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Nordwestmecklenburg Drängler schießt auf der Autobahn 20
Lokales Nordwestmecklenburg Drängler schießt auf der Autobahn 20
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15:55 24.09.2018
Benjamin S. muss sich wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verantworten. Quelle: dpa/Symbolbild
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Grevesmühlen

Ein 29-Jähriger aus Rostock soll mit einer Schreckschusswaffe auf einen Autofahrer geschossen haben. Ereignet haben soll sich der Vorfall Anfang Februar auf der A20 zwischen Grevesmühlen und Bobitz. „Zweimal wurde geschossen, ich habe die Waffe genau erkannt. Sie hatte einen silbernen Griff, das konnte ich im Scheinwerferlicht sehen“, beschreibt Opfer Sven K. (44) die Situation auf der Autobahn. Er kam von der Arbeit aus Lübeck und wollte nach Hause, als er einen Lastwagen überholte. „Ich habe das Auto, das von hinten kam, vorbeigelassen. Aber kurz darauf fuhr der Wagen plötzlich neben mir und der Fahrer hielt eine Waffe in Richtung Beifahrerfenster. Dann hörte ich die Schüsse.“

Alles Quatsch, sagt Benjamin S. auf der Anklagebank. Der 29-Jährige kann sich zwar erinnern, dass es am 7. Februar am frühen Abend zu einem Vorfall auf der A 20 gekommen war. Aber der stellt sich aus seiner Sicht völlig anders dar. „Wir waren zu zweit im Auto unterwegs, mein Kumpel, ein Nigerianer, saß am Steuer.“ Dann sei von hinten ein Drängler auf sie aufgefahren, so dass es fast zum Unfall gekommen sei. „Ich habe dann von Beifahrersitz aus so eine Bewegung mit der Hand gemacht wie mit einer Waffe, das war alles.“ Seine Schreckschusspistole habe er im Januar verkauft. Die Unterlagen dazu will er nachreichen, ebenso wie die Adresse des Fahrers (“Den Namen kann ich nicht aussprechen, aber der Vorname ist Eddie“).

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Zwei Versionen, ein Vorfall. Für Gericht und Staatsanwaltschaft ist die Auseinandersetzung auf der Autobahn bei Grevesmühlen ein undurchsichtiger Fall. Wobei Richter Hinrich Dimpker keinen Hehl daraus macht, dass die Fassung der Geschichte, die Benjamin S. vorgetragen hat, einige Probleme aufweist. Den dunkelhäutigen Fahrer zu finden, dürfte schwierig werden. Zumal Opfer Sven K. mehrfach bestätigte, dass in dem Fahrzeug nur eine Person gesessen habe. Das würde bedeuten, dass S. selbst gefahren sei. Nur: Er hat keine Fahrerlaubnis. Der 29-Jährige besaß nach eigenen Angaben zwar mal einen Führerschein. „Aber ich muss da wohl noch ne Prüfung machen“, erklärte er dem Gericht. Hintergrund: Der Rostocker hatte von 2008 bis 2017 mehrere Haftstrafen ver- und dabei unter anderem seine Fahrerlaubnis eingebüßt. S. war wegen diverser Delikte, unter anderem räuberischer Erpressung, Betruges, Waffenbesitzes und Drogendelikten hinter Gittern gelandet. Durchaus möglich, dass er am Tattag selbst gefahren ist. Denn unstrittig ist, dass das Auto, das auf seine Freundin zugelassen ist, an diesem Tag auf der A20 unterwegs war.

Doch Benjamin S. bleibt bei seiner Version. Auch der Umstand, dass Sven K. die Waffe mit einem silbernen Griff identifiziert hat, und S. genau solch eine Schreckschusspistole besaß, ändert nichts an seiner Aussage. Nun soll der angebliche Fahrer „Eddie“ bestätigen, dass S. lediglich auf dem Beifahrersitz gesessen habe und maximal eine Geste mit der Hand gemacht habe. Begründung: „Wir wollten ihn zur Rede stellen, weil er so gedrängelt hat.“ Laut Benjamin S. hätten sie das Fahrzeug von Sven K. überholt und mit dem Einschalten der Warnblinkanlage deutlich gemacht, dass er anhalten solle. Sven K. beschreibt die Situation etwas anders. „Nachdem aus dem Auto der zweite Schuss abgegeben wurde, fuhr der Wagen vor, schaltete kurz die Warnblinkanlage ein und fuhr dann in Bobitz von der Autobahn.“ Er sei auf dem direkten Weg zum Autobahnpolizeirevier in Metelsdorf gefahren. Weil er meinte, dort sei die Station nicht besetzt, fuhr er weiter nach Wismar, wo er schließlich Anzeige erstattete. Im Rahmen der Ermittlungen wurden in der Wohnung von Benjamin S.’ Freundin sechs Schreckschusspatronen gefunden. Der Angeklagte dazu: „Die waren noch von Silvester übrig.“

Die Verhandlung wird fortgesetzt.

Michael Prochnow