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Nordwestmecklenburg Seegras: Natur pur oder stinkender Unrat?
Lokales Nordwestmecklenburg Seegras: Natur pur oder stinkender Unrat?
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22:17 05.08.2013
Das angeschwemmte Seegras sorgt am Strand vor Wohlenberg weiter für Diskussionen. Dabei empfinden nicht alle Urlauber das Gras als Belastung. Quelle: Foto: Maik Freitag (3)
Wohlenberg

„Wir haben hier einen Naturstrand und wem das nicht passt, muss sich einen anderen suchen“, hält Uwe Levetzow die anhaltende Diskussion über zu viel angeschwemmtes Seegras am Ostseestrand in Wohlenberg für absolut unnötig. „Meine Frau und ich sind seit 1969 hier im Bungalow. Früher war der Strand fünf Mal so breit. Jetzt sind es noch vier Meter“, ärgert sich der Wismarer, der jedes Jahr von Mai bis Oktober auf den Campingplatz „Liebeslaube“ sein Domizil in der ersten Reihe bezieht. Durch das ständige Abfahren des Seegrases wird seiner Meinung nach bis zu 50 Prozent Sand mitgenommen. „Und den fährt keiner zurück. Der bleibt nach dem Sieben liegen“, berichtet der 77-Jährige. Außerdem, so Uwe Levetzow, verhindere das Seegras das Abwehen des Sandes und trage zur Befestigung bei. „Da wir das Ganze hier seit mehr als 40 Jahre beobachten, wissen wir, wovon wir sprechen“, so der Senior.

Genauso sieht das auch die Ludwigslusterin Regina Brovatzki. Sie kommt seit 15 Jahren jedes Jahr mit der Familie im Sommer nach Wohlenberg und verbringt dort die Sommermonate. Auch die 54-Jährige empfindet das Seegras nicht als Belastung. „Der Geruch ist doch toll. Er erinnert einen an Meer, Urlaub, Frische“, so die Ludwigslusterin. „Ich habe mal im Fernsehen gesehen, dass das Seegras hier abtransportiert und in Papier eingearbeitet wurde. Das ist zumindest eine effektive Verarbeitung des Seegrases“, findet Regina Brovatzki.

Ganz anders sieht das Christian Thoß aus Oststeinbek. Der Urlauber kommt jetzt das dritte Jahr nach Nordwestmecklenburg auf den Campingplatz und beteiligt sich in der Freizeit immer wieder an freiwilligen Arbeitseinsätzen am Strandzugang. „Ich habe noch nie gesehen, dass hier etwas vom Amt getan wurde. Wenn wir unseren Strandzugang nicht selbst von Steinen und Unrat befreien, wäre hier bald nichts mehr von einem Weg zu sehen“, berichtet der 55-Jährige. Zusammen mit Nachbarn hat der Oststeinbeker sogar Drainagerohre gelegt, um bei Hochwasser durch auflandigen Wind, das Wasser wieder zurück fließen zu lassen. „Leider haben die Urlauber von der Blauen Wiek, die unseren Weg hier mitbenutzen, ein Rohr schon wieder kaputt getrampelt. Und da wird man dann schon sauer“, berichtet Christian Thoß. Auch über die fehlende Unterstützung des Amtes Klützer Winkel ärgert sich Thoß. „Als ich hier vor drei Jahren das erste Mal war, habe ich Traktorenspuren im Sand gesehen. Da wurde tatsächlich was gemacht. Doch mehr ist bisher nicht geschehen“, erzählt der 55-Jährige. Seinem Anschein nach, würde das Amt nur bis zur einige hundert Meter entfernt liegenden Segelschule etwas tun.

Dort seien noch die Tagestouristen und die bringen Geld.

Doch das Amt Klützer Winkel hat in der vergangenen Woche tatsächlich reagiert und das Seegras abfahren lassen. Eine Klützer Firma sorgte für den Abtransport. „Eigentlich machen wir das ein bis zwei Mal im Jahr“, so Jürgen Mevius, Bürgermeister von Hohenkirchen. „Wir haben im Mai das alte Seegras und jetzt das von diesem Jahr abfahren lassen.“ Da Seegras als Sondermüll deklariert ist, nehme die Entsorgung jedes Mal mehrere Tausend Euro in Anspruch. „Hinzu kommen Kosten für eine Reinigungskraft und die Miettoiletten am Strand. Außerdem sind unsere Mitarbeiter jeden Morgen vor Ort und sammeln den Unrat auf. Mehrmals pro Woche fahren wir die vollen Container ab“, sagt der Bürgermeister. Ein Container kostet etwa 130 Euro, so dass jede Woche mindestens 260 Euro dazu kommen. Häufig auch mehr, da die Container schnell voll sind. „In unserem Haushaltsplan sind die Kosten eingeplant. Wir versuchen uns daran zu halten. Natürlich können wir einen Teil mit den Strandgebühren begleichen.

Aber meistens reicht das nicht aus“, erzählt der Bürgermeister. Im vergangenen Jahr habe die Gemeinde lediglich 12 000 Euro eingenommen, aufgrund des langen Sommers sind es bisher bereits 17

000 Euro. Geld für die Erhaltung des Ostseestrandes an der Wohlenberger Wiek.

Verwendung von Seegras
Als Seegras werden verschiedene grasähnliche, im Meer lebende Samenpflanzen bezeichnet. Im Gegensatz zum Seetang verfügen Seegräser über Wurzeln und können blühen. In großen Mengen säumen sie die Küstenregionen.


Da Seegras - gemeinsam mit Algen und anderen Pflanzenresten - an den Stränden der Nord- und Ostsee eine als Treibsel eine große Menge Biomasse darstellt, gibt es verschiedene Nutzungskonzepte. An europäischen Tourismusstränden angelandetes Seegras wird bisher aufgesammelt und entweder auf Deponien entsorgt oder gelegentlich auf Feldern als Dünger untergepflügt. Getrocknetes Seegras fand früher Verwendung als Polstermaterial für Sofas und Matratzen und als Verpackungsmaterial. In der heutigen „klassischen Polsterung“ hat die Palmfaser (Afrique) das Seegras ersetzt.

Neben Produkten wie Katzenstreu und Erosionsschutzmatten zeigte sich Seegras als ökologischer Dämmstoff, der sowohl als Matte wie auch als Schüttung verarbeitet werden kann.

Maik Freitag