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Wie Frauen in Nordwestmecklenburg für die Gleichstellung kämpfen

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14:06 07.10.2021
Katy Jurkschat (41) aus Grevesmühlen sagt: „Ich bin ein sehr gutes Beispiel für die heutige Welt, in der schon viel Gleichstellung erreicht wurde.“
Katy Jurkschat (41) aus Grevesmühlen sagt: „Ich bin ein sehr gutes Beispiel für die heutige Welt, in der schon viel Gleichstellung erreicht wurde.“ Quelle: Jürgen Lenz
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Grevesmühlen

Beruf und Familie vereinbaren können: Für Katy Jurkschat steht das an erster Stelle. „Das betrifft sowohl die Männer als auch die Frauen“, erklärt die 41-Jährige aus Grevesmühlen. Die Kauffrau und zweifache Mutter ist einen erfolgreichen Weg im Beruf gegangen.

Heute arbeitet sie als Vertriebsleiterin bei den Stadtwerken Grevesmühlen, als Vorstand der Genossenschaft „Zukunftsenergie Grevesmühlen“ mit 130 Mitgliedern und als Geschäftsführerin des Unternehmens „Digitale Stadt Grevesmühlen.“ Sie sagt: „Ich bin ein sehr gutes Beispiel für die heutige Welt, in der schon viel Gleichstellung erreicht wurde.“

Besonders erfolgreich: Teams mit Frauen und Männern

Katy Jurkschat kehrte nach der Geburt ihrer Kinder bald wieder in den Beruf zurück. Ihr Mann ging in Elternzeit. Bei den Stadtwerken erlebte sie nie Vorbehalte gegen Mitarbeiterinnen. Frauen haben dort auch Führungspositionen übernommen – eine Selbstverständlichkeit in dem kommunalen Unternehmen. Katy Jurkschat macht bei den Stadtwerken immer wieder die Erfahrung: Besonders leistungsfähig und erfolgreich sind Teams, in denen sowohl Frauen als auch Männer arbeiten.

Studien belegen Katy Jurkschats Einschätzung, dass geschlechtergemischte Teams die wirtschaftlich besten Ergebnisse erzielen. Die Europaakademie nennt Gründe: „Männer gelten, wenn sie in einer Gruppe unter Männern entscheiden sollen, als enorm risikofreudig und Frauen lassen in einer reinen Frauengruppe Chancen vorbeiziehen, weil sie eher zögerlich entscheiden.“

Gudrun Helmig (73) aus Großenhof sagt: „Ich habe immer zugesehen, dass nicht nur Frauen gefördert werden, sondern Frauen und Familie.“ Quelle: Jürgen Lenz

Die Grevesmühlenerin ist eine von „Zehn Töchtern des Grundgesetzes“, die eine neue Sonderausstellung im Grenzhus in Schlagsdorf aufführt. Eine weitere „Tochter“ in Nordwestmecklenburg ist Gudrun Helmig aus Großenhof. Mit ihren 73 Lebensjahren gehört sie einer anderen Generation an als Katy Jurkschat.

Frauen: Die Verliererinnen der Wende

Was sind Gudrun Helmigs Erfahrungen mit den Rechten von Frauen und Männern? Sie antwortet zunächst: „Die Gleichstellung ist schon weit vorangeschritten.“ Dazu hat Gudrun Helmig in ihrer Heimat beigetragen. Sie engagierte sich viele Jahre nicht nur als Vorstandsvorsitzende des Landfrauenvereins Nordwestmecklenburg, sondern ebenso in zahlreichen Ehrenämtern. Zwölf Jahre war sie Gemeindevertreterin. Sie sagt: „Ich habe Frauen immer ermuntert, in der Gemeindevertretung zu arbeiten. Das ist ganz wichtig.“

Die studierte Agraringenieurin und Mitarbeiterin der LPG Warnow erlebte am eigenen Leib, dass auf dem Land vor allem Frauen von den Schattenseiten der Wende betroffen waren. Jobs, Kitas und Konsumverkaufsstellen: Alles war plötzlich verschwunden. Gudrun Helmig verhalf vielen älteren Betroffenen zu einem guten Übergang in die Rente. Gezielt unterstützte sie auch alleinerziehende Frauen. Sie berichtet: „Ich habe immer zugesehen, dass nicht nur Frauen gefördert werden, sondern Frauen und Familie.“

„Das Wichtigste ist die Frauenquote“

Das Wichtigste für Gudrun Helmig ist heute die Frauenquote. Da sieht sie noch Handlungsbedarf. Die Nordwestmecklenburgerin ist aber froh, dass zahlreiche Frauen in den Kreistag gewählt wurden. Sie sagt, in der Kommunalpolitik zeige sich, dass man hartnäckig sein muss. Vieles werde nicht schnell erreicht, sondern Stück für Stück.

2004 arbeitete Gudrun Helmig als Vorsitzende des Landfrauenvereins Nordwestmecklenburg und Vorstandsmitglied der Regionalpartnerschaft Lübecker Bucht. Quelle: Helmut Voigt

So ist es für Frauen offenbar auch in der Geschäftswelt. Katy Jurkschat erlebt, wie in einem kommunalen Unternehmen die Gleichstellung gelebt wird, aber sie vermutet: Große Konzerne sind teils noch nicht so weit. Doch die Grevesmühlenerin sieht in der Privatwirtschaft Fortschritte: „Ich glaube, dass dort ein Wandel vonstattengeht.“

Öffnungszeiten und Eintrittspreise

Bis 26. Novembersind die Sonderausstellungen „Töchter des Grundgesetzes“ und „Mütter des Grundgesetzes“ im Grenzhus zu sehen. Das Informationszentrum zur innerdeutschen Grenze öffnet montags bis sonntags von 10 bis 16.30 Uhr. Die Dauerausstellung erzählt anhand dramatischer Geschichten, interessanter Objekte und vieler Medienstationen, wie sich die innerdeutsche Grenze entwickelte und welche Folgen das für die Menschen in der Region hatte. Auf dem Außengelände können Grenzsperranlagen und ein Beobachtungsturm besichtigt werden. Der Eintrittspreis des Grenzhus beträgt vier Euro. Studierende und Menschen mit einem Behindertenausweis zahlen drei Euro. Dieser Preis gilt auch für Schülerinnen und Schüler.

In Deutschland beträgt der Frauenanteil in den Vorstandsetagen großer Konzerne bisher nur drei Prozent. Allerdings fördern heute die meisten Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Beispiel: Das Unternehmen Euroimmun unterhält in Dassow und Lübeck Betriebskindergärten mit langen Öffnungszeiten.

„Frauen sind strukturell immer noch benachteiligt“

Ähnlich äußert sich Mathias Diederich (CDU), stellvertretender Landrat in Nordwestmecklenburg. Er sagt über die Gleichstellung von Frauen und Männern: „Wir haben in unserer Gesellschaft immer noch ein Stück Weg vor uns.“

Frauen und Männer besuchen die Sonderausstellung „Töchter des Grundgesetzes.“ Quelle: Jürgen Lenz

Nordwestmecklenburgs Gleichstellungsbeauftragte Simone Jürß bedauert: „Frauen sind in vielen Bereichen immer noch strukturell benachteiligt.“ So sagte sie es vor der Eröffnung der Sonderausstellung „Töchter des Grundgesetzes“, einem Gemeinschaftsprojekt der Gleichstellungsbeauftragten, des Grenzhus, des Vereins „Politische Memoriale MV“ und der Landeszentrale für politische Bildung. In der Ausstellung geht es um das Selbstverständnis und den Gestaltungswillen von Frauen in Nordwestmecklenburg, die sich in Beruf und Ehrenamt für die Gleichstellung einsetzen.

Die „Töchter des Grenzgesetzes“ ergänzen die Wanderausstellung „Mütter des Grundgesetzes.“ 1949 erreichten vier Frauen unter den 65 Mitgliedern des parlamentarischen Rates, dass die Gleichstellung Teil des Grundgesetzes wird. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, heißt es in Paragraf 3. Der Staat hat die Aufgabe, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern durchsetzen und darauf hinzuwirken, dass Nachteile beseitigt werden. Ausdrücklich verboten ist jede Diskriminierung eines Menschen wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seiner Behinderung und seiner religiösen oder politischen Anschauungen.

Von Jürgen Lenz