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Nordwestmecklenburg Warum Russlanddeutsche nicht zurück in die Heimat wollen
Lokales Nordwestmecklenburg Warum Russlanddeutsche nicht zurück in die Heimat wollen
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21:11 08.06.2019
Gottfried Knauss (84), Russlanddeutscher aus Lida hat sich für ein Leben in Weißrussland mit seiner Frau Ira entschieden. Hier im Gespräch mit Maik Faasch von der Lidahilfe. Quelle: Michael Prochnow
Grevesmühlen/Lida

Seit 1993 sind die Mitglieder der Lidahilfe aus Grevesmühlen in Weißrussland aktiv, denn vor allem in den 1990-er Jahren lag die Wirtschaft in dem kleinen Land mit knapp zehn Millionen Einwohnern am Boden. Seitdem ist viel passiert, das Land entwickelt sich. Auch wenn die Hilfe aus Deutschland nach wie vor notwendig ist, so hat sich das Leben in Belarus, wie das Land in russischer Sprache genannt wird, deutlich verbessert. Zwar verlassen vor allem junge Leute immer noch das Land, weil sie im Ausland bessere Chancen für sich sehen, doch im Gespräch mit den Menschen wird auch deutlich, dass Weißrussland anders ist als die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Und warum sich für allem die Älteren hier sicher fühlen.

Maik Faasch, Mitglied der Lidahilfe aus Grevesmühlen und seit 1998 dabei, hat in Lida mit Gottfried Knauss gesprochen. Der 84-Jährige ist Russlanddeutscher und bewirtschaftet ein paar Kilometer außerhalb von Lida zusammen mit seiner Frau Ira, einer Russin, einen großen Garten. Im Gespräch mit der Lidahilfe erzählt er, warum er die Möglichkeit ausgeschlagen hat, in Deutschland zu leben.

„Zu viele Banditen in Russland

Seine Familie, so berichtet der Mann mit der Schiebermütze, habe viele Jahre in Tula im westlichen Teil Russlands gelebt. Mit Ausbruch des Krieges wurden sie wie alle Russlanddeutsche nach Osten umgesiedelt. Kasachstan und Sibirien lauteten die Ziele, Familie Knauss landete in Sibirien, wo Gottfried geboren wurde. Er wuchs in der Sowjetunion auf, lernte später seine Frau Ira kennen. Sie fanden ein Zuhause in Lida in Weißrussland, wo sie bis heute leben. Sein Bruder und seine Schwester haben nach dem Zusammenbruch die Chance genutzt, um nach Deutschland überzusiedeln, in Hamburg und Lüneburg leben sie mit ihren Familien. Gottfried Knauss hat diese Chance auch. „Was soll ich da? Meine Frau spricht die Sprache nicht, einfach nur in einer Wohnung sitzen, das will ich nicht.“ Und als Alternative nach Russland ziehen? „Zu viele Banditen“, sagt seine Frau Ira. „Weißrussland ist sicher, hier ist es ordentlich, gut zum Leben.“ Ein paarmal hat er seine Verwandten in Deutschland besucht. „Aber nach ein paar Tagen reicht es dann auch.“

Weißrussland in Zahlen

Gemäß der Volkszählung aus dem Jahr 2009 beträgt die Bevölkerung Weißrusslands knapp 9,5 Millionen Einwohner. Das Bevölkerungswachstum beträgt zur gleichen Zeit etwa −0,15 Prozent. Seit 1993 sank die Einwohnerzahl um insgesamt etwa 6 Prozent. Die Lebenserwartung in der Bevölkerung liegt bei 72,2 Jahren; bei Männern sind es 66 Jahre, bei Frauen 78.

Das Staatsvolk bilden die ostslawischen Weißrussen mit ca. 83 Prozent der Gesamtbevölkerung. Neben ihnen gibt es zu 8,3 Prozent Russen, zu 3,1 Prozent Polen und zu 2,4 Prozent Ukrainer. Die ehemals sehr stark vertretene jüdische Minderheit (vor dem Zweiten Weltkrieg zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, in den Städten mit einem Anteil von über 50 Prozent) betrug als Folge des Holocausts auf weißrussischem Gebiet 1959 nur noch rund 1,9 Prozent der Bevölkerung (etwa 150 000), 2009 wurden nur noch 12.926 (0,1 Prozent) gezählt. Zur Minderheit der muslimischen Tataren gehören ebenfalls etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung an. Bei der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde die Sowjetrepublik unabhängig.

Die weißrussische Wirtschaft wurde nicht in eine Marktwirtschaft umgewandelt, da die Planwirtschaft von der Regierung bevorzugt wird. Aufgrund sehr guter Wirtschaftsbeziehungen im Rahmen der Eurasischen Union zu anderen Ländern in der Region, vor allem aber mit Russland (starker Export, verbilligter Rohstoffimport) ist die wirtschaftliche Situation bislang stabil. Industrie und Landwirtschaft sind größtenteils in Staatshand. Die Anhebung der Rohölpreise durch Russland brachte die durch die bisherige Vorzugsbehandlung bei den Rohstoffpreisen subventionierte Wirtschaft in Schwierigkeiten. Die Landwirtschaft, auf die knapp 10 Prozent der Beschäftigung entfällt, wird durch Kollektivierung mit zwei Hauptzweigen beherrscht: den Anbau von Kartoffeln und Viehzucht. Historisch gesehen sind wichtige Industriezweige die Textilindustrie und die Holzverarbeitung. Seit 1965 wurde der Maschinenbau (Traktoren, Kühlschränke) verstärkt ausgebaut. Innerhalb der Sowjetunion gehörte Weißrussland zu den am weitesten entwickelten Teilrepubliken. Wirtschaftlich engagiert sich das Land neben der GUS in der Eurasischen Wirtschaftsunion und in der Russisch-Weißrussischen Union. Quelle: Wikipedia

Dass Belarus seit der Präsidentschaft von Alexander Lukaschenko, der seit 1994 an der Spitze der Regierung steht, eine Diktatur ist, das wissen die beiden Rentner, die von knapp 500 Dollar Rente pro Monat leben. Aber Politik interessiert sich nicht, nicht mehr. „Damals in der Sowjetunion, da hatten wir ein gutes Leben.“ Gottfried war Kraftfahrer, hat alles gelenkt, was Räder hatte. Anfang der 1990-er Jahre saß er am Steuer eines Busses, der die deutschen Ingenieure und Handwerker zu der Baustelle in Lida brachte, wo mit EU-Mitteln ein ganzes Wohnviertel für die zurückkehrenden Soldaten der Roten Armee gebaut wurde. „Da konnte ich endlich mal wieder deutsche sprechen“, erinnert sich der 84-Jährige. „Ich hörte nur, wie sich hinter mir Männer auf deutsch unterhielten und darüber sprachen, wie schlimm es denn hier aussehen würde. Da hab’ ich sie gefragt, warum sie denn hier sind, wenn es doch so schlimm ist.“

Gottfried Knauss (84), Russlanddeutscher aus Lida hat sich für ein Leben in Weißrussland mit seiner Frau Ira entschieden. Hier im Gespräch mit Maik Faasch von der Lidahilfe. Quelle: Michael Prochnow

Wenn Gottfried Knauss Episoden aus seinem Leben erzählt, dann fällt erstaunlich oft das Wort „Sowjetunion“. Es sei ihnen besser gegangen damals, das Leben sei ruhiger und friedlicher gewesen. Seine Frau nickt zustimmend. „Und Weißrussland ist immer noch ein bisschen Sowjetunion.“ Die beiden Rentner haben ihr Auskommen, die 500 Dollar sind genug, um für die Enkel etwas beiseite zu legen, der Garten sorgt für Lebensmittel und Bewegung an der frischen Luft. Gottfried Knauss sieht nicht ansatzweise aus wie 84, was vielleicht auch daran liegt, dass er die Finger öfter vom Alkohol gelassen hat als seine Geschlechtsgenossen aus Belarus. Männer, und darüber gibt es unzählige Statistiken im Osten, erreichen hier oftmals nicht einmal das Rentenalter.

Und was ist eigentlich typisch deutsch? Denn im Pass des 84-Jährigen steht als Nationalität immer noch dieser Begriff. „Vielleicht bin ich doch etwas ordentlicher“, sagt Gottfried Knauss und lächelt. „Aber eigentlich ist das auch nicht so wichtig.“

Michael Prochnow

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