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Nordwestmecklenburg Die späte Revolution
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20:31 16.03.2018
Grevesmühlen

Am Sonnabend, 13. März 1920 lautete die Schlagzeile in den deutschen Zeitungen: „Sturz der Regierung – Kapp Reichskanzler“. Unter wehenden schwarz-weiß-roten Reichskriegsfahnen hatten Einheiten der Marinebrigade Erhardt das Berliner Regierungsviertel besetzt. Die Regierung floh zunächst nach Dresden, dann nach Stuttgart. Mit Unterstützung des Generals von Lüttwitz erklärte sich der deutschnationale Politiker Wolfgang Kapp selbst zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten. Am selben Tag verhafteten in Schwerin Freikorpsangehörige unter dem Kommando des Generals von Lettow-Vorbeck die mecklenburgische Landesregierung und setzten den Gutsbesitzer Albrecht Wendhausen als zivilen Regierungskommissar ein.

Aktive Unterstützung fanden die Putschisten hier durch Teile der Verwaltung, viele Landräte und auch den Befehlshaber des Wehrkreises II, Generalleutnant von Bernuth.

Im Klützer Winkel bekannten sich zahlreiche Gutsbesitzer und auch der Grevesmühlener Bürgermeister Dr. von Leitner zur Kapp- Regierung. Auf den Gutshöfen waren geheime Waffenlager angelegt worden.

Ehemalige ReichswehrOffiziere und Freikorps-Leute waren hier untergekommen und hatten sich auf den Militärputsch vorbereitet. Major von Versen in Hohen Schönberg war der Ansicht, dass „in der Regierung lauter Banditen sitzen“. Der Rittergutsbesitzer von Neuenhagen, Heinrich Rolfs, sammelte gemeinsam mit Ellegaard Ellerbeck, einem völkischen Schriftsteller und Führer im Wikingbund, Geld.

Doch der Versuch, die Weimarer Republik zu zerschlagen und die Monarchie in Deutschland wiederzuerrichten, war bereits nach wenigen Tagen durch einen landesweiten Generalstreik, an dem sich 12 Millionen Arbeiter beteiligten, gescheitert. Am 17. März erklärte Kapp seinen Rücktritt als Reichskanzler und setzte sich nach Schweden ab.

In Mecklenburg wollte man indes nicht wahrhaben, dass der Staatsstreich gescheitert sei und weigerte sich, die Waffen aus der Hand zu legen.

Verhaftungen bei Grevesmühlen

Am 19. März wurden auf der Landstraße bei Grevesmühlen der Arbeiter Hermann Litzendorf aus Barendorf und der Kommunist Ernst Puchmüller aus Dassow auf Befehl des Rittergutsbesitzers Dr. Simon verhaftet und in einen Keller des Gutshauses Schmachthagen gesperrt. Als die beiden am folgenden Tag versuchten zu fliehen, wurde Litzendorf so schwer verwundet, dass er wenig später im Krankenhaus verstarb.

Ein Zentrum der Putschisten war das Gutshaus des Kammerherrn von Plessen in Damshagen. Dort versammelten sich die Gutsbesitzer, Gutspächter und Inspektoren der Gegend, um gemeinsam gegen streikende Arbeiter aus Parin und Rolofshagen vorzugehen.

Als bewaffnete Arbeiter aus Grevesmühlen anrückten, kam Verstärkung vom Gutspächter Karl Böbs aus Elmenhorst. Auch dort hatte es Streiks und Auseinandersetzungen gegeben. Nachdem diese beigelegt waren, kam Böbs mit einigen jungen Männern seinem Bruder, dem Gutspächter von Rolofshagen, zu Hilfe. Den Wagen, der die Elmenhorster gebracht hatte, schickte er mit dem Futtermeister zurück. Als dieser in Klütz an einer Gastwirtschaft vorüberkam, wurde er dort von einer aufgebrachten Menge gestoppt und verprügelt. Eine Truppe unter Führung des Klützer Gendarmen stürmte daraufhin das Gasthaus, wobei es auch zum Einsatz von Schusswaffen kam.

Bevor die Brüder Böbs in Damshagen Quartier nahmen, fuhren sie zum Forsthaus in Rolofshagen. Von hier aus wollten sie erkunden, was in Grevesmühlen passierte. Darum wurde eine Patrouille, bestehend aus zwei Reitern, nach Grevesmühlen geschickt. Es waren der Sohn des Gutspächters Winter aus Reppenhagen und ein Inspektor. Sie kamen aber nicht zum Ziel. Unterwegs wurden sie durch Arbeiter gestoppt. Der eine wurde vom Pferd gezogen und verhaftet, der andere flüchtete mit seinem Pferd. Auf ihn wurde mit Schrot geschossen. Er wurde dabei leicht verwundet. Der andere wurde nach Grevesmühlen gebracht und in einer Gastwirtschaft (Zur Börse) eingesperrt. Inzwischen hatten sich die Gutsbesitzer hinter Sandsäcken und Stacheldraht im Herrenhaus Damshagen verschanzt und Posten wurden ausgestellt.

Am gleichen Abend kam es zu einer Schießerei. Einer der Brüder Böbs stand auf der Terrasse Posten. „De is grugen worn un hat schaten“ (Er hat sich gefürchtet und hat geschossen), erinnerte sich später ein Zeitzeuge. Verletzt wurde keiner, weil auch keiner dort war. Nach zehn Minuten hörte die Schießerei auf.

Bürgermeister fordert Militär an

Nachdem die Lebensmittel im Gutshaus Damshagen aufgezehrt waren, musste der Kutscher aus Thorstorf, der seinen Herrn gefahren hatte, am 20. März zurück, um Lebensmittel zu holen. In Parin wurde er angehalten und verprügelt. Daraufhin fuhren einige Gutsbesitzer mit einem Kastenwagen nach Parin. Dort sahen sie den Landarbeiter Brümmer und riefen ihn an. Als dieser nicht stehen blieb, wurde auf ihn geschossen. Mit einem Lungensteckschuss wurde er nach Damshagen gebracht, wo er vom Arzt Dr. Peters behandelt wurde. Anschließend kam Paul Brümmer in das Krankenhaus nach Grevesmühlen, wo er starb. In Grevesmühlen wurden Streikbrecher in den Betrieben gewaltsam an der Arbeit gehindert. Daraufhin forderte der Bürgermeister Militär an. Am Morgen des 20. März rückten aus Wismar Reichswehreinheiten in drei Lastautos ein, auch Zeitfreiwillige und Freikorpsleute waren darunter. Diese verhafteten etwa 50 Mann, von denen aber nach sofortiger Untersuchung 16 zurückbehalten wurden.

Schüsse in die Menge

Während dieser Vorgänge wurde mehrfach blindlings geschossen. Der Landarbeiter Paul Jahnke wurde in der Sandgrube bei Hungerstorf erschossen aufgefunden. Ein Arbeiter Jedosch, der am Tage vorher eine Pistole in den Vielbecker See geworfen hatte, wurde in den See geschickt, um die Pistole zu suchen. Danach ließ man ihn im nassen Zeug auf einem Lastauto längere Zeit stehen. Am Abend dieses verhängnisvollen Tages kam endlich der Befehl: „Die Zeitfreiwilligen haben sich sofort aufzulösen!“, und die letzten Putschisten gaben auf. Hierauf verschwanden die beteiligten Gutsbesitzer und flüchteten zum größten Teil nach Lübeck. Die Stadtverordnetenversammlung Grevesmühlen beschloss am 22. März, dass für die Schäden, die durch die Reichswehr entstanden sind, aus der Stadtkasse Ersatz geleistet werden soll. Vom Bürgermeister wurde verlangt, dass er im Interesse der Stadt vorläufig von Grevesmühlen fernbleibt.

Überall wurde nun die Strafverfolgung wegen Hochverrats gegen die Putschisten begonnen, die jedoch vom Reichsgericht verworfen wurde. So erging es auch Bürgern aus Grevesmühlen, die in einem Schreiben vom 23. März 1920 an das Mecklenburg-Schweriner Justizministerium die Verhaftung folgender Personen forderten: Bürgermeister Dr. von Leitner, Hofbesitzer von Puttkammer in Hungerstorf, Gutsbesitzer Dr. Simon in Schmachthagen, Gutspächter Böbs, Rolofshagen, Gutsbesitzer von Plessen, Damshagen, Gutsbesitzer Keding, Groß Walmstorf u.a.

Diese Personen hatten den Staatsstreich direkt unterstützt, Truppen angefordert, Verhaftungen und Misshandlungen vornehmen lassen und waren mitverantwortlich für die Ermordung einiger Arbeiter. Es kam zu einem ausgedehnten Schriftverkehr, der letztlich damit endete, dass gegen diese Putschisten kein Strafantrag gestellt wurde.

Manfred Rohde

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