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Nordwestmecklenburg Im Schneechaos von Rostock nach Grevesmühlen
Lokales Nordwestmecklenburg Im Schneechaos von Rostock nach Grevesmühlen
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13:18 02.01.2019
Panzer sorgten dafür, dass die Straßen geräumt werden konnten. Quelle: Manfred Rohde
Kalkhorst

Als in der Nacht vom 28. zum 29. Dezember 1978 ein Chaos aus Eis und Schnee über den Norden der DDR hereinbrach, schlummerte ich nichts Böses ahnend, friedlich in meinem warmen Bett im Rostocker Seemannsheim „Haus Sonne“, dem heutigen Hotel Steigenberger. Am frühen Morgen des 29., einem Freitag, machte ich mich voller Vorfreude auf das kommende Wochenende, das ich bei der Familie in Grevesmühlen verbringen wollte, auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle im Gebäude der DSR (Deutsche Seerederei Rostock) am Überseehafen. Wie immer stürmte ich ohne Frühstück, und ohne Nachrichten gehört zu haben, in der noch herrschenden Dunkelheit, zur nächsten Straßenbahnhaltestelle, um mit dieser den Hauptbahnhof noch rechtzeitig vor Abfahrt der S-Bahn zum Überseehafen zu erreichen. Doch, Straßenbahn fuhr keine, also hieß es, schleunigst zu Fuß in Richtung Bahnhof zu marschieren. Dort angekommen, fand ich ein ziemliches Chaos vor. Überall ratlose Menschen, die zur Arbeit oder verreisen wollten. Ich begann zu ahnen, dass dieser Tag wohl anders, als die vorhergehenden werden würde. Kein Zug fuhr und auch keine S-Bahn zum Überseehafen. Die Straßen- und Schienenverbindungen dorthin waren durch die Schneemassen komplett blockiert. Plötzlich kamen wiederholt Durchsagen durch die Lautsprecher, die darüber informierten, dass in Kürze Busse eingesetzt würden, die alle, die im Bereich des Überseehafens tätig seien, zum Stadthafen bringen würden.

Manfred Rohde aus Grevesmühlen. Quelle: Daniel Heidmann

Was soll das denn nun bedeuten, fragte ich mich, stieg jedoch zuversichtlich in einen der bereitstehenden Busse ein, der mich nach einiger Wartezeit auch tatsächlich dorthin brachte. Im Essenraum des Hafengebäudes hieß es dann zunächst wieder: Geduld und abwarten! Wie die Geschichte weitergehen sollte, wusste niemand. Endlich kam des Rätsels Lösung: Schiffe der „Weißen Flotte“ wurden für die Weiterfahrt „auf dem Seewege“ bereitgestellt und alle gingen an Bord, wenn auch mit gemischten Gefühlen. Auf der Warnow herrschte ein ziemlicher Eisgang und die Schollen polterten munter gegen die Schiffswand. Da konnten schon Gedanken an das Schicksal der „Titanic“ aufkommen, denn die „Weiße Flotte“ war für den Ausflugsverkehr im Sommer gedacht und nicht für den Einsatz als „Eisbrecher“.

Weiße Flotte als Schneetaxi

Entgegen aller Bedenken, erreichten wir doch, ohne Schaden zu nehmen, unser Ziel, den Rostocker Überseehafen. An meiner Arbeitsstelle im DSR-Gebäude angekommen, stellte ich fest, dass nicht sehr viele meiner Kollegen „durchgekommen“ waren. Für jeden Bereich wurde eine Notbesetzung organisiert. Auch über Nacht sollte freiwillig jeweils ein Mitarbeiter jeder Abteilung vor Ort bleiben, denn niemand wusste, wie die Situation sich entwickeln würde. Am Abend lud der Flottenbereichsdirektor die „Unentwegten“ zu Bockwurst und Bier ein. Geschlafen habe ich nur wenig, denn die Besucherbank, die ich zu diesem Zweck vom Flur in mein Büro schob, war doch ziemlich unbequem. Glücklicherweise war am Tag darauf die S-Bahnstrecke zur Stadt wieder frei und ich durfte mich auf einige Tage Urlaub freuen.

Schneefräse in der Nähe von Kalkhorst Quelle: Manfred Rohde

Doch wie sollte ich nun nach Grevesmühlen kommen. Den Jahreswechsel allein im Seemannsheim zu verbringen, war keine erfreuliche Aussicht, war doch eine zünftige Silvesterparty daheim mit Familie und Freunden fest eingeplant. Die Reichsbahn fuhr nicht, oder? Da gab es eine Information über den Rundfunk, dass ein Zug nach Schwerin eingesetzt würde. Also schnell zum Bahnhof und tatsächlich stand dort der angekündigte Zug bereit. Ja, er stand und stand und stand… natürlich funktionierte die Heizung nicht. Wie einige andere Mitreisende auch, wollte ich entnervt aufgeben und in mein Zimmer im „Haus Sonne“ zurückkehren, dort hatte ich es wenigstens warm. Doch plötzlich ging ein Ruck durch den ganzen Zug und er setzte sich tatsächlich in Bewegung. Allmählich begann auch die Heizung zu arbeiten und es wurde warm im Abteil. Irgendwann erreichte ich dann den Bahnhof Bad Kleinen, wo ich in die „Bimmelbahn“ nach Grevesmühlen umsteigen musste. Doch nichts war mit „Bimmelbahn“. Die Strecke war noch für Tage unpassierbar. Aber nach Wismar sollte ein Zug fahren. Nun, besser als nichts, dachte ich mir. Von dort kann man vielleicht mit dem Taxi weiterkommen. Doch weit gefehlt. Die damalige F 105 von Wismar Richtung Grevesmühlen war für jeden Privatverkehr gesperrt. Also hieß es, allen Mut und alle Kraft zusammennehmen und zu Fuß losmarschieren.

Zu Fuß von Bad Kleinen nach Grevesmühlen

Streckenweise war die Straße durch mehrere Meter hohe Schneewehen blockiert, so dass ich versuchte, über Ackerflächen weiterzukommen. Auch dort sank ich manches Mal bis über die Hüften im Schnee ein und musste alle Kräfte aufbieten, um weiterzukommen. Der Abschnitt zwischen Stoffersdorf und Gressow war glücklicherweise halbwegs geräumt und ein Traktor nahm mich eine kleine Strecke weit mit. Wieder per pedes am „Sternkrug“ angelangt, machte eine gewaltige Verwehung die Straße unpassierbar. Doch ich hatte wieder Glück, denn nach etwa einer halben Stunde hatte sich eine große Schneefräse durchgearbeitet und ein Einsatzfahrzeug nahm mich die letzten Kilometer mit. Doch das „Schneeabenteuer“ hatte noch eine Fortsetzung für mich parat. Der Silvester-Abend sollte mit Freunden in einem Gartenhaus am Ploggensee gefeiert werden. Zuvor war noch tüchtig Schneeschaufeln angesagt, damit man überhaupt zum Gartenhaus gelangen konnte. Auch eine provisorische Stromleitung wurde von einem der letzten Häuser am Stadtrand dorthin verlegt, denn Stromanschlüsse gab es damals nicht in der Kleingartenanlage. Die Stimmung näherte sich ihrem Höhepunkt, als plötzlich nach 23 Uhr die Musik aussetzte und das Licht ausging. Stromausfall in der ganzen Stadt!

NVA-Soldaten waren pausenlose im Einsatz. Quelle: Manfred Rohde

Doch wir hatten vorgesorgt. Ein Notstromaggregat sorgte bald wieder für Licht, Wärme und Musik. So konnten wir bei heißem Kohleintopf und reichlichem Alkoholvorrat unbeschwert bis in die frühen Morgenstunden feiern. Dieses Glück hatten zum Jahreswechsel 1978/79 wohl nur wenige Grevesmühlener. In den nächsten Tagen wurden immer mehr Details über die Auswirkungen der Schneekatastrophe in unserer Region bekannt. Die Straßen und Schienenwege konnten nur nach und nach unter Aufbietung aller Kräfte freigeräumt werden. Auch NVA-Soldaten und Angehörige der sowjetischen Streitkräfte mit schwerem Gerät kamen zum Einsatz. Brot und Lebensmittel wurden auf Skiern und mit Schlitten über die Äcker in die Dörfer gebracht.

Hausgeburt in Warnkenhagen

Die Molkerei Kalkhorst verteilte Milch kostenlos an die Dorfbewohner, da ein Transport zur Verarbeitung nach Klütz nicht möglich war. In Warnkenhagen setzten zum Jahresende bei einer schwangeren Frau gegen 22 Uhr die Wehen ein. Das aus Grevesmühlen herbeigerufene Krankenauto blieb im Schnee stecken. Auch Ärzte, die sich auf den Weg machten, kamen von Klütz aus nicht mehr weiter. Zwei Nachbarinnen standen der werdenden Mutter bei und liefen zwischen ihr und dem nächsten Telefon hin und her, um nach Anweisung von Arzt und Hebamme zu helfen. Gegen 5 Uhr morgens glückte es dann endlich, Mutter und Kind ins Krankenhaus zu schaffen. Glück und Leid lagen in diesen Tagen dicht beieinander, die durch eine überwältigende Einsatz- und Hilfsbereitschaft geprägt waren. Einer half dem anderen und niemand fragte nach Entlohnung oder Gegenleistung.

Manfred Rohde

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