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Nordwestmecklenburg Stör und Rochen am Ohr
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20:16 06.11.2015
Ramona Stelzer stellt Schmuck aus Fischhäuten her. Quelle: Katharina Ahlers
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Wismar

Vorsichtig stanzt Ramona Stelzer kleine Kreise aus dem rot-glänzenden Material, das vor ihr auf der Arbeitsplatte liegt. „Das ist die Haut eines Fisches“, erklärt die Goldschmiedin und Schmuckdesignerin. „Die Kreise setze ich später in die Fassung für Ohrringe, die ich zuvor angefertigt habe.“

Im vergangenen Jahr hat Ramona Stelzer sich selbstständig gemacht. In ihrem Atelier in Wismar erstellt sie neben Ohrringen und -steckern außerdem Halsketten, Armbänder sowie Anhänger. „Ich mag das Handwerkliche“, sagt die 32-Jährige. Auf den ungewöhnlichen „Stoff“ dafür ist sie während ihres Design-Studiums aufmerksam geworden. „Eine Professorin hat mir die Haut eines Seewolfs gezeigt“, erinnert sie sich. „Ich war sofort begeistert, da ich nie gedacht hätte, dass man mit Fischhaut arbeiten kann.“

Mittlerweile hängen im Wismarer Atelier diverse Fischhäute — Stör, Barsch, Karpfen, Papageifisch oder Lachs — in verschiedenen Farben und Größen. „Jeder Fisch hat eine andere Oberflächenstruktur und muss individuell verarbeitet werden“, erklärt die gebürtige Baden-Württembergerin. „Für ein Schmuckstück brauche ich, abhängig vom Schmuck und der dafür gewählten Fischart, zwischen drei Stunden und mehreren Tagen.

Stelzer streicht über das rot-glänzende Leder auf der Arbeitsfläche. „Das ist Rochen. Damit arbeite ich besonders gern“, sagt sie. „Die Schuppentaschen der Haut geben dem Material eine besondere Struktur.“

Die Haut ihres Lieblingsfisches ziert auch die Ohren der Designerin: Ohrhänger aus dunkelblau eingefärbtem Rochenleder glänzen in einer Silberfassung. „Der Glanz kommt durch das Polieren zustande“, erklärt Stelzer. Bevor sie die Haut verarbeiten kann, wird diese zunächst von einem Gerber in Süddeutschland bearbeitet. Neben dem Entfernen der Schuppen, wird sie geschliffen, poliert und eingefärbt.

Eine besondere Pflege brauchen die Schmuckstücke anschließend nicht. „Das Material ist sehr robust und bleibt mehrere Jahre erhalten“, sagt die Künstlerin. „Allerdings sollte der Kontakt mit Wasser vermieden werden.“

Mit ihren Kunstwerken spricht Ramona Stelzer eine breite Zielgruppe an. „Von der Studentin bis zur Oma — wer handwerkliche Arbeit zu schätzen weiß und Lust auf etwas Außergewöhnliches hat, kauft diesen Schmuck“, sagt sie. „Jede Fisch-Haut ist ein Unikat und daher ist auch jedes Schmuckstück einzigartig.“

Am Wochenende stellt die Künstlerin ihre Werke im Kirchgemeindehaus in Herrnburg vor. Zu sehen sein wird unter anderem die erste Herren-Kollektion. Diese enthält beispielsweise Armbänder und Manschettenknöpfe. „Die habe ich aus Stör-Leder erstellt“, sagt die Designerin. Durch sogenannte Hornplatten, die die Knochenfische unter der Haut tragen, ist sie sehr hart und robust. „Ich dachte, dieses Leder hat irgendwie etwas Männliches“, meint Stelzer.

Extra für ihre Arbeiten werden keine Fischen gefangen, betont die Künstlerin. „Das ist so ein Nischenprodukt, dafür würde sich eine Fischzucht gar nicht lohnen“, sagt sie. „Es wird so viel Fisch gegessen. In der Speisefischproduktion ist die Haut nur ein Wegwerfprodukt. Durch meine Werke wird aus dem ,Abfall‘ ein schöner Werkstoff.“

Katharina Ahlers