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Nordwestmecklenburg Seegras war früher ein Nebenverdienst für viele Fischer
Lokales Nordwestmecklenburg Seegras war früher ein Nebenverdienst für viele Fischer
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23:10 01.06.2018
Angeschwemmtes Seegras in der Wohlenberger Wiek: Für Strandbesucher heute oft ein Ärgernis, früher waren die getrockneten Wasserpflanzen gefragt als Füll- und Dämmstoff. Quelle: Foto: Maik Freitag
Rerik/Wismar

Bedeutende Betriebe der Seegrasverarbeitung in Wismar waren die hiesigen Firmen „Wilhelm Trendelburg Seegraswerbung und Seegrashandel“, Mecklenburger Matratzenwerk Kuckei & Möller sowie die Isoliermaterial Fabrik „Isolag“. Auch die Polstereiwerkstätten in den umliegenden Städten Neubukow und Kröpelin kauften das Seegras fuhrwerkweise auf. In Neubukow stellten Polstereien unter anderem Seegrasmatratzen für die im Jahre 1935 in Betrieb genommene Flakschule auf der Halbinsel Wustrow her.

Getrocknetes Seegras war bis in die 1960er Jahre hinein ein gefragter Füll- und Dämmstoff.

Der Autor

Dr. Jürgen Jahncke, geboren 1938 in Bad Doberan, lebt in Kühlungsborn. Bis 1990 war er Lehrer und unterrichtete Deutsch und Sport. Im Ruhestand wandte er sich verstärkt lokalhistorischen Forschungen zu und wurde ein produktiver Autor. Zwölf Bücher und viele einzelne Beiträge hat er bisher veröffentlicht.

Besonders in der fischfangarmen Zeit des Sommers war das Werben von Seegras für die Fischerfamilien an der Wismarbucht, auf den Inseln Poel und Langenwerder sowie am Salzhaff ein kleiner Nebenverdienst.

Am Salzhaff teilten die Fischer der Orte Rerik, Pepelow und Boiensdorf den Strand unter sich in Parzellen auf, um das Seegras nach eigenem Ermessen bergen zu können. Die jeweils Verantwortlichen markierten die etwa 200 Meter langen Abschnitte am Haffstrand, die untereinander verlost wurden.

Mit einer Forke warf man das frisch angespülte Seegras auf den höher gelegenen grobkörnigen Strand oder Grasstreifen, damit Wind und Sonne es trockneten und der Regen Meersalz und Sand abspülten konnte. Von Frauen und auch Kindern wurde das Material mehrfach gewendet. In getrocknetem Zustand reinigte man das Gut von Muscheln, Tang und anderen Fremdsubstanzen, harkte es zusammen und trug es zu Haufen. Dort, wo der Strand zugänglich war, transportierten die Fischer das Seegras mit Kasten- oder Leiterwagen vom Strand ab. Zwischen Pepelow und Boiensdorf setzten die Fischer ihre Flachboote ein und beförderten die „Ernte“ nach Mückenfang. Hier stakten sie sie auf bereitstehende Loren, mit denen der weitere Transport zum Seegrasschuppen erfolgte. Nun war es geschützt und trocken gelagert und konnte zu Ballen gepresst werden. Aufkäufer aus Wismar wogen die Ballen beim Ankauf, danach richtete sich der Preis. Zu dem sogenannten Seegrasschuppen führte ein auf Holzpfählen montierter Schienenstrang von etwa 200 Metern Länge, der etwa 100 Meter in das flache Salzhaff hineinreichte. Der Abtransport der Ballen geschah über die Loren und weiter mit den Flachbooten der Fischer zum Lastensegler, dem Ewer, der etwa 300 Meter vom Ufer entfernt vor Anker lag. Der Schiffseigner Otto Braun transportierte nachweislich mit seinem Passagierschiff/Motorkahn „Otto“ 1926 Seegras, welches in der Wismarbucht geworben worden war, im Auftrag der Wismarer Firma Fischräucherei Wilhelm Trendelburg. Für die mühevolle Arbeit des Sammelns, Trocknens und Transportierens erhielten die Fischer etwa zwei bis drei Mark pro Zentner.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges transportierte man mit dem Ewer auf dem Salzhaff nicht nur Seegras, sondern auch Getreide, Zuckerrüben und Kohlen zwischen den Orten Rerik, Pepelow, Boiensdorf und der Hansestadt Wismar. Der Ewer war mit seinem geringen Tiefgang, seiner stark bauchigen Form und der Tragfähigkeit bis zu 60 Brutto-Register-Tonnen in den küstennahen Gewässern und für das Haff das ideale Transportfahrzeug, da ein gut funktionierendes Straßen- und Eisenbahnnetz in der Haffregion nicht existierte. Der Lastensegler war ein verhältnismäßig wetter- und windunabhängiges Fahrzeug, das an keinen festen Fahrplan gebunden war. Die Besatzung bestand aus zwei bis vier Mann. Auch an Seeleuten fehlte es nicht, weil jeder Matrose damals in der Ausbildung zwei Jahre Segelschifffahrt nachzuweisen hatte. Spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die wenigen Ewer, die an der Ostseeküste noch existierten, verschlissen oder durch andere Transportmittel ersetzt. Sie gerieten in Vergessenheit. Am Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts transportierten nunmehr Lastwagen der landwirtschaftlichen Genossenschaften oder volkseigenen Betriebe das Seegras zur Verarbeitung nach Wismar.

Laut einem Landtagsbeschluss in Mecklenburg durfte Seegras nach dem 1. Juli 1947 nicht mehr in andere Länder oder Provinzen verkauft, unter keinen Umständen verbrannt oder anderweitig verwendet werden. Denn in der Polstermöbel- und Matratzenindustrie der Sowjetischen Besatzungszone, später in der DDR, herrschte großer Mangel an Füllmaterial, weil afrikanische Palmfaser, württembergisches und bayrisches Alpengras, Kokos- und Sisalfaser nicht mehr zur Verfügung standen. Um das Interesse der Fischer an der Seegrasgewinnung zu intensivieren, hatte das Unternehmen „Maria Storr – Matratzenfabrik“ vorgeschlagen, für einen Zentner getrockneten Materials sogar 12 bis 15 Mark zu zahlen.

Restaurierungsarbeiten an Reriker Häusern zeigen immer wieder, dass ihre Erbauer Seegras als Dämm- und Isolierschicht bis hinein ins vergangene Jahrhundert verwendet haben.

Noch heute stopfen Reriker Einwohner und vielerorts in den Dörfern an der Ostsee ihre Kellerfenster im Winter mit Seegras zu und loben es als wirksamen Schutz gegen Kälte, Nässe und Ungeziefer jeglicher Art.

 Jürgen Jahncke