Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Nach einem Jahr in Afrika zurück in Deutschland
Lokales Nordwestmecklenburg Nach einem Jahr in Afrika zurück in Deutschland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:10 31.12.2014
Fanny Lüskow nach ihrer Rückkehr aus Tansania vor dem Reichstag in Berlin, dort studiert die Grevesmühlenerin. Quelle: Lüskow
Neu Degtow

Zurück in Deutschland fiel es mir zunächst nicht leicht, mich wieder an hiesige Gepflogenheiten zu gewöhnen. Im Laufe meines Jahres in Tansania hatte ich offensichtlich mehr kulturelle Elemente Tansanias für mich angenommen, als ich gedacht hatte. Mir fielen die Verschwendung und der Überfluss, die Ordnung und die Pünktlichkeit, die Anonymität der Menschen und der Leistungsdruck auf. Selbst die Leichtigkeit, mich in meiner Muttersprache verständigen zu können, war nach einem Jahr Swahili-Englisch-Mix ungewohnt.

Seit ich meinen Freiwilligendienst geleistet habe, hat sich vieles in meinem Denken verändert. Ich habe nicht nur viel über die Lebensbedingungen in Tansania gelernt, sondern auch ein besseres Verständnis für globale Wirtschaftsbeziehungen und Machtverhältnisse bekommen. Nicht ohne Grund habe ich meinen Schwerpunkt im Masterstudium auf globale soziale Ungleichheiten und Diskriminierung gelegt.

Mein Jahr in Tansania hat mir vor allem einen Perspektivwechsel ermöglicht. Es hat mir geholfen, mich selbst und meine Herkunft besser zu verstehen. Die Erfahrung des Fremdseins, der Hilflosigkeit, des Nichtwissens war enorm bereichernd für mich. Auf diese Weise kann ich mich in Menschen, die in Deutschland als fremd bezeichnet werden, besser hineinversetzen.

Zu wissen, dass das eigene Wissen nur in bestimmten Gebieten brauchbar ist und außerhalb dieser an seine Grenzen stößt, ist eine wichtige Erkenntnis gewesen. Sie hat mich gelehrt, dass das „Denken-wie-üblich“ nur bedingt Orientierung bietet und in anderen Weltregionen andere Wissensschätze nützlicher sind. Meine Rolle als Fremde in Tansania hat bislang unhinterfragte Selbstverständlichkeiten angezweifelt, bewährte Normalitätsvorstellungen irritiert und Routinen durchbrochen. Es hat bislang als sicher geglaubte Gewissheiten infrage gestellt und an der mir vertrauten Ordnung gerüttelt.

Auch hat mir das Auslandsjahr meine eigenen historischen Bezüge vor Augen geführt. Das koloniale Erbe Deutschlands und Europas wurde in vielen Situationen während meines Aufenthalts erlebbar. Dass dies ein bedeutender Teil der Weltgeschichte ist, der nach wie vor die Gesellschaften im Süden wie im Norden prägt, ist mir in aller Deutlichkeit bewusst geworden. Auch welche Bedeutung Hautfarbe hat, welche Dinge mit ihr verbunden werden, welche Stereotype mit ihr einhergehen, habe ich in dieser Zeit gelernt.

Viele Strukturen der derzeitigen Handels- und Entwicklungspolitik weisen neokoloniale Züge auf. Sie sind ungerecht, treiben Millionen von Menschen in die Armut und werden mit modernem Ablasshandel in Form von Entwicklungshilfegeldern legitimiert. Dies ist durch nichts zu rechtfertigen. Diese Erkenntnis lässt mich seit meinem Freiwilligendienst in Afrika nicht mehr los.

Eine Sache, über die ich sehr viel nachgedacht habe, seitdem ich wieder zurück in Deutschland bin, ist die Frage nach meiner Identität. In Deutschland aufgewachsen, fühle ich mich zweifelsohne vielen deutschen Traditionen und Werten zugehörig. Doch auch viele tansanische Bräuche und Normen halte ich für wertvoll. Sie erweitern meine Identität um eine tansanische Komponente.

Dass mich das Jahr außerhalb Deutschlands langfristig prägt, ist mir schnell klar gewesen. Durch mein Jahr in Tansania sehe ich die Welt mit anderen Augen. Ich bin für jeden einzelnen Moment dankbar und möchte keinen einzigen missen. Denn die Summe dieser hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

• Mehr Geschichten von Weltenbummlern aus der Region lesen Sie im Online-Blog „Moin Welt!“ unter www.LN-Online.de/MoinWelt

Fanny Lüskow

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Ehepaar Dirk und Dirk Jacoby lebt seit dreieinhalb Jahren in Kalkhorst.

31.12.2014

Eine Machbarkeitsstudie soll ermitteln, welche Nutzungsmöglichkeiten es für die alte Mühle in Bad Kleinen gibt.

31.12.2014

Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe.

31.12.2014