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Nordwestmecklenburg Immer wieder strandeten Schiffe
Lokales Nordwestmecklenburg Immer wieder strandeten Schiffe
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20:10 29.06.2018
Der Leuchtturm auf der Buk-Spitze bei Bastorf macht noch seinen Job. So sah er in der Zeit um 1900 aus. Der Leuchtturmwärter, der dort mit seiner Familie auch wohnte, war zugleich Landwirt. Quelle: Foto: Sammlung Ingrid Schoof
Wismar

Trotz aller Navigationshilfen kam es immer wieder zu Strandungen. Denn weit mehr als heute waren die Schiffe der Gewalt der Elemente ausgesetzt. Hier drei krasse Beispiele: In der Nacht vom 20. zum 21. Oktober 1880 richtete ein orkanartiger Sturm, der von Regen, Hagel und Schneetreiben begleitet wurde, beträchtlichen Schaden an der mecklenburgischen Küste und in der Schifffahrt an. Vor Börgerende strandeten gleich zwei schwedische Schoner. Es handelte sich um den 83 englische Register-Tonnen großen Schoner „Slavan“ aus Moensteras, der unter Leitung des Kapitäns Kjellberg fuhr, eine vierköpfige Besatzung besaß und mit einer Ladung von Brettern und acht Tonnen Teer auf dem Weg nach Wismar war. Der zweite Schoner mit dem Namen „August“ und mit 115 Register-Tonnen angegeben, war in Slite zu Hause und wurde von Kapitän Oesterberg geführt. Seine Besatzung bestand aus fünf Matrosen. Auch er hatte Bretter geladen, die für Lübeck bestimmt waren.

Schwere Herbststürme setzten den Seglern heftig zu.

Der Autor

Dr. Jürgen Jahncke, geboren 1938 in Bad Doberan, lebt in Kühlungsborn. Bis 1990 war er Lehrer und unterrichtete Deutsch und Sport. Im Ruhestand wandte er sich verstärkt lokalhistorischen Forschungen zu und wurde ein produktiver Autor. Zwölf Bücher und viele einzelne Beiträge hat er bisher veröffentlicht.

Die Strandung des „Slavan“ gestaltete sich als besonders tragisch, denn der Schoner war am 20. Oktober abends bereits vor seinem Bestimmungsort Wismar angelangt. Er erhielt jedoch trotz Setzens der Lotsenflagge wegen Einbruch der Dunkelheit keinen Lotsen mehr und war gezwungen, auf der Reede vor Anker zu gehen. In der Nacht wehte eine zunehmende Brise aus Nordwest bis West, so dass der Kapitän die Segel setzen ließ, um nunmehr den sicheren Hafen Warnemünde anzusteuern. Doch die anfängliche Brise entwickelte sich schnell zum Orkan aus nördlicher Richtung. Dieser zerriss teilweise die Segel des Schoners bei einer See mit mehreren Metern hohen Wellen. Der Kapitän gab unter diesen widrigen Bedingungen in Höhe Börgerende seinen Plan auf und setzte das Schiff auf den Strand und rettete so seine Mannschaft vor dem Ertrinken.

Ähnlich erging es dem Schoner „August“. Er erreichte in der gleichen Nacht, aus Richtung Darßer Ort kommend, die Bukspitze bei Arendsee (heute Kühlungsborn West) und ging dort vor Anker, um sich vor dem Sturm zu schützen. Das gelang jedoch nicht, sondern der aufkommende Orkan warf ihn gleichfalls bei Börgerende auf den Strand, ohne Menschen zu schädigen. Nach Abflauen des Sturmes am nächsten Tag lagen beide Schiffe nahezu auf dem Trocknen, so dass die beiden Kapitäne beschlossen, die Ladungen am Strande zu löschen, um ihre Schiffe mit Hilfe eines Schleppdampfers wieder flottzubekommen. Die Schiffe schienen unversehrt zu sein.

Am 22. November 1884 strandete die norwegische Brigg „Nissen“, geführt von Kapitän Stendal, bei Nienhagen. Das mit Holz beladene Schiff kam aus Riga und war auf der Fahrt nach Lübeck, als es in der Mecklenburger Bucht in schwere See geriet. Das aus Warnemünde stammende Rettungsboot „Vorwärts“ barg die achtköpfige Mannschaft aus Seenot. Das Wrack der Brigg sollte am Strandungsort verkauft und zertrümmert werden, wenn nicht ein Sturm es vorher ganz demolieren würde. Das geschah dann schließlich.

Heimatgeschichte: Schifffahrt und Schiffskatastrophen in der Mecklenburger Bucht

Ein Segel-Handbuch und Seekarten, alles aus der Zeit um 1900, boten wertvolle und gesicherte Hinweise für die Navigation in der Ostsee – in diesem Fall in der Mecklenburger Bucht. Dort werden auch viele Landmarken erwähnt – markante Punkte, die von See aus gut zu sehen waren und Hilfe bei der Navigation boten. Denn an unsere heutigen Hilfsmittel Radar und GPS war damals noch nicht einmal zu denken.

Die Ansichten vom Küstenverlauf auf den Seekarten und die Beschreibungen des Segelhandbuches ergänzten sich. In beiden Schriftstücken wird die gotische Kirche in Alt-Gaarz (heute Rerik) mit ihrem wuchtigen Turm bei klarem Wetter als wichtige Landmarkierung angesehen.

Der Leuchtturm auf dem Buk steht in 78 Meter Höhe vor der gleichnamigen Spitze. An seiner Südseite befindet sich das Wärtergebäude. Der Turm ist um 1900 mit einer Tagessignal- und Fernsprechstation mit ständiger Besetzung ausgestattet. Weitere wichtige Landmarken waren die Kirche zu Steffenshagen – sie wird bis heute die Seefahrerkirche genannt – sowie die in deren Nähe erkennbare Jennewitzer Windmühle. Deutlich heben sich zudem die weißen Gebäude Heiligendamms aus dem Wald ab. Als bester Ankerplatz wird der Tongrund zwischen Stoltera und Warnemünde empfohlen.

Den schlanken, hohen Turm des Doberaner Münsters kann man aus allen Richtungen deutlich ausmachen. Als nächste wichtige Orientierungspunkte in östlicher Richtung gelten die markanten Türme von Rostock in der Reihenfolge: Kirche Teutenwinkel, Petrikirche, Nikolaikirche, Steintor, Marienkirche, Jakobikirche, Kröpeliner Tor. Sie sind bei klarem Wetter bis 26 Seemeilen von See aus erkennbar.

Die Ansicht von Warnemünde von der Reede aus ist wegen der Einfahrt in den Hafen auffallend gut beschrieben beziehunsgweise gezeichnet.

Neben den Molen und Baken sind als Markierungspunkte auch Hotel Pavillon, Hotel Beringer, Neue Kirche, Hotel Hübner, Damenbad, Windmühle, neuer Rettungsbootschuppen, Herrenbad und alter Rettungsbootschuppen angegeben. Der Grund der Reede bietet mit seinem Gemenge aus Sand und Ton einen guten Ankerplatz.

„Den besten Ankerplatz findet man nördlich vom Leuchtfeuer in zehn Meter Tiefe in der Peilung, waldiger Ufervorsprung Schröders Ort gut außerhalb Stoltera“, heißt es im Segelhandbuch. Es warnt vor der Wassertiefe auf der Barre 3 vor der Warnow-Mündung, die im Durchschnitt fünf Meter beträgt, aber sich nach schweren Stürmen bis auf 4,25 Meter verringern kann. Durch ihre „Wanderung“ werde sogar eine Veränderung der Fahrrinne möglich, wird gewarnt.

Im Eis vor Wustrow festgefroren

Am 7. März 1888 veröffentlichte der „Ostsee-Bote“ eine besondere Meldung aus der Region Neubukow. Das Treibeis in der Ostsee türmte sich auf. Darin festgefroren, trieben zwei große Dampfschiffe, das eine etwa eine Meile nördlich der Halbinsel Wustrow entfernt, das andere eine halbe Meile östlicher. Vom ersten Dampfer, einem russischen Schiff mit dem Namen „Wilhelm Tell“, stiegen zur Verwunderung der Einwohner zwei Seemänner ab, der zweite Steuermann und der Schiffszimmermann. Sie sicherten sich durch eine Leinenverbindung und gelangten über die zu einer riesigen Fläche zusammengefrorenen Eisscholle nach einem zweistündigen Marsch glücklich an Land, um von Alt-Gaarz (heute Rerik) aus den Reeder telegrafisch über ihre missliche Lage zu informieren. Sie berichteten, dass sie schon sieben Tage unterwegs gewesen wären und dass sie unter normalen Bedingungen für die Fahrt von Libau (Lettland) nach Travemünde etwa 50 Stunden benötigt hätten. Die Seemänner blieben eine Nacht an Land und gelangten am Morgen wieder sicher auf ihr Schiff. Am darauffolgenden Tag versuchten sie, ihren einzigen Passagier, einen russischen Kaufmann, auf dem gleichen Wege an Land zu bringen. Das scheiterte jedoch am starken Schneetreiben und der schlechten Sicht. Doch einen Tag später gelang es ihnen, so dass der Kaufmann seine Reise mit der Bahn fortsetzen konnte. Die Einwohner von Alt-Gaarz erfuhren von ihm, dass der Kohlenvorrat des Dampfers zur Neige gegangen war und eine Weiterreise nur per Segeln fortgesetzt werden könne. Alt-Gaarzer und Wustrower Einwohner beobachteten am darauffolgenden Tag, wie das russische Schiff zwar morgens bei ablandigem Wind mitsamt der Scholle seewärts getrieben wurde, jedoch am Nachmittag, bei Wind aus Nordost, seine nahezu identische Position wieder eingenommen hatte. Erst am folgenden Morgen kam es frei und fuhr weiter.

Noch dominieren Segler

Mit der rasch voranschreitenden Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts waren der Stahlschiffbau und der Dampfantrieb auf dem Vormarsch. Doch noch dominierten – vor allem im küstennahen Verkehr – die Segelschiffe. Das belegt eine Statistik aus dem Wismarer Hafen von 1883. Es gab 432 Schiffsankünfte. Davon 331 durch Segelschiffe und 101 von Dampfschiffen. Wismar war ein Hafen von regionaler Bedeutung. 99 Schiffe liefen ihren Heimathafen an, die übrigen kamen vor allem aus dem Ostseeraum und Hamburg. Allerdings gab es auch 58 Schiffsankünfte aus England.

Jürgen Jahncke

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