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Nordwestmecklenburg Hat ein Wolf Galloways angegriffen?
Lokales Nordwestmecklenburg Hat ein Wolf Galloways angegriffen?
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16:25 11.03.2018
Kurt Klaczinski mit den Galloways auf der Weide in Pötenitz, im Vordergrund der verletzte Jungbulle. An der Schulter sind noch die Verletzungen zu erkennen, zudem wurde das Tier an der Kehle angegriffen. Quelle: Fotos: Michael Prochnow
Pötenitz

Für Kurt Klaczinski ist die Sache so gut wie klar. „Das kann nur ein Wolf gewesen sein, auch wenn es keine Beweise gibt. Aber wir müssen darüber sprechen.“ Und das macht der Landwirt aus Pötenitz, der neben seinem Haus Galloways züchtet. Ein Jungbulle ist vor einigen Tagen schwer verletzt worden, insgesamt dreimal wurde das mehr als 150 Kilogramm schwere Tier angegriffen. „Neben der Wunde an der Schulter gibt es die typischen Kehlbisse, auch der Tierarzt vermutet, dass es ein Wolf gewesen sein könnte“, sagt Klaczinski. „Es geht mir auch nicht darum, dass wir jetzt eine Diskussion anfangen, ob es sich beweisen lässt oder nicht. Aber wir müssen darüber reden, dass es hier Wölfe geben kann. Und dass man sich darauf vorbereiten muss.“ Einen zwei Meter hohen Zaun um die Weide seiner Galloways zu ziehen, hält der Landwirt für die falsche Methode. „Wer weiß denn, wie hoch der Zaun am Ende sein muss?“

Landwirt Kurt Klaczinski aus Pötenitz sucht nach einer Erklärung für die Verletzung.

Für ihn und seine Tiere haben die Angriffe der vergangenen Tage erhebliche Auswirkungen. Die drei Bullen, die getrennt von den Kühen mit ihrem Nachwuchs gehalten werden, sind seit den Attacken scheu.

„Ich komme nicht mehr an sie heran, das war vorher anders.“ Etwas habe die Tiere völlig verschreckt. „Und Hunde kennen sie, hier gehen oft Leute mit ihren Hunden spazieren, das stört sie nicht.“ Und wenn ein wildernder Hund in das Gehege eingebrochen ist? „Ein Hund hat gegen drei Bullen keine Chance, der ist schneller draußen, als ihm lieb ist. Das war ein Tier, das töten wollte, der Kehlbiss ist typisch“, sagt Kurt Klaczinski. Inzwischen sind die Jäger aus der Gegend alarmiert, Klaczinski hat Wildkameras aufgestellt, die ihm der Jägerhof in Dassow zur Verfügung gestellt hat. „Aber bis auf ein einziges Foto, auf dem man nur ein Augenpaar sieht, haben wir leider nichts. Wahrscheinlich ist er längst weitergezogen.“

Dafür spricht auch, dass das Reh- und Schwarzwild seit einigen Tagen wieder auf den Äckern äst. „Hier war tagelang kein Wild zu sehen, das ist auch den Jägern aufgefallen. Etwas hat dafür gesorgt, dass die Tiere in der Deckung blieben.“ Aber was?

Tierarzt: "(..) es deutet vieles darauf hin, dass es ein Wolf gewesen ist."

Auch Tierarzt Hans-Heinrich Burmeister aus Teschow, der von Kurt Klaczinski gerufen wurde, wundert sich über die Wunden. „Natürlich gibt es keine Beweise, aber vieles deutet darauf hin, dass es ein Wolf gewesen sein könnte“, sagt der Veterinär auf Anfrage der Redaktion. Die Herde sei völlig verstört gewesen, die Wunden des Jungbullen sehr tief. „Mehr kann ich nicht sagen, außer dass es schon ziemlich ungewöhnlich ist“, kommentierte er.

Erst vor einer Woche hatte die LN ein Interview mit dem Wolfsbeauftragten des Forstamtes Grevesmühlen, Grischa Mai, veröffentlicht. Dort erklärte der Experte, dass es zwar zahlreiche Gerüchte, aber keine bestätigten Wolfsmeldungen gebe. Das gilt auch im Fall von Kurt Klaczinski. Denn es gibt weder Spuren noch verwertbare Fotos oder gar eine Analyse der Bisswunden. Dass die DNA-Untersuchung nicht hatte stattfinden können, hat einen simplen Grund. „Es gab keine Möglichkeit, an das verletzte Tier heranzukommen“, erklärt der Landwirt. „Es ist schon schwer, das Vertrauen der Tiere zu gewinnen, wenn alles in Ordnung ist. Aber nach der Aktion ist es unmöglich, ins Gehege zu gehen.“ Er hofft, dass sich die Tier wieder beruhigen. Die Wunden des jungen Rind heilen langsam. Viel hätte nicht gefehlt und Klaczinski hätte das Tier schlachten müssen. „Damit habe ich an sich kein Problem, wir halten die Tiere, um sie zu schlachten. Aber wenn eines unserer Rinder so leiden muss, das tut schon weh.“

Landesjagdverband: Information der Bürger über Ausbreitung mangelhaft

Der Landesjagdverband sieht den Informationsfluss mit gemischten Gefühlen. Wie der Sprecher des Verbandes, Ulf-Peter Schwarz, mitteilt, sei die Information der Bürger über die Ausbreitung und das Vorhandensein von Wölfen als mangelhaft zu bewerten. Was allerdings daran liege, dass „sich bei Bekanntwerden einer Wolfssichtung schnell eine Diskussion um Für und Wider hochschaukelt und relevante Informationen nicht an die Öffentlichkeit kommen.“

Das länderübergreifende Wolfsmonitoring wird vom Landesjagdverband unterstützt. „Denn die Jäger sind es, die als Erste in direkten Kontakt mit dem Wolf kommen.“ Da die Wolfs-Population einer starken Dynamik unterworfen ist, werden in zwei Jahren über 1000 Wölfe in Deutschland heimisch sein. Schwarz: „Das bedeutet faktisch, er ist da und er wird bleiben. Unsere Aufgabe als Jäger und Naturschützer sehen wir in der Begleitung der Wiederbesiedlung bei gleichzeitiger Konfliktminimierung. Das heißt konkret, dass sogenannte verhaltensauffällige Wölfe kurzfristig entnommen werden müssen und der Wolf über kurz oder lang in die jagdliche Bewirtschaftung muss. Geschieht das nicht, wird aus dem scheuen, wilden Wolf ein zahmer, unberechenbarer Wolfshund. Für diesen Fall hat er keine Zukunft.“

In Stormarn gibt es Meldungen über einen Wolf

Vor wenigen Tagen hat eine Restaurantbesitzerin auf dem Lütjensee in Schleswig-Holstein einen Wolf gefilmt. Nun gibt es aus dem Landkreis Stormarn Meldungen über mögliche Angriffe eines Raubtieres. So entdeckte Hobbylandwirt Karl-Friedrich Wernecke auf der Schlosskoppel im Ortsteil Tralau ein totes und ausgeweidetes Kalb. Der Tiefbau-Unternehmer und Hobby-Landwirt züchtet Highlandrinder. Nun werden die Spuren untersucht. Da der Angriff zu Wochenbeginn erfolgte, als noch Schnee lag, konnte der zuständige Wolfsbeobachter die Fährte des Tieres untersuchen. Doch die letzte Gewissheit fehlt. Denn dafür müsste die Spur mindestens 100 Meter lang sein. Wolfsexperten verweisen darauf, dass die Raubtiere – anders als Hunde – größere Strecken in einem bestimmten Trab laufen.

 Michael Prochnow