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Nordwestmecklenburg Schönbergs Traditionsladen schließt
Lokales Nordwestmecklenburg Schönbergs Traditionsladen schließt
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12:46 12.06.2019
Sylvia Räsenhöft (l.), Katrin Hofmann und Ilka Cammin (r.) öffnen die Buchhandlung Hempel noch bis 28. Juni. Quelle: Jürgen Lenz
Schönberg

 Vorbei. Nach 146 Jahren und 71 Tagen öffnet die Buchhandlung Emil Hempel in Schönberg am 28. Juni zum letzten Mal. „Danach ist geschlossen“, kündigt Sylvia Räsenhöft an. Sie kümmert sich seit dem Tod ihres Mannes, des Buchhändlers Bernd Räsenhöft, vor drei Monaten um den traditionsreichsten Laden in der Stadt, hält ihn zusammen mit den Mitarbeiterinnen Ilka Cammin und Katrin Hofmann am Laufen. Es gab Interessenten, die ihn übernehmen wollten, letztlich aber doch davon Abstand nahmen. „Es ist sehr viel Arbeit“, sagt Sylvia Räsenhöft über den Laden, der mit viel Engagement der Familie betrieben wurde. Die Söhne kommen als Nachfolger nicht infrage. Sie arbeiten in anderen Berufen – oder erlernen sie derzeit.

Anfang der Woche startete in der Buchhandlung ein Ausverkauf. Auf vorhandene Ware wird Rabatt gewährt. Sylvia Räsenhöft erläutert: „Bestellt werden kann bis zum Schluss.“ Dann ist aber der reguläre Preis zu zahlen.

Am 29. Juni geht die Familie noch einmal mit dem Wagen der Buchhandlung beim Umzug des Stadtfestes mit. Ein Großkunde wird bis Ende Juli beliefert. „Danach ist ganz und gar Schluss“, kündigt Sylvia Räsenhöft an.

Emil Hempel war 22 Jahre alt, als er am 18. April 1873 im jetzigen Haus „An der Kirche 5“ die Firma „Emil Hempel, Buchbinder“ gründete. Der Sohn des Lehrers Daniel Hempel, der in Schönberg den jungen Ernst Barlach unterrichtete, band nicht nur Bücher, sondern verkaufte sie auch. Die älteste erhaltene Rechnung für Schulbücher datiert vom 5. Januar 1874.

Emil Hempel war Buchhändler. Quelle: Jürgen Lenz

Nach Emil Hempels Tod am 23. Januar 1904 übernahm sein Sohn Daniel den Laden. Wenige Jahre später zog der Erbe mit Familie und Firma in ein Haus an der Ecke Markt/Marienstraße, wo die Buchhandlung seitdem ihren Sitz hat. In seiner Freizeit war Daniel Hempel Schatzmeister des Altertumsvereins für das Fürstentum Ratzeburg, der sich später in „Heimatbund“ umbenannte. Daniel Hempels Sohn Emil absolvierte in Schwerin eine Ausbildung zum Buchhändler. Er erlag am 14. Mai 1945 in Heidelberg einer Kriegsverletzung. Daniel Hempel starb am 13. Februar 1947. Die Erbin Rosa Räsenhöft kam für eine Nachfolge als Buchhändlerin nicht infrage. Sie hatte eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin absolviert. Klaus-Peter Räsenhöft, der 1940 geboren wurde und das Geschäft später übernehmen sollte, schreibt in einem Artikel über „Die Hempels in Schönberg“: „Den Laden rettete Else Eckmann, die bereits seit vielen Jahren bei Hempels den Laden hütete und der Erbin zur Seite stand.“ Bis Else Eckmann 1961 in Rente ging, führten die beiden Frauen das Geschäft. Zwei Jahre zuvor hatte Klaus-Peter Räsenhöft in Güstrow seine Lehre als Buchhändler bei Opitz & Co abgeschlossen. Danach arbeitete er beim Volksbuchhandel in Schwerin, bevor er zurück nach Schönberg kam. Zusammen mit seiner Mutter erhielt er die Buchhandlung. Seine Frau Gerhild – auch sie eine ausgebildete Buchhändlerin – unterstützte den Betrieb bis zu ihrem Ruhestand. Klaus-Peter Räsenhöft und sein Sohn Bernd führten die Buchhandlung seit 1993 gemeinsam. 2003 übernahm Bernd Räsenhöft die Firma. Sein Vater erinnert sich: „Die Buchhandlung Hempel war aber auch immer eine Schreibwarenhandlung mit vielen Dienstleistungen, Kunstgewerbe, Bildern, Spielwaren und anderem kleinen Nippes.“ Nachdem die Postfiliale am Markt geschlossen wurde, eröffnete die Familie in ihrem Laden eine Postagentur. Damit sorgten Räsenhöfts dafür, dass in der Altstadt von Schönberg ein Anlaufpunkt für viele Menschen erhalten blieb.

Zwangsräumung zugunsten der KPD

1893 zeichnete Maurermeister Schleuß für den Schönberger Bürgermeister Ludwig Bicker die Pläne für ein neues Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Marienstraße/Am Markt. Handwerker bauten es im selben Jahr. Der Eigentümer verkaufte es sofort. Schlachtermeister Heinrich Ladendorf erwarb das Anwesen für 15 000 Mark. Zwölf Jahre später verkaufte er es für 34 000 Mark an Daniel Hempel. Die Übergabe erfolgte 1906. Ins Erdgeschoss zog am 1. Mai 1906 die Buchhandlung, Ostern 1907 dann die Familie Hempel. In der oberen Etage wohnte und arbeitete zu dieser Zeit der Arzt Dr. Dethloff. Er starb 1942. Klaus-Peter Räsenhöft informiert in einem Artikel, der unlängst in dem Heft „Schönberger Geschichten“ des Heimatbundes für das Fürstentum Ratzeburg erschienen ist: „Nachdem im Juni 1945 klar war, dass Schönberg der sowjetischen Besatzungszone angehörte, brauchte die wieder zugelassene KPD eine Parteizentrale in Schönberg.“ Ideale Lage: am Markt. Familie Hempel/Räsenhöft musste innerhalb von 24 Stunden ihr Zuhause räumen. Im Frühjahr 1946 durfte sie zurück ins Erdgeschoss. Im Obergeschoss waren damals drei Flüchtlingsfamilien untergebracht.

Vorbei? Die Buchhandlung Emil Hempel in Schönberg ist seit Anbeginn nicht nur ein Laden, in dem Dinge zu kaufen sind, sondern ebenso ein Raum, in dem man Menschen treffen kann – bekannte und noch nicht bekannte. Hier waren auch Ratschläge und Hilfe zu haben. So konnte es passieren, dass, wenn jemand, der neu in der Stadt war, fragte, welche Firma seine Habseligkeiten von einem Haus zu einem anderen transportieren könne, dass der Juniorchef den Seniorenchef fragte, ob er für eine Weile abkömmlich sei – und der Junior den Transport dann aus reiner Hilfsbereitschaft heraus selbst übernahm.

Und dafür, dass der Kunde ein gewünschtes Buch, so nicht vorrätig, trotzdem bekam, wurde hier sowieso alles Menschenmögliche getan.

1906 veröffentlichte der Verlag Emil Hempel eine Ansichtskarte mit dem Wohn- und Geschäftshaus der Buchhandlung, Ecke Markt/Marienstraße. Quelle: Jürgen Lenz

Viele andere Geschäfte in Schönberg verschwanden im Laufe der Zeit. Die Buchhandlung Emil Hempel bestand fort, hielt durch, war von Dauer – eine Konstante in einer kleinen Mecklenburger Stadt in 146 Jahren wechselvoller Weltgeschichte, etwas, dem das Aufdringliche und Marktschreierische ebenso fehlte wie das Modische und der falsche Glanz.

Viele Erinnerungen und kleine Geschichten bleiben – auch die historischen Ansichtskarten aus dem Verlag Emil Hempel, die Vergangenes vergegenwärtigen, und viele Bücher zur Geschichte der Heimat. In einem anderen Buch, das hier ebenfalls zu haben war, steht dieser Vers von Goethe: „Vorbei – ein dummes Wort.“

Jürgen Lenz

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