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Nordwestmecklenburg Reiter erreicht Palingen nach 1000 Kilometern: Es geht um einen Testritt für China
Lokales Nordwestmecklenburg

Reiter erreicht Palingen nach 1000 Kilometern: Es geht um einen Testritt für  China

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07:03 19.10.2021
Nach 1000 Kilometer langem Ritt in Palingen angekommen: Jürgen Diriggl mit Wallach „Peu“ und Bewohnern des Dreiseithofs (v. l.): Bernd Koppermann, Birgit Koppermann, Konstanze Guhr, Christoph Guhr.
Nach 1000 Kilometer langem Ritt in Palingen angekommen: Jürgen Diriggl mit Wallach „Peu“ und Bewohnern des Dreiseithofs (v. l.): Bernd Koppermann, Birgit Koppermann, Konstanze Guhr, Christoph Guhr. Quelle: privat
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Palingen

Ein langer Ritt liegt hinter Jürgen Dirrigl, als er bei nasskaltem Wetter Palingen erreicht. Der Bayer hat 1000 Kilometer entlang des Grünen Bandes zurückgelegt. Mitglieder des Vereins „Avalun“ empfangen ihn.

Vor 36 Tagen brach Jürgen Diriggl am Dreiländerecke Bayern-Sachsen-Tschechien auf, um mit seinem 13 Jahre alten Wallach „Peu“ und zwei Hunden an der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang bis zur Ostsee zu reiten. In Palingen erklärt er: „Es ist ein Testritt.“ Der Bayer hat noch Größeres vor. Im Februar 2022 bricht er zu einem 17 900 Kilometer langen Ritt auf, der ihn bis nach China führen wird. „Mich motiviert, die Geschichte der Menschen an der neuen Seidenstraße zu erzählen“, erklärt er auf dem Dreiseithof in Palingen. Motto der abenteuerlichen Tour durch Europa und Asien: „Vom Ländle ins Land der Mitte.“

Ritt nach China soll zwei bis vier Jahre dauern

Zwei bis vier Jahre will er unterwegs sein. Er will sich Zeit nehmen, den Menschen zuhören, die er trifft. Und ihre Geschichten als ehemaliger Journalist in seinem Blog und anderen Kanälen erzählen.

Zur Tour entlang des Grünen Bandes brach Jürgen Dirrigl nicht allein auf. Der 34-jährige Emanuel Trappmann war mit einem Lastwagen dabei. „Er ist immer vorgefahren und hat Übernachtungsmöglichkeiten besorgt“, berichtet Jürgen Dirrigl in Palingen.

Reiter will Stammzellenspender gewinnen

Übernachtet hat er mal bei Landwirten, mal in Reitställen. „Wir sind gut aufgenommen worden und hatten fast immer ein Zimmer. Aber einmal wild übernachten, das musste sein“, sagt er. Auch das war ein Testlauf für den großen Ritt nach China.

Ein Ziel des Ritts entlang des Grünen Bandes, dem längsten Biotopverbund in Deutschland: Stammzellenspender gewinnen – und damit potenzielle Lebensretter für Menschen, die an Blutkrebs erkrankt sind. „Hierzu kooperieren wird mit der Deutschen Stammenzellenspenderdatei des Roten Kreuzes“, erklärt er. Auch auf der Tour nach China wird er für Stammzellenspenden werben.

Die Chinesische Mauer ist ein Ziel, das Jürgen Dirrigl erreichen will. Quelle: Diego Azubel/dpa

Bis 2015 arbeitete er für eine eigene in Kenia ansässige Nachrichtenagentur. Es ging um Krisengebiete in Ost- und Zentralafrika sowie Nahost. „Niemals aber ging es um das Schöne, das Friedliche, niemals über das unabhängige Dasein von Alltag“, schreibt er in seinem Blog. Das wollte er ändern.

Größte Herausforderung: 17 Grenzübertritte

Zu tun gibt es in den kommenden Wochen reichlich. An der Finanzierung muss noch geschliffen werden. Zum Beispiel startet eine Crowdfunding-Aktion für alles, was über die Verpflegung hinausgeht, wie Kosten an den Grenzen, Kraftstoff, Reparaturen und mehr. Das Team rechnet mit 35 000 Euro pro Jahr. Größte Herausforderung insgesamt werden wohl aber die 17 Grenzübertritte. „Wir planen so weit, wie es geht. Was man in welchem Land genau beantragen muss, füllt bereits Aktenordner“, berichtet er. Der Rest muss von unterwegs geschehen.

In Usbekistan und Kasachstan kommen zum Beispiel horrende Kosten wegen der Einführung des Pferdes und des Maultiers, das auch noch dabei ist, auf ihn zu – rund 10 000 Euro. Grenzübertritte der Vierbeiner außerhalb der EU beschreibt er als „sehr problematisch bis unmöglich“. In Turkmenistan und Usbekistan seien lange Quarantänezeiten und Papierkrieg zu erwarten. Das Durchqueren von Irak und Iran sei hingegen flott und einfach zu machen. Die Rückführung aus China zurück in die westliche Welt sei nur über die USA möglich.

Dreiseithof in Palingen: „Ein kleines Paradies“

Nicht alles lässt sich vorher recherchieren. Genauso wenig, wie auch vieles andere unvorhersehbar ist. Etwa ein krankes Pferd. Dirrigl sieht es locker: „Diese Brücke baue ich erst, wenn ich vor dem Fluss stehe. Da muss man einfach unbedarft sein. Es gibt nur wenige dutzend Menschen auf der Welt, die mehr als 5000 Kilometer mit einem Pferd zurückgelegt haben. Da ist keiner dabei, der es nicht geschafft hat.“

„Es ist ein kleines Paradies, das hier geschaffen wurde“, sagt Jürgen Dirrigl auf dem Dreiseithof in Palingen. Hier leben Menschen und Tiere in trauter Eintracht. Der Verein „Avalun“ hatte ihn eingeladen. Auf die Idee kam eine Chinesin, die ihr Pferd auf dem Dreiseithof untergestellt hat.

Der 2014 gegründete Verein organisiert in Kürze ein Seminar über Kreislaufwirtschaft: „Terra preta – aus Schiet macht Gold.“ Es geht darum, wie aus Pferdemist kostbarer Dünger und Gartenerde entsteht. Das Seminar auf dem Dreiseithof beginnt am Freitag, den 5. November, um 16 Uhr und am Sonnabend, den 6. November, um 10 Uhr. Wer mitmacht, zahlt zehn Euro für beide Tage. Anmeldung: info@avalun-ev.de oder Telefon 038 821 / 15 99 97.

Jürgen Diriggl macht sich am 20. Oktober auf die Rückreise nach Bayern. Dann aber nicht auf dem Rücken eines Pferdes. „Wir verladen es“, kündigt er an.

Von Jürgen Lenz und Irene Burow