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Nordwestmecklenburg Ein Blick in die Geschichte der Wendezeit
Lokales Nordwestmecklenburg Ein Blick in die Geschichte der Wendezeit
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13:09 19.03.2019
Kevin Nehls vom Kreisarchiv und Heinz–Erich Karallus (r.) bei der Übergabe der Dokumente.
Kevin Nehls vom Kreisarchiv und Heinz–Erich Karallus (r.) bei der Übergabe der Dokumente. Quelle: Landkreis
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Grevesmühlen/Wismar

Im Sommer 1990 bröckelte der Eiserne Vorhang, Wochen später war nichts mehr wie es vorher war in der damaligen DDR. Heute, fast 30 Jahre danach, erinnern sich zwar viele Menschen an die wichtigen Ereignisse von damals. Doch was spielte sich hinter den Kulissen ab? Die neuen Kommissionen, die gebildet wurden, die Runden Tische – wer gehörte dazu, welche Themen wurden besprochen? Antworten auf diese und viele anderen Fragen hat jetzt Heinz-Erich Karallus gegeben. Der Standesbeamte aus dem Grevesmühlener Rathaus und ehemalige Verwaltungsmitarbeiter aus Wismar hat dem Kreisarchiv Nordwestmecklenburg nicht nur zahlreiche Dokumente zu den Kommunalwahlen 1990 übergeben, sondern wichtige Protokolle von den Sitzungen und Versammlungen aus der Wendezeit. Bereits 2014 hatte er Dokumente zum Runden Tisch in Wismar an das Archiv übergeben.

D-Mark für Parteimitglieder, Bananen für verdiente Mitarbeiter

Im Januar gründeten sich damals überall in der DDR sogenannte Runde Tische, deren Vertreter sich mit der Organisation des täglichen Lebens befassten. In Wismar beispielsweise gab es ab Januar 1990 eine Kommission mit dem vielsagenden Titel „Privilegien“. Aufgabe dieser Kommission war es, Hinweise von Bürgern nachzugehen, die auf den Missbrauch von Beziehungen und eben Privilegien hinwiesen. Aus den Protokollen geht hervor, dass es sowohl um die Vergabe von Häusern und Grundstücken an Parteifunktionäre ging als auch um den Einkauf in Spezialgeschäften, die Verteilung von Bananen, die Nutzung von Dienstwagen, die Ausgabe von D-Mark als Reisegeld für Mitarbeiter der Stadtverwaltung und vieles mehr. Und wie es so spielt, wenn es um die Vorteile für die einen und die Nachteile für die anderen geht, es gab nicht nur jede Menge Streit, sondern auch harsche Kritik an den Mitgliedern jener Kommission. Der Grund: Für manche forschten sie nicht hartnäckig genug nach, anderen gingen die Recherchen zu weit. Am Ende landeten zwar einige Fälle in Sachen Vorteilsnahme bei der Staatsanwaltschaft, wie diese Verfahren am Ende ausgingen, ist aber nicht bekannt.

Grundstücksspekulanten in Boltenhagen

Apropos Vorteile: Die Aufzeichnungen der Sitzungen des Runden Tisches in Boltenhagen, die ebenfalls im Kreisarchiv einzusehen sind, geben auch Aufschluss darüber, dass bereits zum Jahreswechsel 1989/90 das Rennen um die besten Grundstücke begonnen hatte. So lautete ein Beschluss des Gremiums, das damals von Pastor Robatzek geleitet wurde, dass möglichst keine Häuser und Grundstücke in Boltenhagen verkauft werden sollten, solange die Rahmenbedingungen nicht eindeutig geklärt seien. Fakt ist: Damals wurden etliche Grundstücke in bester Lage deutlich unter ihrem späteren Marktwert verscherbelt.

Bürgerversammlungen in vielen Städten

Bereits Ende 1989 hatten in zahlreichen Städten sogenannte Bürgerversammlungen stattgefunden, da im Dezember des Jahres der öffentliche Druck auf die Behörden immer größer geworden war. In Wismar fand diese Versammlung aufgrund der großen Resonanz in der Mehrzweckhalle statt. Aus dem Protokoll der mehrstündigen Veranstaltung geht hervor, dass damals zum ersten Mal überhaupt in der Öffentlichkeit die Menschen ihrem Unmut Luft verschafften. Von Studienplätzen, die verweigert wurden, ist dort die Rede, ebenso von Privilegien der Parteiführung und der Unzufriedenheit der Menschen aufgrund der mangelnden Versorgung. Größtes Thema damals: die Wohnungsnot und der Zustand in Wismar vor allem der Altbauten.

Sportboote im Tarnewitzer Armeehafen

In Boltenhagen ging es derweil unter anderem um die Vorbereitung der Badesaison im Sommer 1990 und die Frage: Was ist eigentlich mit den Strandabschnitten, die durch die Grenztruppen gesperrt sind? In einem ersten Antrag wurde die NVA angewiesen, einen Teil des Hafens für Sportboote zu räumen. Diese und viele andere Fakten und Erinnerungen bewahrt das Kreisarchiv in der Malzfabrik. Die Unterlagen sind öffentlich einsehbar.

Das Kreisarchiv Nordwestmecklenburg hat in den vergangenen Jahren beispielsweise Unterlagen zur Geschichte von Boltenhagen sowie eine umfangreiche Sammlung von Veranstaltungsplakaten übernommen. Voraussetzung für die Übernahme von Unterlagen aus dem Privatbesitz ist ein bestehendes öffentliches Interesse an der Archivierung.

Info: Sie haben Unterlagen die das Leben im Landkreis Nordwestmecklenburg dokumentieren und für die Öffentlichkeit von Interesse sind? Melden Sie sich gern beim Kreisarchiv Nordwestmecklenburg. Die Mitarbeiter*innen sichten die Unterlagen und entscheiden dann mit Ihnen gemeinsam über eine Archivierung.

Michael Prochnow

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