehen. „Zehn Tage habe ich noch gelegen. Meine Tochter wollte wohl erst das Schneechaos abwarten“, mutmaßt Elke Küssner. Heute kann sie darüber lachen. Und: Mit dem Tag der Geburt von Manuela schien nach tagelangem Schneehimmel die Sonne wieder.

Manuela Ziffus einige Stunden nach ihrer Geburt im Wismarer Krankenhaus. Quelle: PRIVAT

Elke Küssners Lebensgefährte hatte sich drei Tage nach der Geburt von Gressow aus zu Fuß auf den Weg nach Wismar gemacht, um seine Tochter zu sehen. „Nur an den Strommasten konnte er sich orientieren“, erzählt Elke Küssner. Mehr als zwei Stunden stapfte er durch den Schnee – um sich in der Klinik sagen zu lassen, dass der Weg umsonst war. Er durfte seine Tochter nicht sehen. „Wir waren zu dem Zeitpunkt nicht verheiratet. Wir haben noch mit den Krankenschwestern diskutiert, aber es führte kein Weg dorthin“, erinnert sie sich.

Bei der Heimfahrt: Kein Sturm, kein Schnee

Am 8. März, es war der Frauentag, durfte Elke Küssner mit ihrer Tochter nach Hause. Das Taxi setzte sie am Wohnblock der Schwester ab, dort, wo die abenteuerliche Reise begann. „Es schneite nicht mehr, aber es war stürmisch und es regnete“, weiß sie. Ein Telefon hatte die Familie damals nicht, daher ahnte niemand, dass Mutter und Tochter nach Hause kommen. „Ich habe Manuela in den Kinderwagen meines Neffen gelegt und wir machten uns auf den Heimweg.“ Der wurde bei dem Wetter zur Tortur. „Wir haben den Wagen mehr gezogen als geschoben“, sagt sie. Ihre Schwiegermutter schaute aus dem Fenster und wunderte sich, welche Verrückten bei dem Wetter mit einem Kinderwagen spazieren gehen – bis sie ihre Schwiegertochter erkannte. Die Freude war groß und endlich konnte auch Papa Eckhard Küssner (heute 67) seine Tochter in die Arme schließen.

Fortan hieß Manuela Küssner in der Familie „das Panzermädchen“. Mittlerweile ist die 39-Jährige selbst verheiratet, trägt den Namen Ziffus und ist Mutter einer dreijährigen Tochter. Die schaukelige Fahrt im Bauch ihrer Mutter im Panzer hat Spuren hinterlassen, erzählt sie lachend. Sie fährt nämlich total auf Autos ab, am besten getunt und tiefergelegt. Ihre Leidenschaft zum Autobasteln teilt sie mit ihrem Mann und zieht sich auch gern selber mal den Blaumann an, um Hand anzulegen. „Eigentlich wollte ich Automechanikerin werden, aber nach der Wende war das leider nicht möglich“, sagt sie. Aufgrund ihres Geschlechts seien nur Absagen gekommen. Heute ist sie im Hotelwesen tätig und hat ihren Wunschberuf zum Hobby gemacht.

Jedes Jahr zum Geburtstag von Manuela Ziffus wird die Geschichte erzählt – und nie wird sie langweilig. Im kommenden Jahr wird sie 40 Jahre alt, „und ich habe es im Gefühl, dass viel Schnee liegen wird“, glaubt sie. Nun ja, jetzt noch einen Panzer zu organisieren, um die Gäste zur großen Party zu fahren, wird dann aber wohl schwierig.

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Jana Franke