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Nordwestmecklenburg Als Pferde noch die Milch brachten
Lokales Nordwestmecklenburg Als Pferde noch die Milch brachten
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11:41 23.05.2019
Als die Milch noch mit Pferden angeliefert wurde – hier ein Foto aus Bargteheide. Das neue Heimatheft thematisiert die Milchversorgung in Grevesmühlen. Quelle: PRIVAT
Grevesmühlen

Es ist heute so denkbar einfach: rein ins Geschäft und Milch gekauft. Früher jedoch stellte sich das etwas komplizierter dar. Ortschronist Eckart Rederborg beschäftigte sich mit der Milchversorgung in Grevesmühlen im neuen Heimatheft, das nun vorliegt und beim Heimatverein erhältlich ist.

Grevesmühlen hatte einst eine Molkerei – im Jahr 1890 nahm sie ihren Betrieb an der Klützer Straße auf. Zuvor waren die Haushalte auf die eigene Milchversorgung angewiesen. Auf größeren Grundstücken fanden sich Ställe, in denen eine Ziege oder eine Kuh gehalten wurde. Nicht alle hatten diesen Luxus. Für sie stellte die Gründung der Molkereigenossenschaft einen Fortschritt dar, dem sie einigen Gutsbesitzern und Großbauern benachbarter Dörfer, Kaufleuten und angesehenen Bürgern aus Grevesmühlen zu verdanken hatten.

Von dort holte ein Großteil der Stadtbewohner unter schwierigen Bedingungen ihre Milch in Kannen ab. Der Magistrat der Stadt forderte Erleichterungen. Das veranlasste die damalige „Grevesmühlener Zeitung“, mit spitzer Feder zu berichten.

Milchversorgung durch die Wasserleitung

Schon seit längerer Zeit ist die Milchversorgung (...) eingestellt. Es muss nun ein jeder seine Milch von der außerhalb der Stadt liegenden Molkerei abholen, ein Zustand, der auf die Dauer kaum ertragbar ist (...).

Da nun die Molkerei keine Verkaufsstellen in der Stadt einrichtet, ist ein hiesiger Tiefbautechniker auf den Gedanken gekommen, das Wasserleitungsnetz der Milchversorung nutzbar zu machen, eine Idee, die (...) noch nirgends durchgeführt ist. (...)

Ein kleiner Versuch soll am ersten Ostertag gemacht werden, indem von 8 bis 9 Uhr das Wasser abgestellt wird. Dann soll das Rohr von der Molkerei bis Marktplatz eine Stunde lang für Milchbelieferung frei sein. (...) Die Literzahl der Milch wird durch eine neu eingesetzte Wasseruhr gemessen. (...) Bei Bewährung soll in jeder Straße eine Milchempfangstelle eingerichtet werden. (...) Die Erfindung hat, wenn sie sich bewährt, zweifellos eine große Zukunft und wird ihren Siegeszug durch die Welt antreten. (...)

Erschienen ist der Beitrag am 31. März 1923 – und entpuppte sich als Aprilscherz. Auch wenn es nicht bahnbrechend war und den Siegeszug durch die Welt antrat: Es veränderte sich etwas. Mitte der 1920er-Jahre gab es zumindest ein mit Molkereiprodukten handelndes Geschäft in Grevesmühlen. Mit Wagen fuhren Milchhändler durch die Stadt und machten sich durch eine Glocke bemerkbar, um Voll- und Buttermilch zu verkaufen, die sich die Bewohner in Kannen abfüllen ließen.

„Die letzten Milchhändler per Milchwagen waren Wilhelm Koch und Friedrich Nordengrün. Letzterer richtete sich bereits 1951 die ,Milchhalle‘ in der Parkstraße ein“, heißt es im Heimatheft.

An sogenannten „Zapfstellen“ sind die Kannen mit Milch befüllt worden. Quelle: ARCHIV

Milchgeschäfte wurden später durch die staatliche Handelsorganisation (HO) oder durch die Konsumgesellschaft übernommen. In den Lebensmittelgeschäften wurde die Milch per Flasche oder ab etwa 1980 in Plastikbeuteln verkauft.

Die Molkerei ist Anfang der 1960er-Jahre mit einem Kostenaufwand von zwei Millionen Mark erweitert worden. Der Betrieb ist am 13. August 1990 geschlossen und später abgerissen worden. Seitdem werden in Upahl Milchprodukte hergestellt.

1890 ist in der Molkerei in Grevesmühlen der Betrieb aufgenommen worden. 100 Jahre später schloss sie und wurde abgerissen. Quelle: KARL-ERNST SCHMIDT

 

Das steht außerdem im Heimatheft

30 Jahre nach dem Mauerfall erinnern sich Grevesmühlener an den denkwürdigen Tag, 9. November 1989. Als der SED-Funktionär Günter Schabowski in einer Pressekonferenz stotternd mitteilte, dass ab sofort die DDR-Grenzen geöffnet seien, lag Eckart Redersborg im Krankenhaus. Einen Tag später ist er operiert worden. Über ein Kofferradio verfolgte er ungläubig die Nachrichten.

Angret und Eckart Redersborg aus Grevesmühlen Quelle: PRIVAT

Seine Frau Angret hingegen hat die ganze Aufregung verpasst. Zur Zeit des Pressekonferenz war sie bei den Proben des Lehrerchors. Abends und am darauffolgenden Morgen hörte die Lehrerin kein Radio – und fuhr nichts ahnend zur Schule. Dort erreichte sie dann die Nachricht, die längs um die Welt ging.

Ulf-Peter Schwarz Quelle: JÜRGEN LENZ

Jäger, Verleger und Mitglied des Heimatvereins Ulf-Peter Schwarz verbrachte den historischen Abend mit Jagdflinte auf dem Hochsitz und erlegte ein Wildschwein, berichtet er im Heimatheft. Am Morgen danach fuhr er Rinder- und Schweineställe ab, um unter anderem nach Tierarztwünschen zu fragen. Begrüßt worden sei er von Tierpflegern mit den Worten: „Du noch hier und nicht im Westen?“ „Mein verdutztes Gesicht hätte ich selbst gern gesehen“, berichtet er.

Im Heimatheft vorgestellt wird auch der neue Wohnpark „Kirchblick“ der städtischen Wobag. Und: An das Kriegsende erinnern Beiträge von Manfred Rohde aus Grevesmühlen zur Flucht der Deutschen Oberschule Riga, von Manfred Kutz aus Hohenkirchen zur Flucht seiner Familie aus Bad Polzin sowie von Horst Gädert aus Lübeck zur „Stunde null“ in Grevesmühlen.

Jana Franke

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