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Nordwestmecklenburg Ich werde lieber sein, dann wird alles gut
Lokales Nordwestmecklenburg Ich werde lieber sein, dann wird alles gut
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15:04 23.11.2018
"Das muss unser Geheimnis bleiben!" Nur selten suchen sich Kinder nach häuslicher Gewalt Hilfe. Für viele scheint das Handeln der Erwachsenen normal. Quelle: PEXELS
Grevesmühlen

Schon wieder schreit Papa die Mama an. Ich verstecke mich lieber hinter dem Bett. Mama weint. Papa hat sie gerade gehauen, so wie mich gestern. Er hat sich aber entschuldigt und dann war wieder alles gut. Mein großer, starker Papa. Vielleicht entschuldigt sich Papa ja nachher auch bei Mama. Dann bringt er ihr Blumen mit. Wie letzte Woche. Dann sagt er, dass er das nie wieder machen wird und wir sind wieder fröhlich. Oh, jetzt hat er die Tasse gegen die Wand geworfen. Ist es meine Schuld, dass sie jetzt kaputt ist und Mama eine Platzwunde an der Lippe und ein blaues Auge hat? Vielleicht muss ich noch lieber sein. Mama sagt, wir können nicht weg von hier. Wo sollen wir denn wohnen? Wir müssen mit Papa zurechtkommen. Er macht es bestimmt nicht noch einmal. Ich werde einfach lieber sein. Und Mama bestimmt auch. Dann wird alles gut.

Jedes fünfte Kind in Deutschland erlebt häusliche Gewalt – in allen sozialen Schichten. Nur selten öffnen sie sich einer vertrauten Person. Um dafür zu sensibilisieren, Kindern zu verdeutlichen, dass Gewalt in der Familie nicht normal ist, lud Grevesmühlens Gleichstellungsbeauftragte Dorina Reschke Fachpersonal der Kinder- und Jugendarbeit in den Bürgerbahnhof ein. Hintergrund ist die bundesweite Aktionswoche gegen Gewalt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen eine Wanderausstellung und ein Bilderbuch-Kino. Beides können sich Erzieher und Lehrer in die Einrichtung holen. Unter die Haut ging allen Beteiligten vor allem der aus dem Schwedischen übersetzte Film „Wutmann“, in dem aus Kindersicht ehrlich und schonungslos erzählt wird, was in den eigenen vier Wänden geschieht, wenn Papa mal wieder ausflippt. Zunächst war die Idee, diesen Film – wie auch die Wanderausstellung und das Bilderbuch-Kino – Kindern in Grevesmühlen zugänglich zu machen. „Aber Betroffene würde das zu sehr aufwühlen“, erläutert Dorina Reschke den Entschluss, die 20-minütige Erzählung nicht in Einrichtungen zu zeigen.

Oft siegt Scham über Vernunft

Von häuslicher Gewalt Betroffene gibt es auch in Grevesmühlen, das weiß sie aus ihrer Arbeit. So berichtet sie von einer Frau, die mit ihrem Kind vor ihrem gewalttätigen Partner ins Frauenhaus geflohen ist. Aber nicht immer ist es der Mann, der schlägt. „Die Interventionsstelle in Schwerin betreut auch einige Männer, die häusliche Gewalt erleben“, berichtet sie. Den Schritt zu gehen, sich Hilfe zu holen, schafft nicht jeder. „Viele Betroffene schämen sich.“

In ihrer täglichen Arbeit als Verkäuferin erlebt Sigrid Melahn aus Roduchelstorf nicht selten, dass Kinder oft das Ventil für Druckabbau der Erwachsenen sind; sie werden angebrüllt oder stehen gelassen, wenn sie nicht funktionieren. „Sie wollen die Kinder kontrollieren, nehmen sich aber selbst nicht wahr“, meint die 58-Jährige, die die Veranstaltung am Freitag aus Interesse als Privatperson besuchte. Einen ähnlichen Aktionstag erlebte sie in Wismar. Aus persönlichen Gesprächen mit Erziehern weiß sie, dass sie mitunter das Leid der Kinder erkennen, ihnen aber die Hände gebunden sind. Kinder reagieren auf häusliche Gewalt mitunter mit Zurückziehen oder mit Aggression. „In der Tat sind den Erziehern die Hände gebunden“, bestätigt Dorina Reschke. Eine Möglichkeit sei, die Eltern des auffälligen Kindes zum Gespräch zu bitten. Entweder nehmen sie es an oder nicht. Auch mit der Interventionsstelle in Schwerin können Erzieher oder Lehrer Kontakt aufnehmen. „Dort gibt es Beratungsangebote für die Familien. Nicht immer gleich wird das Jugendamt eingeschaltet“, betont Dorina Reschke.

Kinder können die Polizei rufen

Mit der Ausstellung soll Kindern vermittelt werden, dass sie die Polizei (Notruf 110) rufen können. „Wer schlägt, der geht“, verdeutlicht die Gleichstellungsbeauftragte. Der Prügelnde erhält Auflagen und darf die Wohnung zunächst für 14 Tage nicht betreten. Kompliziert wird es, wenn die Frau ins Frauenhaus möchte, ihr Sohn aber älter als 16 Jahre ist. „Die Söhne werden nicht mit aufgenommen. Das führt natürlich dazu, dass die Mutter dann auch nicht geht. Dieses Dilemma muss dringend verändert werden“, kritisiert Dorina Reschke.

Kein Kind hat Schuld, wenn Erwachsene so etwas tun! So vermittelt es der kleine Teddybär, der im Mittelpunkt der Wanderausstellung steht. Jedes Kind hat ein Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Hilfe für Betroffene gibt es bei der Interventionsstelle in Schwerin (0385/5558833) und bei der Kinder- und Jugendberatung (0385/5558186). Die nächstgelegenen Frauenhäuser sind in Wismar (03841/283627) und in Schwerin (0385/5557356). Die kostenlose Nummer gegen Kummer lautet 0800/1110333. Besetzt ist sie montags bis freitags von 15 bis 19 Uhr.

Dorina Reschke, Gleichstellungsbeauftragte in Grevesmühlen: "Kinder sollen mit der Ausstellung sensibilisiert werden, mit ihnen vertrauten Personen zu reden." Quelle: DANIEL HEIDMANN
Sigrid Melahn (58), Verkäuferin und ausgebildete Tagesmutter: "Manche Eltern haben einen Ton am Leib ... Sie wollen die Kinder kontrollieren, nehmen sich selbst aber nicht wahr." Quelle: JANA FRANKE

Jana Franke

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