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Nordwestmecklenburg Notarzt-Börse aus dem Norden ist bundesweit im Einsatz
Lokales Nordwestmecklenburg Notarzt-Börse aus dem Norden ist bundesweit im Einsatz
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21:27 08.04.2019
André Kröncke (51) hat die Notarztbörse ins Leben gerufen. Quelle: Michael Prochnow
Pogeez/Lüdersdorf

In Stuttgart geboren und in Schleswig-Holstein aufgewachsen hat André Kröncke in Lüdersdorf (Nordwestmecklenburg) neun Jahre eine Arztpraxis betrieben. Gleichzeitig hat er die Notarzt-Börse gegründet. Ursprünglich aus der Not heraus hat sich das Unternehmen heute so weit entwickelt, dass der 51-Jährige nicht nur bundesweit Ärzte vermittelt, sondern auch für Auslandseinsätze Mediziner zur Verfügung stellt. Im Interview blickt der Arzt und Unternehmer, der auch gleichzeitig Kreisverbandsarzt des DRK in Nordwestmecklenburg ist, zurück.

Was muss man sich als Laie unter einer Notarzt-Börse vorstellen?

Die Notarzt-Börse ist angetreten, um den Mangel an Notärzten in Deutschland zu lindern beziehungsweise zu verhindern.

Wie ist sie überhaupt entstanden?

Das war so ein Spleen von mir, im Jahr 2000 gab es in Kiel auf der Ostsee ein Formel I-Rennen. Die brauchten dringend von heute auf morgen zehn Ärzte für drei Tage. Und dann haben sie mich gefragt, ob ich so viele Leute zusammenbekommen würde. Das habe ich geschafft. Die ersten drei Jahre war das dann so etwas wie ein Hobby. Wir sind auch im selben Jahr nach Lüdersdorf gezogen.

Und haben dort ihre Praxis eröffnet?

Nicht gleich, damals war ich noch an der Uni-Klinik in Lübeck beschäftigt, 2002 habe ich dann die Praxis in Lüdersdorf eröffnet. Die Notarzt-Börse hat sich dann von ganz allein entwickelt. Denn die Krankenhäuser und die Träger des Rettungsdienstes in den Landkreisen, und auch das Innenministerium brauchten dringend Notärzte.

Das kann man sich so vorstellen, dass Sie quasi einen Pool von Notärzten angelegt haben, der dann bei Großveranstaltungen oder wenn Not am Mann war zum Einsatz kam?

Ja, so kann man sich das vorstellen. Ursprünglich kamen die Notärzte aus den staatlichen Krankenhäusern und von den niedergelassenen Medizinern. Aber schon damals war es beispielsweise in Gadebusch so, dass es dort kein Krankenhaus gab aber einen Rettungswagen des DRK, und die Notärzte kamen aus der Arztpraxis.

Auf Sri Lanka und Tahiti im Einsatz

Dr. med. André Kröncke ist Anästhesist, Allgemeinmediziner und Notarzt. Nach seinem Studium in Hamburg arbeitet er unter anderem in Krankenhäusern auf Fehmarn, in Oldenburg/Holstein, Eutin und in der Universität Lübeck. Neben regelmäßigen Notarztdiensten ist er oft als Eventarzt für große Unternehmen unterwegs. Bei den Umweltkatastrophen, wie dem Tsunami 2004 in Sri Lanka oder dem Erdbeben 2010 auf Haiti, hat er das Ärzteteam der Notarzt-Börse mit in die Krisengebiete begleitet und dort über mehrere Wochen bei der Versorgung der Bevölkerung geholfen. Bei Feuerwehr, Rettungsdienst und in Arztpraxen in ganz Norddeutschland gibt er seit Jahren Reanimationskurse. Im Jahre 2011 wurde André Kröncke von der IHK Mecklenburg-Vorpommern als Sonderpreisträger in der Kategorie „Unternehmerpersönlichkeit“ für sein Engagement ausgezeichnet.

Aber der ursprüngliche Ansatz der Börse war ein anderer?

Ja, eigentlich ging es anfangs nur darum, Sportveranstaltungen wie Reitturniere, Motocross oder auch die Begleitung von ADAC-Transporten abzusichern. Und auch Veranstaltungen des DRK in Boltenhagen wie das Anbaden am Neujahrstag. Das haben wir im ganzen Nordwestkreis gemacht. Wo wir einfach einen Arzt suchen, der Zeit hat am Wochenende. So hatten wir Ende 2000 bereits über 200 Ärzte im Bestand, wenn man das so nennen kann.

Und heute?

Sind es rund 5500.

Alles Notärzte?

90 Prozent davon sind Notärzte, die übrigen sind Rettungssanitäter, die wir jedoch nicht vermitteln, weil das arbeitsrechtlich schwierig ist. Wir setzen sie für die weltweiten Sanitätsdienste ein, die komplett von uns geleistet werden.

Wie viele Mitarbeiter hat das Unternehmen Notarzt-Börse?

Das ist ein inhabergeführtes Eigenunternehmen mit etwa 60 Mitarbeitern, 30 davon am Standort in Pogeez. Und es entwickelt sich weiter. Denn die Notarzt-Börse hat vor zwei Jahren etwas anderes gemacht, als sie es heute macht. Und in zwei Jahren wird sich das Feld wieder verändert haben.

Was gehört noch zum Arbeitsfeld der Notarzt-Börse?

Wir haben drei große Arztpraxen mit von uns angestellten Medizinern, die an drei Standorten in Schleswig-Holstein die Flüchtlinge betreuen. Das Innenministerium hatte uns gefragt, ob wir in den Erstaufnahmeeinrichtungen die Praxen betreiben können. Und das machen wir bis heute.

Über welches Einsatzgebiet sprechen wir, wenn wir über die Arbeit der Notarzt-Börse und der Mediziner reden?

Die südlichsten Wachen, die wir mit Notärzten versorgen, liegen an der Schweizer Grenze, im Osten betreiben wir die NEF-Wachen (Abkürzung für Notarzteinsatzfahrzeug, Anm. d. Red.) in Stralsund, Ribnitz-Damgarten und Barth. Dort sind wir dafür zuständig, dass 24 Stunden sieben Tage die Woche ein Notarzt zur Verfügung steht. Im Bereich Stralsund ist der Landkreis unser direkter Auftraggeber. Insgesamt gibt es 29 Standorte bundesweit, die wir betreuen.

Wie stellt sich die Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz dar?

Wir unterstützen das DRK, das bekanntlich sehr viele Standorte in der Region betreibt, in Urlaubs- und Krankheitsfällen, damit sie die Dienste mit Notärzten auch abdecken können.

Wenn ich richtig informiert bin, haben in früheren Jahren die Krankenhäuser die Bereitstellung der Notärzte gewährleistet. Das hat sich offenbar gewandelt. Was ist dort passiert?

Tatsache ist, wir hatten noch nie so viele Ärzte wie jetzt in Deutschland. Aber die Zeit, die die Ärzte mit dem Patienten verbringen, verringert sich aufgrund diverser Ursachen. Die Arbeitszeiten der Ärzte haben sich verändert, hinzu kommt, dass der Anteil der Medizinerinnen stetig ansteigt. Die Arbeit der Notärzte ist familienunfreundlich, so dass es für Frauen nicht immer einfach ist. Ein weiterer Faktor ist der Umstand, dass ein Großteil der ehemals staatlichen Krankenhäuser privatisiert worden ist. Und dort gelten andere Prioritäten als die Bereitstellung von Notärzten. Die Häuser sehen das oft nicht als Kernaufgabe an. Der Notarztdienst wird zunehmend stiefmütterlich behandelt. Die Folge ist, dass Dienste nicht besetzt werden. In Sachsen, wo wir auch tätig sind, war es vor einigen Jahren so, dass 16 Prozent der Notarztdienste nicht besetzt werden konnten. Und dann kommen wir ins Spiel. Denn jemand muss dafür sorgen, dass der Bürger im Notfall auch einen Notarzt bekommt.

Und das war vor 30 Jahren noch anders?

Ja, früher war die Situation klar geregelt. Der Rettungsdienst kam vom Roten Kreuz, das öffentliche Krankenhaus stellte den Notarzt bereit, der zum Einsatz kam, wenn er gebraucht wurde. Das Prinzip funktionierte viele Jahre im Osten ebenso wie im Westen.

Wie sieht die Situation in den ländlichen Regionen wie Nordwestmecklenburg aus?

Die Wache in Züsow am östlichen Rand von Nordwestmecklenburg war 2002 unsere erste Wache, in der wir einen kompletten Notarztwagen gestellt haben, weil der Eigenbetrieb Rettungsdienst dort Unterstützung brauchte. Ich bin damals selbst regelmäßig in Gadebusch und Schönberg als Notarzt gefahren, die Leute vom Rettungsdienst und vom Eigenbetrieb kannten mich, und so kam die Zusammenarbeit zustande.

Was sind das für Mediziner, die sich bei der Notarzt-Börse registrieren lassen?

60 Prozent sind angestellte Ärzte, der meisten davon aus Krankenhäusern. Das sind zum Beispiel Fachärzte für Innere Medizin, die viele Jahre schon als Notarzt im Einsatz waren. Wenn diese Fachleute ihre Arbeitsstelle wechseln, beispielsweise in eine Rehaklinik gehen, dann wollen sie trotzdem weiter als Notarzt fahren auch wenn das von ihrem Arbeitgeber nicht vorgesehen ist. Und dann kommen sie zu uns. 30 Prozent sind niedergelassene Ärzte, die ihre eigenen Praxen betreiben, und zehn Prozent sind Mediziner, denen die Arbeit und die Dienste so gut gefallen, dass sie ausschließlich als Notarzt unterwegs sind.

Welche Voraussetzungen muss ein Mediziner haben, um als Notarzt eingesetzt werden zu können?

Das ist eine sehr hochwertige Ausbildung, die unter dem Begriff Notfallmedizin läuft. Und dafür braucht man nach seinem Studium zusätzlich anderthalb Jahre, in denen verschiedene Stationen zu absolvieren sind. Dazu gehört zum Beispiel der Dienst auf der Intensivstation, man muss für mehrere Monate in der Notaufnahme arbeiten, bestimmte Eingriffe gesehen und auch vorgenommen haben. Auch Geburtshilfe ist ein wichtiger Punkt. Und man muss unter ärztlicher Anleitung 50 Einsätze mitgemacht haben. Kurzum: Sechs Jahre Medizinstudium plus anderthalb Jahre Notfallmedizin, das ist schon ziemlich aufwändig.

Vermitteln Sie auch Ärzte ins Ausland?

Ja, wir wurden gerade angefragt, ob wir einen Mediziner nach Mosambik schicken können, der dort nach der schweren Flut helfen kann. Der Arzt soll mit einer deutschen Hilfsorganisation für 14 Tage dorthin fliegen. Auch das leisten wir.

 

Michael Prochnow

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