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Nordwestmecklenburg Trinken, um zu (über)leben
Lokales Nordwestmecklenburg Trinken, um zu (über)leben
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18:11 14.08.2019
Norbert N. sitzt gern auf dem großen Stein an der Landstraße in Poischendorf und beobachtet Autos, die vorbeifahren. Seit ein paar Jahren lebt er in dem Dorf, in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe für alkoholkranke Menschen. Die Besonderheit hier: Man darf trinken, bis zu drei Bier am Tag. Thilo Rau, rechts neben Norbert N., ist Geschäftsführer der DRK-Soziale Betreuungsdienste MV gGmbH, zu der diese spezielle Wohngruppe gehört. Quelle: Annett Meinke
Poischendorf

 „Eh, Mama, gleich zweimal guten Morgen sagen, brauchst du wohl auch nich’“, ruft Norbert N. der Journalistin zu, die auf den Hof der Alten Molkerei in Poischendorf gerade aus ihrem Auto steigt. Keine wirklich freundliche Begrüßung. Tatsächlich hat die Besucherin die auf den Bänken und Stühlen vor dem Haus in der Sonne sitzenden Männer gleich zweimal hintereinander gegrüßt.

Dass sie das tat, hat damit zu tun, dass niemand auf ihren ersten Gruß antwortete. Doch das erklärt sie den Männern nicht. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil Martin Szeska, Betreuer der insgesamt 18 alkoholkranken Männer und zwei Frauen, die derzeit in der Alten Molkerei leben, in diesem Moment aus dem Haus geschossen und auf sie zugeeilt kommt, sie herzlich begrüßt und sie danach – dabei irgendwie fast ein wenig beschützend wirkend – an den misstrauisch dreinblickenden Männern vorbei lotst.

Martin Szeska wohnt in Grevesmühlen und fährt täglich nach Poischendorf zur Arbeit in die Wohngruppe. Quelle: Annett Meinke

Im Büro der Einrichtung, die nach der Wende, und bis sie das Zuhause für Alkoholkranke wurde, ein Hotel war – zu DDR-Zeiten war das Haus mal eine Molkerei –, sagt Szeska: „Sozial übliche Umgangsformen sind ein Problem für manche Bewohner. Sie sind aber auch etwas aufgeregt, wegen Ihres Besuchs.“

Drei Bier pro Tag

Eine Besonderheit der Einrichtung in Poischendorf ist, dass die Menschen, die dort leben, Alkohol trinken dürfen. „Maximal drei Bier am Tag“, erklärt Thorsten Klar, der die Einrichtung leitet.

Klar, der in der Nähe von Wismar lebt, wirkt wie sein Nachname: Ruhig und entspannt, jedoch keineswegs so, als könne er sich nicht durchsetzen. Ebenso Szeska, der aus Grevesmühlen kommt und der, bevor er sich zur Fachkraft mit sozialpsychiatrischer Ausbildung umschulen ließ, einen handwerklichen Beruf ausübte, eine Weile lang auch für einen Sicherheitsdienst arbeitete.

Thorsten Klar leitet die Sozialtherapeutische Wohngruppe Alte Molkerei in Poischendorf. Quelle: Annett Meinke

Wieso ist es sinnvoll, Menschen, die alkoholkrank sind, Alkohol trinken zu lassen? Steigt damit nicht die Gefahr eines erneuten Absturzes? „Doch“, sagt Klar, „die Gefahr besteht. Manchmal passiert das auch. Die Bewohner sind nicht eingesperrt, sie können sich draußen Alkohol besorgen.“

Bei den Menschen, die in dieser Wohngruppe leben, erklärt er, handelt es sich um Frauen und Männer, die bereits einen langen Weg mit „Freund Alkohol“ zurückgelegt haben.

Es sind Männer und Frauen, die häufig bereits mehrfache körperlich oder geistige Schädigungen aufweisen und nicht selten auch schon aus anderen Einrichtungen verwiesen wurden. Einfach, weil sie es nicht geregelt bekamen, sich an die komplette Abstinenz zu halten, die in vielen Wohngruppen für Alkoholkranke zwingend vorgeschrieben ist.

Trinken, um zu (über)leben

Die Einrichtung in Poischendorf, macht Szeska deutlich – er ist einer von insgesamt acht Betreuern, die dort im Schichtdienst arbeiten –, ist im Grunde Anlaufstelle für Menschen, denen sonst fast keiner mehr helfen will.

Wer es auch dort nicht schafft, zum Beispiel, weil er sich immer wieder nicht an das Alkohollimit hält oder vielleicht auch aufgrund von Aggressivität anderen Bewohnern gegenüber gehen muss – oder auch selbst abhaut, was jederzeit möglich ist –, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Obdachlosigkeit und kompletten Verwahrlosung.

Dosiertes Trinken als Angebot also, um zu leben, um mit Hilfe von ein paar Bieren eine geregelte Tagesstruktur und soziale Interaktionen zu entwickeln, die wieder etwas mit Lebensqualität zu tun haben.

Sozialpsychiatrischer Betreuer Martin Szeska (l.) und Siegfried B., der seit 2017 in der Wohngruppe in Poischendorf wohnt, beim Küchendienst. An diesem Tag gab es Pizza. Quelle: Annett Meinke

Das Gespräch mit einem Klienten gestaltet sich mühsam. Klienten, werden die Bewohner der betreuten Wohngruppe zumindest offiziell von ihren Betreuern genannt, auch in den Genehmigungsverfahren, die die DRK-Soziale Betreuungsdienste MV, eine gemeinnützige Firma, zu der die Einrichtung gehört, mit Kassen und Ämtern führt.

So recht scheint Siegfried B. (64), der seit anderthalb Jahren mit seinem Kumpel, mit dem er zuvor auf einem Dorf in einer Wohnung lebte und der nun gemeinsam mit eben diesem Freund in Poischendorf lebt, nicht zu verstehen, warum er nicht wieder mit seinem Kumpel im Dorf leben darf.

Dass man die beiden Freunde von Amtswegen aus ihrer Wohnung holte, weil es so, wie sie dort lebten, nicht mehr weiterging, scheint Siegfried B. entweder nicht mehr zu wissen oder vielleicht auch zu verdrängen.

Einsamkeit ist bei fast allen Thema

Das Durchschnittsalter der Bewohner der Wohngruppe in Poischendorf liegt um die 60. Alle, die dort leben, bleiben länger, mehrere Jahre. Der ein oder andere ist da, seitdem die Einrichtung 2015 öffnete. Nicht selten haben die Bewohner schon mehrere Entgiftungen hinter sich.

Die erschreckenden Zahlen rund um das Thema Alkohol

Im Jahr 2016 betrug der Pro-Kopf-Konsum an alkoholischen Getränken in der Bundesrepublik 133,8 Liter. Das entspricht 9,5 Liter reinem Alkohol.

96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol.

Etwa 1,61 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken missbräuchlich Alkohol. Sie nehmen körperliche, psychische und soziale Folgen in Kauf. Männer trinken durchschnittlich deutlich mehr als Frauen.

Rund 1,77 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig.

Schätzungen für Deutschland belaufen sich auf etwa 74 000 Todesfälle, die durch riskanten Alkoholkonsum oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak verursacht werden.

Nach aktuellen Analysen für Deutschland sind innerhalb der letzten 40 Jahre alkoholische Getränke im Vergleich zur sonstigen Lebenshaltung um 30 Prozent billiger geworden. Dabei sanken die Verbraucherpreise für Wein um 38 Prozent, für Spirituosen um 33 Prozent und für Bier um 26 Prozent.

Die direkten und indirekten Kosten alkoholbedingter Krankheiten werden pro Jahr auf 40 Milliarden Euro geschätzt.

Im Jahr 2016 betrugen die staatlichen Einnahmen aus Bier-, Schaumwein- und Spirituosensteuer 3,165 Milliarden Euro. Auf Wein wird in Deutschland keine Steuer erhoben.

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Jahrbuch Sucht 2018, Aktionswoche Alkohol

Bei Ilona K. (61) scheint möglich, was letztlich das bestmögliche Ziel dieser Einrichtung ist – die Klienten irgendwann wieder in ein eigenständiges Leben zu entlassen. Die ehemalige Altenpflegerin beschäftigt sich gern an der Nähmaschine, bastelt dieses oder jenes, flickt auch schon mal etwas für jemanden, auch von den Betreuern. Sie ist ruhig und freundlich im Gespräch, kann benennen, was sie in die Sucht brachte: „Nicht die schwere Arbeit, die hat mir viel Spaß gemacht. Die Einsamkeit war es, das Allein-zu-Hause-sein.“

Einsamkeit, bestätigen Klar und Szeska, ist bei fast allen Thema. Manche haben schon lange niemanden mehr oder die Familien haben sich abgewandt.

Die ehemalige Altenpflegerin Ilona K. lebt seit 2015 in der Wohngruppe in Poischendorf. Sie ist komplett trocken, gern an der Nähmaschine kreativ. Quelle: Annett Meinke

Wenn plötzlich Verwandte in Poischendorf auftauchen, weil sie merken, dem Vater oder der Mutter, Oma oder Opa geht es dort wieder besser, er oder sie ist zumindest wieder auf einem gewissen Level erreichbar, „dann“, sagt Klar, „ist das ein Mega-Erfolg.“

Warum macht man so einen Job?

Befragt nach ihren Motiven, sich täglich mit Alkoholkranken auseinanderzusetzen, überlegen Thorsten Klar und Martin Szeska nicht lange. Szeska sagt: „Wenn ich abends zu meiner Familie nach Hause fahre, habe ich das Gefühl, ich habe etwas Sinnvolles getan.“

Klar, der ebenfalls Familie hat, sagt, dass es ihm wichtig sei, in Poischendorf „ausreichend Zeit für seine Klienten“ zu haben. Immer wieder erleben er und seine Kollegen, dass sich jemand nach langer Zeit öffnet, etwas von sich erzählt. „Und auf einmal wird diesem Menschen und uns klar, wieso es wurde, wie es ist. Wieso das, was doch in Mecklenburg-Vorpommern häufig immer noch ganz normal ist, regelmäßig Alkohol zu trinken, für ihn oder sie komplett aus dem Ruder lief.“

Wichtig ist der Austausch im Team

Eine Voraussetzung, um selbst gut mit diesem Beruf zu leben, sagen Klar und Szeska, sei das Zusammenspiel im Mitarbeiterteam. „Wir haben in Thorsten den besten Chef, den man sich vorstellen kann“, sagt Szeska. „Wir sind füreinander da, unterstützen uns, können uns auch mal ausklagen und Luft ablassen, wenn es mal wieder mit dem einen oder anderen Bewohner schwierig ist.“ Die regelmäßigen Schulungen, Weiterbildungen und Supervisionen seien ebenfalls wichtig.

Nachspiel und Abgang

Beim Verlassen des Hofes der Einrichtung fragt Norbert N. die Journalistin – inzwischen sitzt er nicht mehr auf der Bank neben dem Eingang zum Haus, sondern auf dem Stein an der Landstraße, einem Beobachtungsposten, den er offenbar täglich besucht: „Und Mama, geht’s jetzt nach Hause?“

Als die Besucherin nickt, fragt er, und jetzt klingt das, was er sagt, kein bisschen unfreundlich, sondern fast ein bisschen sehnsüchtig: „Und nimmste mich mit?“ Dieses Mal bekommt er keine Antwort. Und damit sind er und die fremde Frau dann auch irgendwie quitt.

 

Von Annett Meinke

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