Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Nach angekündigtem Aus für Deponie Ihlenberg: Sorge um Jobs in Selmsdorf
Lokales Nordwestmecklenburg Nach angekündigtem Aus für Deponie Ihlenberg: Sorge um Jobs in Selmsdorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
09:54 23.08.2019
Ein Lastwagen liefert Abfall für die Deponie Ihlenberg. Sie nimmt über 500 Müllarten an. Quelle: Jürgen Lenz
Anzeige
Selmsdorf

Nina Lübker ist Mutter, 35 Jahre alt und wohnt in Selmsdorf im Landkreis Nordwestmecklenburg. Hier soll die Deponie Ihlenberg 2035 geschlossen und die Menge des angenommenen Sondermülls ab 2020 um ein Viertel reduziert werden.

Nina Lübker begrüßt, dass sich Finanzminister Reinhard Meyer (SPD), Umweltminister Till Backhaus (SPD) und Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) darauf verständigt haben. Sie hält ihren kleinen Sohn auf dem Arm, als sie sagt: „Es ist gut, wenn der Müll nicht mehr kommt.“

Nina Lübker (35), Mutter aus Selmsdorf, sagt: "Es ist gut, wenn der Müll nicht mehr kommt." Quelle: Jürgen Lenz

Die Selmsdorferin sieht aber auch eine Kehrseite der Medaille: „Es ist ärgerlich wegen der Arbeitsplätze, die vielleicht verloren gehen. Das ist nicht schön.“

Nina Lübker wohnt im älteren Teil von Selmsdorf, der näher an der Deponie liegt als die Wohngebiete, die seit 1993 entstanden sind. Negative Auswirkungen auf ihr Leben hat der Betrieb nicht. Nina Lübker sagt: „Wir bekommen von der Deponie nichts mit.“

„Thema beschäftigt uns alle“

Dass sich in Selmsdorf eine der größten Deponien Europas befindet, war für Karl-Peter Schütt kein Grund, nicht aus Schleswig-Holstein in den Ort im Mecklenburger Teil des Speckgürtels von Lübeck zu ziehen. Er hat ein Haus im Wohngebiet „Am Mühlenkamp“ gebaut. „Es ist eine schöne Ecke hier“, sagt der 67-Jährige.

Die Deponie sei zwar nicht in unmittelbarer Nähe, aber: „Das Thema beschäftigt uns alle.“ Ein Grund: „Man weiß gar nicht, was zur DDR-Zeit dort eingelagert wurde. Es kann nicht gut sein.“ Wie steht der Selmsdorfer zur Ankündigung der Minister? Er antwortet: „Bis 2035 ist zu lange nach meiner Meinung.“ Von der Deponie würden Gefahren ausgehen. „Auch fürs Grundwasser.“

Mehr zum Thema:
Protest gegen Abwasser vom Ihlenberg

Karl-Peter Schütt (67), Rentner aus Selmsdorf, sagt: „Bis 2035 ist zu lange nach meiner Meinung.“ Quelle: Jürgen Lenz

Die Meinungen der Menschen in Selmsdorf zur landeseigenen Deponie gehen weit auseinander. Das zeigt eine Umfrage. Ein Selmsdorfer erklärt, es gebe im Ort Menschen, die strikt gegen sie sind. Andere Selmsdorfer würden davon ausgehen, dass der Betrieb sicher ist und hätten nichts gegen ihn. „Wieder anderen ist es Wurst“, sagt der Selmsdorfer.

Gut sei die Ankündigung der drei Minister, weil sie „eine richtungsweisende Entscheidung ist.“ Jetzt sei ersichtlich, was wird. Das sei gut. „Die Schließung ist jetzt absehbar“, sagt der Selmsdorfer.

Er will, wie viele andere im Ort, nicht mit Namen genannt werden. Ein Grund für die Zurückhaltung im Dorf: Die Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG) ist mit 130 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber. Sie zu kritisieren, kann hier sehr persönlich genommen werden. Viele Selmsdorfer wollen öffentlich lieber gar nichts sagen – auch, nachdem sie angesprochen wurden.

Müll muss ja irgendwo abbleiben“

Ein Einwohner der Nachbarstadt Schönberg will das – ist aber ebenfalls dagegen, dass sein Name veröffentlicht wird. Der Mann sagt, er sei nicht gegen die Deponie, denn: „Wo soll der Müll sonst hin, wenn nicht auf eine Deponie? Der Müll muss ja irgendwo abbleiben.“ Das gelte auch für die Zeit nach 2035. Über die Ankündigung der Minister sagt der Schönberger: „Die Verantwortlichen sollten es wissen. Es sind ja Fachleute.“ Wenn sie es beschließen, sei es gut, meint der Schönberger.

Wechselnde Betreiber

Der VEB Stadtwirtschaft Grevesmühlen eröffnete die Deponie 1979. In den ersten Monaten wurde Bauschutt aus Schleswig-Holstein abgekippt. Ab 1980 nahm der VEB auch Sondermüll an. 1983 übernahm der VEB Deponie Schönberg den Betrieb. Dort Abfall anzuliefern, war für Firmen und öffentliche Entsorger aus der Bundesrepublik deutlich wirtschaftlicher als ihn in einer Müllverbrennungsanlage zu verwerten. Nach der Wende von 1989/90 übernahm die Treuhandanstalt den Betrieb. Der offizielle Name wechselte von Deponie Schönberg zu Deponie Ihlenberg. Die Nutzungsrechte wurden zunächst der privaten Deponie-Management GmbH (DMG) zugestanden. Seit Ende der 90er Jahre liegen sie bei der landeseigenen Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG).

Zur selben Zeit vergnügt sich ein junges Paar mit seinem Sohn auf einem Kinderspielplatz in Selmsdorf. Vor einem halben Jahr ist die Familie zugezogen. Selmsdorf gefällt ihr. Der Vater lobt: „Das soziale Umfeld ist super.“ Kindergärten, Schule, Einkaufsmöglichkeiten: alles vorhanden. Und Lübeck ist gleich um die Ecke. „Wir wissen, dass die Deponie da ist“, sagt der Vater. Mit ihr hätten sie sich aber nicht weiter beschäftigt. Sie war aus Sicht der Eltern kein Grund, nicht nach Selmsdorf zu ziehen.

Die landeseigene IAG betreibt die Deponie Ihlenberg in Selmsdorf. Der Abfallberg ist bis zu 110 Meter hoch. Quelle: Jürgen Lenz

Termin 2035 wird seit Jahren genannt

Der Schönberger Bürgermeister Stephan Korn (Kommunale Wählergemeinschaft) ist seit Längerem in Kontakt mit den beiden Geschäftsführern der IAG, Beate Ibiß und Norbert Jacobsen. „Wir waren regelmäßig im Gespräch“, sagt Stephan Korn. Dann erklärt er: „Ich weiß grundsätzlich darum, dass die Zahl 2035 schon länger im Gespräch ist.“

Tatsächlich kündigte der damalige IAG-Geschäftsführer Berend Krüger bereits 2013 an, bis 2035 solle weiterhin Abfall deponiert werden – „jedenfalls wenn es nach dem Land Mecklenburg-Vorpommern geht.“ Im Oktober 2017 antwortete die heutige kaufmännische Geschäftsführerin Beate Ibiß in einem Interview der OZ auf die Frage, wann sie mit dem Betriebsende für die Deponie rechnet: „Wir kalkulieren momentan mit einem Betriebsende im Jahr 2035.“ Das könne aber auch flexibel sein, je nachdem, welche Mengen ankommen.

Die IAG rechne im Durchschnitt mit 500 000 Tonnen Müll pro Jahr. Danach sei eine fünfjährige Stilllegungsphase geplant. Anschließend kalkuliere das Unternehmen eine Nachsorge von 50 Jahren. Stephan Korn ergänzt heute: „Der Geschäftsführung ist daran gelegen, nachhaltig zu wirtschaften, um gegebenenfalls sogar über die 50 Jahre hinweg die Nachsorge zu gewährleisten.“

Kerstin Weiss (SPD), Landrätin Nordwestmecklenburg, sagt: „Sollte dennoch die Notwendigkeit zum Abbau einzelner Arbeitsplätze bestehen, wird es dafür sozial verträgliche Lösungen geben.“ Quelle: Heiko Hoffmann

Landrätin: Es soll sozial verträglich sein

Landrätin Kerstin Weiss (SPD) begrüßt die beabsichtigte Schließung 2035, eine Reduzierung der Müllmenge bereits ab nächstem Jahr und eine Abkehr von der Annahme ausländischen Abfalls ebenfalls ab 2020. Sie sagt: „Ich bin erstaunt und begrüße es sehr, dass das Land jetzt solche konkreten Aussagen zum Umgang mit der Deponie trifft und damit auch klarstellt, dass es die Bedenken zur Deponie in der Bevölkerung und in der örtlichen Politik ernst nimmt.“ Das Land habe jetzt klar und deutlich gesagt, dass es einen Weg einschlage weg von einer Gewinnmaximierung hin zu einem geordneten Abschluss des Deponiebetriebes, sagt die Landrätin, die dem Aufsichtsrat der IAG angehört.

Sie erklärt: „Gleichzeitig möchte ich allen Beschäftigten der Deponie die Angst nehmen, dass sie um ihren Arbeitsplatz bangen müssen.“ Bis 2035 laufe der Deponiebetrieb noch und auch danach würden Arbeitskräfte für die Renaturierung und Nachsorge benötigt. Kerstin Weiss kündigt an: „Sollte dennoch die Notwendigkeit zum Abbau einzelner Arbeitsplätze bestehen, wird es dafür sozial verträgliche Lösungen geben.“ Dafür würde sie sich auch persönlich einsetzen.

Der Selmsdorfer Bürgermeister Marcus Kreft (SPD) war am Donnerstag bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die Deponie Ihlenberg erstreckt sich über 165 Hektar. Quelle: Jürgen Lenz

Die Deponie Ihlenberg gehört mit einer Standortfläche von 165 Hektar und einer Deponiefläche von 113 Hektar zu den größten ihrer Art in Europa. 1979 ging sie nach einem Beschluss des Politbüros als Bauschuttkippe in Betrieb. Heute lagern auf ihr 19 Millionen Kubikmeter Müll. Nach Angaben der IAG kann sie noch sieben Millionen Kubikmeter Abfall aufnehmen.

Das Unternehmen ist in der Lage, über 500 Abfallarten zu behandeln, zu verwerten oder zu lagern. Es nimmt auch belastete Böden, Schlämme, Aschen, Stäube, Bauschutt, Hausmüll und Brandabfälle an – bis zu 4000 Tonnen täglich und bis zu einer Million Tonnen im Jahr. Die tatsächliche Menge ist meist deutlich geringer. In einer Restabfallbehandlungsanlage kann die IAG pro Jahr bis zu 120 000 Tonnen Müll aus Haushalten und Betrieben behandeln und verwerten.

Mehr zum Thema:

Umstrittene Müll-Deponie Ihlenberg soll 2035 geschlossen werden

Steuerquelle Deponie sprudelt wieder

Erhöhtes Krebsrisiko wegen der Mülldeponie Ihlenberg? Neue Studie gestartet

Mehr zum Autor
Jürgen Lenz

Von Jürgen Lenz

Zum zweiten Mal wird das Fest der Vereine in Boltenhagen organisiert. Am 31. August präsentieren sie sich den ganzen Tag über an der Sportanlage. Abends gibt es Livemusik und ein Feuerwerk.

22.08.2019

Zum Glück kam der Sommer zurück! Pünktlich zum Schulstart haben die Grevesmühlener Schulen die Woche für den Schwimmunterrricht genutzt. Die Temperaturen waren Anfang der Woche allerdings noch recht sportlich.

22.08.2019

Ein Stück der DDR-Grenzmauer ist in Teschow erhalten. Das Dorf litt unter der Teilung Deutschlands. Viele Bewohner flüchteten oder zogen weg. Gebäude verfielen. Seit 1990 gibt’s wieder Zuzug.

21.08.2019