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Nordwestmecklenburg Der lange Tag des Stechens: Tätowieren für den guten Zweck
Lokales Nordwestmecklenburg Der lange Tag des Stechens: Tätowieren für den guten Zweck
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15:29 09.09.2019
Vor fünf Jahren gründete Sebastian Kairies aus Wismar den Verein „Tätowierte gegen Krebs“. Hier tätowiert er Annette (54) aus Grevesmühlen. Die Einnahmen gehen zu 100 Prozent an Krebskranke. Quelle: JANA FRANKE
Grevesmühlen

Harte Rockklänge dringen aus seiner Bluetooth-Box im Hintergrund. Auf Stirn, Hals, Kopf, Armen und Beinen prangen großflächig Tattoos. Sein Oberkörper: muskulös. Sebastian Kairies erfüllt auf den ersten Blick alle Klischees, die Tätowierern nachgesagt werden. Doch wer die Vorurteile beiseiteschiebt und mit dem 37-Jährigen ins Gespräch kommt, merkt schnell, dass der Wismarer außergewöhnlich ist; der von einem Schicksal heimgesucht nun anderen mit Schicksalen Belasteten hilft. Er setzt die Nadeln für krebskranke Menschen.

Fahrzeughalle wird zum Tattoostudio

Es ist kurz nach zehn. Seit 7 Uhr ist er in der KfL-Lounge, die Fahrzeughalle füllt sich zusehends mit Menschen. Alle wollen sich von Sebastian Kairies tätowieren lassen. „Er hat einen guten Ruf“, begründet Marion Schultz aus Grevesmühlen ihren Entschluss, sich Farbe unter die Haut stechen zu lassen. Eine Gitarre mit dem Schriftzug „Music was my first love“ (deutsch: Musik war meine erste Liebe) soll es sein.

So soll es aussehen: Mit genauen Vorstellungen ist Marion Schultz (58) zum Tätowieren gekommen. Die Vorlage suchte sie sich aus dem Internet heraus. Die Gitarre mit Schriftzug prangt nun auf ihrem Unterarm. Quelle: JANA FRANKE

Während die 58-jährige Erzieherin noch über die Größe des Hautschmucks sinniert, sitzt Sebastian Kairies vorgebeugt über dem Unterarm von Annette, die ihren Nachnamen für die Zeitung nicht nennen möchte. Es riecht stark nach Desinfektionsmitteln. Konzentriert bringt er Stück für Stück eine Lilie, einen Schmetterling und die Worte „Just be“ (deutsch: einfach sein) auf oder vielmehr unter die Haut. Wenn seine Mutter das jetzt sehen könnte, sie wäre sicherlich stolz auf ihren Sohn.

Sie ist der Grund, warum Sebastian Kairies heute hier sitzt und die Einnahmen zu einhundert Prozent spendet. 2014 verstarb sie an Krebs – die Geburtsstunde für den Verein „Tätowierte gegen Krebs“, der seitdem krebskranke Menschen nicht nur in der Region, sondern landesweit unterstützt. Regelmäßig gibt es Tätowieraktionen wie diese heute im KfL. Die letzte große, an der sich 30 Tätowierer beteiligten, liegt erst zwei Monate zurück. In Dorf Mecklenburg erfüllten sie Tattoofreunden ihre Wünsche – und nahmen mehr als 42 000 Euro ein.

Mit dem Tod auseinandersetzen

Heute kämpft sich Sebastian Kairies allein durch den Tag. Geduldig schafft er Kunstwerke auf Körperteile und zaubert Kunden wie Annette ein Lächeln aufs Gesicht. Mit dem Ergebnis ist die 54-Jährige sichtlich zufrieden. „Just be“ steht übrigens für die Anfangsbuchstaben von ihren Töchtern und ihrem Mann: Juliane, Stephanie und Bernd. „Das ist nicht nur ein Modetrend, das mag ich auch noch in 20 Jahren, selbst wenn die Haut dann runzelig ist“, sagt die Grevesmühlenerin lachend. „Und gleichzeitig tue ich etwas Gutes“, ergänzt sie nachdenklich.

Annette (54) hat sich auf dem Unterarm eine Lilie und einen Schmetterling sowie die Anfangsbuchstaben ihrer Lieben tätowieren lassen, die am Ende „just be“ - Juliane, Stephanie und Bernd - ergeben. Quelle: JANA FRANKE

Während sie ihre mit Farbe verewigten Kinder regelmäßig sieht und in die Arme schließen kann, haben andere Eltern dieses Glück nicht mehr. „In den vergangenen zwölf Monaten sind vier Kinder, die wir unterstützten, verstorben. Sie sind alle nicht älter als elf Jahre geworden“, berichtet Sebastian Kairies. Einer, den er besonders ins Herz geschlossen hatte, war Lenny. Am 3. Januar – am Geburtstag des Tätowierers – schloss er für immer die Augen. „Eine Woche zuvor hatte ich ihn noch besucht.“

Mit dem Verein zu helfen, sei schön. „Die Kehrseite ist, sich mit dem Tod auseinandersetzen zu müssen“, sagt der Wismarer. In vielen Fällen unterstützte der Verein die Finanzierung von Beerdigungen. „Wenn ein Kind erkrankt, geht meist ein Elternteil nicht mehr arbeiten, um bei ihm zu sein. Die finanziellen Kosten aber bleiben“, verdeutlicht der Tätowierer. Und so werde von Familie zu Familie entschieden, wie geholfen werden kann. Für die einen sind es Kita-Kosten für das Geschwisterkind, für die anderen ist es das Fußballcamp auf Mallorca, das das krebskranke Kind einmal besuchen möchte. Viel Geld floss auch schon in die Arbeit des Hospiz in Bernstorf.

Welcher Familie geholfen werden kann, bei dieser Frage hilft der Sozialarbeiter der Kinderkrebsstation in Greifswald, mit der der Verein zusammenarbeitet. „Nächstes Wochenende sind wir wieder dort“, erzählt Sebastian Kairies. Größten Respekt zolle er den Mitarbeitern, die auf der Station arbeiten. Zwei neue Kinder sind gerade eingeliefert worden. Zwei Einzelschicksale, die der Verein unterstützen möchte.

Fotos für den guten Zweck

Für „Tätowierte gegen Krebs“ engagiert sich seit vier Jahren auch Manuela Pagels. Die Fotografin kannte die Mutter von Sebastian Kairies persönlich. „Sie war Erzieherin in der Kita meiner Kinder Emma und Otto“, erklärt sie. Für sie also eine Herzensangelegenheit, das Projekt von Sebastian Kairies zu unterstützen.

Heute greift sie auch nach Feierabend zur Kamera, um für einen guten Zweck Fotos zu schießen. Auch diese Einnahmen kommen Krebskranken zugute. Vor der Linse haben sich Dörte Hacker (41), Jimmy Imholt (40) und Tochter Daria Hacker (8) postiert. Die Mutter und der jüngere Bruder von Jimmy Imholt erkrankten an Krebs – daher hat er sogar einen persönlichen Bezug zur Krankheit und unterstützt heute gerne mit einem Foto.

Fotos für den guten Zweck: Dörte Hacker (41), Jimmy Imholt (40) und Tochter Daria Hacker (8) aus Grevesmühlen lassen sich von Fotografin Manuela Pagels ablichten. Quelle: JANA FRANKE

Krebs spielt auch im Leben von Annette eine Rolle – ihr Vater verstarb daran. Berührungspunkte gibt es auch bei Marion Schultz – ihre Mutter erlag einem Krebsleiden. Und so hat fast jeder, der sich heute tätowieren oder fotografieren lässt, ein Päckchen zu tragen.

Hat ihre schwer kranke Stute „Vie De Vie“ auf ihrem Arm verewigen lassen: Petra Bleeken (49) aus Stade. Quelle: JANA FRANKE

Es ist kurz vor 13 Uhr. Sebastian Kairies setzt die Nadeln für die von Marion Schultz gewünschte Gitarre mit dem Schriftzug „Music was my first love“ an. Bis 23 Uhr wird er heute noch weitere Tattoowünsche erfüllen und am Ende des Tages wandern 989 Euro in den Spendentopf, mit denen er den Familien krebskranker Angehöriger zwar nicht den Schmerz nehmen, aber vielleicht ein Stück Freude schenken kann.

Schöne Tattoos gesucht

Sebastian Kairies lässt in der Regel keine ­Wünsche offen. In ­seiner Laufbahn als ­Tätowierer schlug er nur einem Kunden einen Wunsch ab: „Der war gerade 18 Jahre alt geworden und wollte sich Hals und Gesicht tätowieren lassen. Das habe ich nicht gemacht und ihn gebeten, sich das noch einmal zu über­legen“, erinnert sich der 37-Jährige.

Ob am Hals,im Gesicht, an Arm oder Schulter: Schicken Sie uns Fotos Ihrer Tattoos! Wir ­werden Sie gesondert veröffentlichen.

Kontakt: grevesmuehlen@ostsee-zeitung.de; Betreff: „Tattoo

Zur Person Sebastian Kairies: Eine seiner ersten Hilfsaktionen im Jahr 2015 in Wismar ist in Absprache zwischen Polizei und Bürgermeister Thomas Beyer von einem ortsansässigen Verein abgebrochen worden. Grund: Er war ehemaliger Vize-Chef des mittlerweile verbotenen Rockerclubs „Schwarze Schar“ aus Wismar. Er entschloss sich, sein Leben umzukrempeln, Gutes zu tun und anderen zu helfen. Von Nordwestmecklenburgs Landrätin Kerstin Weiss ist er kürzlich zum Empfang eingeladen worden.

Von Jana Franke

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