Grünes Abitur in Dassow: So hart ist der Weg zum Jagdschein wirklich
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Grünes Abitur in Dassow: So hart ist der Weg zum Jagdschein wirklich

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18:00 25.07.2020
Jagdschule 24 in Dassow, Gruppenfoto nach bestandener Prüfung
Jagdschule 24 in Dassow, Gruppenfoto nach bestandener Prüfung Quelle: Michael Prochnow
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Dassow/Grevesmühlen

Das laute Klicken des Schlagbolzens war nicht zu überhören. Ich blickte kurz an die Decke des kleines Raumes im Gebäude der Jagdschule 24 in Dassow, dann zu den drei Prüfern, deren Gesichtsausdrücke nicht sonderlich schwer zu deuten waren. „Na, das war wohl nichts.“ Dabei hatten wir es stundenlang trainert, Ausbilder Sascha Austermühle hatte es uns immer wieder eingeschärft. Löst sich in der Prüfung ein Schuss, ist das Thema vorbei. Durchgefallen. Wirklich? „Sie haben Glück gehabt, der Verschluss war geöffnet und Sie haben

Ausbilder Sascha Austermühle (links) überreicht Autor Michael Prochnow die Urkunde. Quelle: Steffi Dutschke

sofort gewusst, welchen Fehler sie gemacht haben“, erklärte der Prüfer. „Gesamtnote 4.“ Egal, das reicht, Hauptsache nicht durchgefallen. Insgesamt fünf mündliche Prüfungen stehen an diesem Tag auf dem Programm. Fünfmal 20 Minuten, in denen die Prüfer die insgesamt 28 Jagdschüler unter die Lupe nehmen. Wildtierkunde, Jagdrecht, Hygiene und Krankheiten, Naturschutz, Jagdhunde und natürlich Waffenkunde und Waffenrecht sind die Fächer, die wir wochenlang gepaukt haben für die Prüfungswoche.

Drei Prüfungskomplexe an drei Tagen

Schießprüfung: 100 Meter ist die Scheibe entfernt, 50 Punkte sind das Maximum. Quelle: Michael Prochnow

Die Schießprüfung liegt schon zwei Tage zurück, vier Disziplinen müssen die Schüler absolvieren. 100 Meter auf einen Rehbock, laufenden Keiler, mit der Flinte auf einen laufenden Hasen (natürlich aus Blech) und drei Schüsse mit dem Revolver. Am Tag darauf stand die schriftliche Prüfung an, in zweieinhalb Stunden müssen knapp 100 Fragen beantwortet werden. Schießen und das schriftliche Examen sind nicht das Problem, hier fällt kaum jemand durch. Die mündliche Prüfung ist der Knackpunkt, sechs von 28 Männern und Frauen werden es an diesem Tag nicht schaffen. Sie müssen die gesamte Prüfung wiederholen.

Sechs Schüler fallen durch die Prüfung

Jagdschule 24, hier der Kurs mit Sascha Austermühle im Unterricht Quelle: Michael Prochnow

Ich bin froh, dass ich zu den 22 gehöre, die es geschafft haben. Denen Sascha Austermühle am Ende des Tages die Urkunde in die Hand drückt und mit einem Weidmanns Heil (neuerdings mit „e“ statt „a“) verabschiedet. Jäger sind wir nun auf dem Papier. Und in der Praxis? Anfänger mit einem Grundwissen, mehr nicht. Und einem Hobby, das im Freundes- und Bekanntenkreis durchaus zu kritischen Fragen und Debatten führt. Die häufigste Frage dabei: „Du willst Tiere erschießen? Ja, das gehört dazu. Aber darum geht es nicht bei der Jagd. Sascha Austermühle, der während des theoretischen Wissens um Tiere, Waffen, Recht, Land- und Fortwirtschaft auch viel Wert auf Brauchtum und Ethik legt, hat uns immer wieder deutlich gemacht, dass der Finger im Zweifel lieber gerade bleibt. Heißt: „Geschossen wird nur, wenn Sie sich ganz sicher sind, dass es auch das richtige Stück ist, dass Sie vor dem Laufe haben.“

Denn Jagen heißt nicht, alles zu schießen, was im Fadenkreuz auftaucht. Die Sache ist, auch das haben wir gelernt, sehr viel komplizierter. Abgesehen davon, dass es bis auf Schwarzwild festgelegte Abschusspläne gibt und weibliche Tiere, die Nachwuchs aufziehen, ohnehin tabu sind, geht es vielmehr darum, in der Natur mit der Natur zu leben. Das zu vermitteln, das versuchen die Ausbilder in der Jagdschule.

Scheinesammler und Waffennarren

Jagdschule 24, ein großer Teil der Ausbildung beschäftigt sich mit Waffen. Quelle: Michael Prochnow

Das fruchtet nicht bei jedem. Denn in den Kursen sitzen beileibe nicht nur angehende Jäger. Es gibt Menschen, denen geht es darum, auf legale Weise an einen Waffenschein zu kommen. Es gibt die „Scheinesammler“, die vom Bootsführerschein über einen Taxischein bis zum Jagd- und Angelschein alles absolvieren, was in Deutschland möglich ist. Und es gibt Menschen, die im Jagdkurs feststellen, dass die Sache sehr viel schwieriger ist, als sie gedacht haben. Und vor der Prüfung abbrechen.

350 Jagdschüler pro Jahr

Der Andrang ist seit Jahren groß, rund 350 Männer und Frauen absolvieren pro Jahr in der Jagdschule 24 in Dassow/Holm den Lehrgang. Insgesamt bietet die Jagdschule zwölf Durchgänge an, die jeweils drei Wochen dauern. Am Ende stehen die Prüfungen für den Jagdschein. Wie Inhaberin Steffi Dutschke, die die Jagdschule zusammen mit ihrem Mann führt, berichtet, steige der Frauenanteil seit Jahre kontinuierlich. „Eine gute Entwicklung wie ich finde, Frauen verhalten sich anders auf der Jagd. Männer sind zwar erfolgreicher, Frauen gehen umsichtiger vor, erst wenn alles stimmt, dann wird auch ein Stück erlegt.“ Corona hat auch in der Jagdschule für einige Probleme gesorgt. Der Märzkurs wurde unmittelbar vor den Prüfungen unterbrochen, der April-Lehrgang fiel komplett aus. „Und im Mai hatte der Unterricht gerade begonnen, als die Anweisung kam, den Kurs abzubrechen“, schildert Steffi Dutschke die vergangenen Wochen. inzwischen läuft der Betrieb wieder, allerdings unter Einhaltung aller Hygienevorschriften, was den Unterricht und die Prüfungen nicht einfacher macht.

Unterschätzt habe auch ich die Anforderungen im Kurs und in der Prüfung, zehn Stunden Unterricht pro Tag, dazu Schießübungen auf der Anlage am Kiebitzmoor, anschließend Selbststudium zu Hause, um den Stoff des Tages ins Gehirn zu hämmern. Abwurfzeiten, Zahnformeln, um festzustellen, wie alt das Stück tatsächlich ist, Wilddichte, welche Krankheiten werden durch Viren erzeugt, welche durch Bakterien? Welche Schäden richten die einzelnen Wildarten an, wie oft gibt es Nachwuchs? Und vor allem, wann? Irgendwann waren die Zahlen nur noch Salat in meinem Kopf, denn eigentlich hatten wir das alles schon einmal.

Jagdschule 24 Quelle: Michael Prochnow

Corona: Absage der Prüfungswoche im März

Deshalb sind wir der Corona-Märzkurs. Unmittelbar vor Beginn der Prüfungen, die für uns am 16. März beginnen sollten, sorgte Corona für ein jähes Ende unseres Lehrganges. Zwei Wochen umsonst gebüffelt. Prüfungen abgesagt, niemand wusste, ob und wann sie nachgeholt werden. Dabei kommen die meisten Kursteilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet, einige sogar aus Bayern. Frust in der Gruppe. Bis Ende Juni dann die Nachricht kam, in 14 Tagen gibt es einen neuen Termin. Also wieder hinsetzen, lernen, wiederholen. Sascha Austermühle macht kein Geheimnis daraus, was uns bevorsteht. „Die mündliche Prüfung entscheidet, es werden nicht alle schaffen beim ersten Mal.“

Jagdschule 24, der beste Prüfling wird symbolisch zum Jungjäger geschlagen. Quelle: Michael Prochnow

Er hat Recht behalten. Auch mit dem Hinweis, dass für uns mit der erfolgreichen Jagdprüfung die Ausbildung erst beginnen werde. Stimmt, die nächsten Monate gehe ich mit erfahrenen Jägern mit, ohne Waffe, nur mit dem Fernglas. Lernen, begreifen und Natur erleben. Und meinen Kindern erklären können, wer und was dort lebt im Wald, auf dem Feld und auf den Wiesen und in den Seen und Flüssen. Warum es sich lohnt, die Umwelt zu schützen. Deshalb will ich Jäger werden.

Von Michael Prochnow