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Nordwestmecklenburg Integration: Wie aus dem Lehrbuch
Lokales Nordwestmecklenburg Integration: Wie aus dem Lehrbuch
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09:56 04.02.2019
Hazreta Tuhĉiĉ (50) kommt aus Bosnien-Herzegowina und floh im Jugoslawienkrieg nach Deutschland. Als sie 1995 in München ankam, mit Mann und 4-monatigem Sohn, erfuhr sie vom Massaker in Srebenica. Als die Familie von Bayern aus nach Mecklenburg-Vorpommern geschickt wurde, ahnten sie nicht, wie gut es für sie dort laufen würde. Hazreta Tuhĉiĉ arbeitet seit 17 Jahren beim Pflegedienst Rudi Volk in Schönberg. Seit zwei Jahren leitet die sie Einsatzbereiche Schönberg, Rehna, Selmsdorf.
Hazreta Tuhĉiĉ (50) kommt aus Bosnien-Herzegowina und floh im Jugoslawienkrieg nach Deutschland. Als sie 1995 in München ankam, mit Mann und 4-monatigem Sohn, erfuhr sie vom Massaker in Srebenica. Als die Familie von Bayern aus nach Mecklenburg-Vorpommern geschickt wurde, ahnten sie nicht, wie gut es für sie dort laufen würde. Hazreta Tuhĉiĉ arbeitet seit 17 Jahren beim Pflegedienst Rudi Volk in Schönberg. Seit zwei Jahren leitet die sie Einsatzbereiche Schönberg, Rehna, Selmsdorf. Quelle: Annett Meinke
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Schönberg

Die Geschichte von Hazreta Tuhĉiĉ (50), die während des Bosnienkrieges gemeinsam mit ihrem Mann und dem vier Monate alten Sohn aus ihrer bosnischen Heimat floh und im Sommer 1995 Deutschland erreichte, könnte als Vorzeige-Integrations-Geschichte gelten. Ungefähr zur selben Zeit, als die Familie Tuhĉiĉ München erreichte, wurden in Srebenica mehr als 8000 Bosniaken, Männer und Jungs im Alter zwischen 13 und 78 Jahren, auf unvorstellbar grausame Art getötet. „Wir haben erst, als wir in München ankamen, von dem Massaker erfahren.“, berichtet Hazreta Tuhĉiĉ. (Das Kriegsverbrechen, das UN-Gerichte als Genozid einstuften, wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs trotz Anwesenheit von UN-Blauhelmsoldaten verübt., Anm. d. Red.)

Im Sommer 1995, als die 26-Jährige und ihre Familie Bayern erreichten, während das Unvorstellbare in ihrer Heimat passierte, die Familie dann nach Schönberg in Nordwestmecklenburg verwiesen wurde, – weil der Freistaat zu jener Zeit keine Bosnien-Flüchtlinge mehr aufnahm, – sprachen weder Hazreta Tuhĉiĉ noch ihr Mann ein einziges Wort Deutsch. Jetzt, fast 24 Jahre später, sind Hazreta Tuhĉiĉs und die beiden Kinder, – eine Tochter wurde noch in Schönberg geboren –, deutsche Staatsbürger. Die Familie Tuhĉiĉs besitzt ein kleines Haus, das der Mann der Bosnierin, der auf dem Bau arbeitet, selbst ausgebaut hat.

Hazreta Tuhĉiĉ arbeitet seit 2002 beim Pflegedienst Rudi Volk aus Schönberg, zunächst probeweise, dann bald in Vollzeit – und ist seit 2012 ist dort Bereichsleiterin für die Gebiete Schönberg, Rehna und Selmsdorf. „Unsere beiden Kinder“, sagt sie nicht ohne Stolz, „haben sich für den Lehrerberuf entschieden. Unser Sohn hat sein Examen bereits absolviert und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Sport in einem Gymnasium in Bad Doberan. Unsere Tochter studiert in Rostock auf Lehramt, Biologie und Deutsch.“

Hazreta Tuhĉiĉs Arbeitsplatz in Schönberg - beim Pflegedienst von Rudi Volk. Quelle: Annett Meinke

Der Wunsch, in Deutschland anzukommen

Die Sache mit der Vorzeige-Integrations-Geschichte hat allerdings einen kleinen Haken: Denn, dass es im Fall der Familie Tuhĉiĉ so gut lief, dass sie es geschafft haben, sich ein schönes Leben aufzubauen, hat in allererster Linie etwas mit der Familie selbst und ihrem unbedingten Willen, in Deutschland anzukommen, zu tun. Im Jahr 1995 lag der gesellschaftliche und politische Fokus nicht in der Weise auf dem Wort „Integration“, wie es seit Ausbruch des Syrien-Krieges und der damit zusammenhängenden Fluchtbewegungen allgemein so vehement gefordert wird.

„Deutschkurse vom Staat organisiert“, erzählt Hazreta Tuhĉiĉ, „gab es nicht. Ich habe mich selbst darum gekümmert und bin zur Fachhochschule nach Lübeck gegangen.“ Sie wollte arbeiten, sagt sie, und wusste, ohne gutes Deutsch wird das nicht möglich sein. Und sie wollten kein Geld vom Staat, sagt sie auch. „Es ist gut, dass es in Deutschland so etwas gibt, aber wer zwei gesunde Hände und einen funktionierenden Kopf hat, soll der Allgemeinheit nicht auf der Tasche liegen. Der muss sich sein Leben selbst erarbeiten.“ Und genauso, sagt sie, sind sie und ihr Mann es angegangen.

Dass sie sich über das Erreichte freut, sagt sie, „ist natürlich so.“ Aber sie sagt auch: „Vielleicht bin ich, nach dem, was ich als junge Frau in Jugoslawien erlebt habe, generell auch viel dankbarer für alles, und halte Frieden und Wohlstand nicht mehr für selbstverständlich.“ Dass der Krieg in ihrer Heimat ausbrach, dass es so werden würde, wie es wurde, sagt sie, hätte sie niemals geglaubt. „Zumindest in der kleinen bosnischen Stadt, in der meine Familie lebte, in der ich aufwuchs, (Zvornik, Anm. d. Red.), gab es keine Feindschaft zwischen Serben und Bosniaken, zwischen Christen und Moslems. Mein Vater hatte ein Mietshaus, da wohnten Serben und Bosnier gemeinsam. Wir kannten die jeweiligen Festtage der anderen. Als es mit diesem verrückten Krieg losging und wir auf einmal zur Grenzregion wurden, dachten wir alle: Ach, das geht doch schnell wieder vorbei.“

Später dann, sagt sie, wurde klar, der Wahnsinn geht nicht einfach vorbei. „Es wurde dann auch für die Serben in unserer Stadt, die wir kannten, immer schwieriger, sich zu Bosniern zu bekennen.“ Und dennoch, sagt Hazreta Tuhĉiĉ, hat sie, auch auf ihrer Flucht über Kroatien Richtung Deutschland, immer wieder erlebt, dass Serben ihnen halfen. Dass sie Verwandten, die in Bosnien blieben, halfen. Auch Hazreta Tuhĉiĉs Mann war in einem serbischen Lager interniert, für ein Jahr. „Er hatte Glück, dass das Rote Kreuz, das Lager irgendwann übernahm. Zu dem Zeitpunkt waren von den ursprünglich einmal 160 Internierten nur noch 80 übrig.“

Deutschland ist Heimat

An ihrer Arbeit im Pflegedienst von Rudi Volk schätzt Hazreta Tuhĉiĉ die Arbeit mit den Kollegen und den vielen verschiedenen Menschen, die Pflege brauchen. „Ich plane zwar den Einsatz der Pflegekräfte, bin aber auch nach wie vor auch gern selbst im Einsatz in den Familien. Ich mag das. Die vielen verschiedenen Geschichten der Menschen.“, sagt sie. Als ihr Chef, Rudi Volk, ihr vor Jahren die Leitung der drei Bereiche antrug, beriet sie sich mit ihrer Familie. „Die Familie muss ja mitziehen, wenn ich ständig auf Bereitschaft bin. Wenn mal Jemand plötzlich ausfällt, kann es schon passieren, dass mitten in der Nacht, oder spät am Abend, oder sehr früh am Morgen plötzlich mein Telefon klingelt und ich losmuss.“

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen kann, später, im Alter einmal nach Bosnien zurückzugehen, sagt sie ganz klar: „Nein. Meine Heimat ist inzwischen hier. Ich fahre gern die Familie in Bosnien besuchen, doch ich komme auch gern wieder nach Hause zurück.“ Und außerdem sagt sie, will sie dort sein, wo ihre Kinder sind. Und die sind Deutsche, – die Tochter mit ihren 22 Jahren, die in Deutschland geboren wurde, so und so – doch auch der Sohn, der noch ein Baby war, empfindet ganz klar in Deutschland seine Heimat.

Annett Meinke

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