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Nordwestmecklenburg „Jetzt aber!“: Weltkriegsbombe in Pötenitz explodiert erst im sechsten Versuch
Lokales Nordwestmecklenburg

Sprengung in Pötenitz: Weltkriegsbombe explodiert im sechsten Versuch

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17:59 28.10.2021
Die Fontäne des Wassersacks, der die Explosion dämmte, zeigt die Wucht von knapp 25 Kilogramm Sprengstoff in der Splitterbombe
Die Fontäne des Wassersacks, der die Explosion dämmte, zeigt die Wucht von knapp 25 Kilogramm Sprengstoff in der Splitterbombe Quelle: Freiwillige Feuerwehr Dassow
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Pötenitz

Fast fünf Stunden dauerte es am Donnerstag, eine Splitterbombe aus dem zweiten Weltkrieg im Waldstück am Rand von Pötenitz zu sprengen. Die Entschärfer des Munitionsbergungsdienstes (MBD) aus Schwerin brauchten sechs Anläufe bis zum Knall mit großer Wasserfontäne. Viele alte Stahlbetonteile des früheren Luftzeugamtes und auch die dichte Vegetation in dem Naturschutzgebiet hatten immer wieder das Funksignal des Zünders gestört.

Begonnen hatte die Maßnahme schon am frühen Morgen. Nachdem in den Vortagen bereits Anwohner von Mitarbeitern des Ordnungsamtes über die Sprengung informiert worden waren, machten sie am Tag der Sprengung um 7.30 Uhr noch einmal Durchsagen mit einem Megafon auf den Wegen im Wald. „Aber da war es noch dunkel und wahrscheinlich niemand dort unterwegs“, sagt Anja Surkamp, Fachbereichsleiterin des Ordnungsamts.

Rund um die am Rand des Dassower Sees entdeckte Bombe waren unterschiedliche Gefahrenbereiche festgelegt worden. Die besagten, dass einige Bewohner von Pötenitz in ihren Häusern bleiben sollten. Außerdem wurde die Straße zwischen Dassow und dem Priwall während der Sprengung gesperrt.

Vorbereitungen liefen reibungslos

Aber diese Sperrung dauerte länger, als es sich Polizisten, Feuerwehrleute, Ordnungsamtsmitarbeiter und auch die Entschärfer vom Munitionsbergungsdienst gedacht hätten. Dabei klappte zunächst alles reibungslos. Um 9 Uhr verteilten sich sechs Polizeibeamte und sechs Mitarbeiter des Ordnungsamtes an die Zufahrtsstraßen, um sie zu sperren.

Im Video hören und sehen Sie die Sprengung:

Um 10 Uhr war auch ein Boot mit Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Dassow und der DLRG über den Dassower See an die Fundstelle der Bombe gelangt. Sie begannen dann, einen großen Kunststoffsack mit 24 000 Litern Wasser zu befüllen. Das dauerte etwa eine dreiviertel Stunde. „Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen. Wir geben jetzt das erste Signal“, gab Entschärfer Torsten Hauk per Funk um 11 Uhr durch.

Unerwartete Stille nach der Zündung

Die Polizisten und Polizistinnen an den Absperrungen geben durch, welche Fahrzeuge zuletzt noch durchgelassen wurden. Als sie weg sind, ist die Straße leer. Dann kommt der Munitionsbergungsdienst wieder zum Standort der Einsatzleitung gefahren. Eigentlich soll die Sprengung von hier aus gezündet werden. „Wir müssen wieder näher ran“, sagt Torsten Hauk. Er kann keinen Funkkontakt zum Empfänger an der Bombe herstellen und fährt wieder in den Wald.

Munitionsbelastung in MV

Gebiete, die mit Munition aus dem Zweiten Weltkrieg belastet sind, werden in vier Kategorien unterteilt. In der Kategorie 4 stellt die Kampfmittelbelastung eine Gefährdung dar, die eine Beseitigung erfordert.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es (Stand Februar 2020) 165 Flächen, insgesamt etwa 37 000 Hektar, die in diese Kategorie fallen.

Still ist es. Ab und zu zwitschert ein Vogel und die Blätter der Bäume rauschen. Um 11.22 Uhr kommt das zweite Signal, das auf die Sprengung hinweist. Es folgt ein Countdown, Polizisten und Feuerwehrleute lauschen gespannt. Doch es bleibt still.

Stahlbeton und Bäume behindern Funksignal

„Es verzögert sich etwas. Wir müssen noch näher ran zum Zünden“, meldet der MBD. Das Waldgebiet steht unter Naturschutz und ist dicht bewachsen. Die vielen Bäume und Büsche, aber zusätzlich auch große Mengen an Stahlbeton von den Gebäuden des früheren Flugzeugamtes aus dem Zweiten Weltkrieg, lassen das Funksignal nicht durch. „Sollen wir eine Drehleiter holen?“, schlägt ein Feuerwehrmann vor. Die Entschärfer überlegen, ob sie den ehemaligen Grenzturm, in dessen Nähe die Bombe liegt, nutzen können.

Im Wald bei Pötenitz gibt es etliche Ruinen des Militärs. Stahlbeton ist fast überall zu finden. Quelle: Malte Behnk

Doch dann wird der Plan wieder geändert. Das Boot auf dem Dassower See nimmt die Entschärfer auf. Sie versuchen, die Sprengung von der Seeseite auszulösen. Dort sind viel weniger Pflanzen im Weg. Um 12.19 Uhr kommt über Funk: „Drei, zwei, eins, Zündung.“ Doch es bleibt wieder still. Um 12.21 Uhr wiederholt sich das. „Signal wurde gesendet, aber keine Zündung“, meldet der Entschärfer vom Boot. Um 12.57 Uhr wird er erneut aufs Wasser hinausgefahren, doch wieder bleibt es nach dem Countdown still.

Erlösender Knall im sechsten Versuch

Um 13.22 Uhr, zweieinhalb Stunden ist die Straße zwischen Priwall und Dassow inzwischen gesperrt, gibt es nach dem Runterzählen dann endlich den erlösenden Knall. Er ist nicht besonders laut und vom Rand der Wohnsiedlung, wo die Einsatzleitung von Feuerwehr und Polizei steht, ist nichts zu sehen. Alle sind aber erleichtert, dass die Sprengung endlich geklappt hat.

Im Boot auf dem Dassower See ist die Sprengung hingegen deutlich zu sehen. Der große Wassersack, der auf die Bombe gelegt wurde, um Splitter abzuhalten und die Explosion zu dämpfen, wird von der Wucht der Explosion zerrissen, 24 000 Liter Wasser schießen in einer Fontäne hoch in die Luft. „Endlich!“, „Jetzt aber!“ und andere Ausrufe der Freude sind von den Beteiligten zu hören.

Die Sprengung der Splitterbombe hat einen Krater in den Waldboden gerissen. Quelle: Malte Behnk

Gemeinsam mit Förster Ulf Steinbrück von der Bundesforst machen sich auch die Feuerwehrleute kurz ein Bild von der Sprengung. Die Bombe hat einen großen Krater in den Waldboden gerissen, der jetzt mit Wasser gefüllt ist. Eine Gefahr für Spaziergänger war sie eigentlich nicht. „Hier ist ein Naturschutzgebiet und da hat links und rechts der Wege keiner etwas zu suchen“, betont er. Das sei alleine schon wegen der Ruinen in dem Gebiet gefährlich. Außerdem ist es gut möglich, dass sich dort noch weitere Munition aus dem Krieg befindet.

Von Malte Behnk