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Nordwestmecklenburg Nitratbelastung im Trinkwasser: Umweltamt sieht Handlungsbedarf
Lokales Nordwestmecklenburg Nitratbelastung im Trinkwasser: Umweltamt sieht Handlungsbedarf
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22:39 30.09.2014
Ein Landwirt bringt Gülle auf dem Feld aus. Überschüsse an Stickstoff aus diesem natürlichen Dünger gelangen als Nitrat ins Wasser. Quelle: LN
Grevesmühlen

Deutschlandweit sorgen sich Wasserverbände um die Qualität des Trinkwassers. Die Nitratbelastung ist in vielen Reservoirs höher als erlaubt. Dafür werden vor allem die Landwirte verantwortlich gemacht, deren Düngepraxis zu steigenden Nitratwerten im Grundwasser führt.

In Grevesmühlen und im gesamten Klützer Winkel ist das Problem durchaus bekannt, wenn auch nicht so gravierend wie beispielsweise in vielen Regionen Niedersachsens, in denen es besonders viele große Tiermastbetriebe gibt. Dennoch ist sich auch Eckhard Bomball, Vorsteher des Zweckverbandes Grevesmühlen, der Gefahr bewusst. „Wir wirken darauf hin, dass es kein Problem werden kann. Wir haben hier aber Nitratbelastungen, die deutlich unter den Grenzwerten liegen“, sagt er. Das liegt vor allem an der Entwicklung der Landschaft.

„Die Deckschicht enthält, was die Schmelzwässer mitgebracht haben“, veranschaulicht Bomball. „Vor allem Schiebemergel, Lehm und Ton.“ Material mit besonders guten Deckeigenschaften also.

Deshalb dauert im Bereich um Grevesmühlen die Grundwasserneubildung nicht nur Hunderte Jahre, auch die Gefahr einer Nitratbelastung ist geringer.

Auch Klaus Rhode, Vorsitzender der Kooperationsgemeinschaft Wasserwirtschaft (Kowa) M-V und zugleich Vorsteher des Zweckverbands Kühlung, sieht derzeit keinen akuten Handlungsbedarf, obwohl es im Land durchaus Bereiche mit auffälligen Nitratwerten gebe. „Aber wir weisen darauf hin, dass das ein Problem werden kann, wenn bei den Landwirten die Düngung nicht entsprechend der Vorschriften erfolgt.“ Die Nitratbelastung wirke sich erst zeitverzögert aus. „Man muss abwarten, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt“, so Rhode. Er spricht von einem Interessenkonflikt zwischen Wasser- und Landwirtschaft, fügt aber auch hinzu, dass der Zweckverband Grevesmühlen von viel tiefer gelegenen, durch mehrere Deckschichten besser geschützen Wasserleitern profitiert.

Sein Stellvertreter Eckhart Zobel, zugleich Vorsteher des Zweckverbands Grimmen, erklärt: „Das ist bei jedem Wasserversorger unterschiedlich.“ Letztlich lieferten diese ihre Messdaten aber nur an das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) in Güstrow, das für vorbeugende Maßnahmen und insbesondere für die Festlegung von Trinkwasserschutzzonen zuständig sei.

„Es gibt Anzeichen dafür, dass es durch die Nitratbelastung auf den Feldern in Zulunft zu Problemen kommen wird, zumal das natürliche Nitratabbauvermögen abnimmt: Bestimmte Stoffe, die Nitrat abbauen können, werden über die Jahre hinweg immer weniger.“ Wasser- und Landwirtschaft müssten sich genau abstimmen. „Wir stehen in engem Kontakt mit den Landwirten“, berichtet Zobel. Es würden derzeit sowohl ein Vorsorgeprogramm als auch Ideen für eine Entschädigungsverordnung für Landwirte entwickelt.

LUNG-Direktor Dr. Harald Stegemann betont, dass die Trinkwasserqualität in ganz M-V einwandfrei sei und der Trinkwasserverordnung entspreche. Diese legt einen Nitratgrenzwert von 50 Milligramm je Liter fest. Die Selbstüberwachungswerte der Wasserversorger lägen alle darunter, nur beim Grundwasser werde der Grenzwert vielfach überschritten. Das liege aber auch daran, dass Trinkwasserproben häufig aus tieferen Stellen gezogen werden als Grundwasserproben, so Stegemann. „Bei einer Tiefe von 60 bis 70 Metern unter der Erdoberfläche dauert es sehr viel länger, bis Oberflächenbeeinträchtigungen eingesickert sind, als in zehn bis 20 Metern.“

Die Grundwasserbelastung habe „erstmal keine Ausirkung. Aber wenn wir so weitermachen, haben wir in 30 oder 40 Jahren ein Problem mit dem Trinkwasser“, verdeutlicht der LUNG-Direktor. Und das nicht zuletzt, weil die Europäische Union Ende August Deutschland wegen des laschen Umgangs mit der EU-Nitratrichtlinie mit einer Klage gedroht hat.

Bauernverband verteidigt Gülle
Aus dem neuesten Bericht der EU-Kommission geht hervor, dass die Nitratkonzentration im Grundwasser europaweit fast nirgendwo so hoch ist wie in Deutschland.
Selbst wenn ab sofort kein Nitrat mehr in den Boden eingebracht wird, kann es aufgrund der Grundwasser-Erneuerungs-Zeiten lange dauern, bis der Nitratgehalt wieder abnimmt. Vor allem Düngemittel und Gülle werden für die Verseuchung verantwortlich gemacht. Der Boom der Biogasanlagen verschlimmert das Problem.
Das sieht Petra Böttcher, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Nordwestmecklenburg, nicht so. Das Ausbringen von Gülle sei das älteste Düngeverfahren, das es überhaupt gebe. „Die Landwirte haben so hohe Auflagen — die haben sie schon gut im Blick“, versichert sie. Außerdem gebe es auch unbeeinflussbare Faktoren: „Der Verbrauch von Stickstoff durch Pflanzen soll hoch sein, damit nicht so viel Nitrat im Boden versickert, aber das kann man nicht voraussehen, das hängt auch von der Witterungsperiode ab.“ Wenn der Pflanzenwuchs recht früh im Jahr beginnt, sei der Stickstoffverbrauch höher. „Wenn man den Landwirten den Spielraum nicht mehr lässt, wird die Backqualität schlechter“, sagt sie und führt „löchriges“ Brot aus Dänemark als Beispiel an. Dort gebe es so hohe Auflagen für die Landwirte, dass kein Brotweizen mehr produziert werden könne. Ihrer Ansicht nach gebe es noch keine statistisch abgesicherten Belege für einen Zusammenhang zwischen der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe in einer Region und der Belastung des Trinkwassers mit Stickstoff. Außerdem gebe es Messstellen teilweise an Orten, an denen gar keine aussagekräftigen Ergebnisse erzielt werden könnten. „Hier herrscht noch hoher Forschungsbedarf.“ Ein Problem sei auch, „dass die Kanalisationen hohe Defizite haben, das sind teilweise uralte Leitungen“, sagt sie. „Und von der Industrie kommt noch einiges dazu.“
Nitrat
Gülle ist ein natürlich anfallender Wirtschaftsdünger, der hauptsächlich aus Urin und Kot landwirtschaftlicher Nutztiere besteht. Je nach Beigabe von Einstreu und Wasser spricht man von Dick- oder Dünngülle, Schwemmmist oder Flüssigmist. Überschüsse an Stickstoff aus Dünger, Gülle und Gärresten von Biogasanlagen, die der Boden nicht mehr aufnehmen kann, gelangen als Nitrat und Phosphor in Flüsse, Seen und Grundwasser.



Bei Säuglingen kann Nitrat zu vermindertem Sauerstofftransport führen. Die Folge kann Blausucht sowie Erstickung sein. Im erwachsenen Körper wird Nitrat zu Nitrit umgewandelt. Diese Verbindung kann Krebs auslösen.

uo Ulrike Oehlers