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Nordwestmecklenburg Wie aus einem Stummfilm in Schönberg ein musikalisches Meisterwerk wird
Lokales Nordwestmecklenburg Wie aus einem Stummfilm in Schönberg ein musikalisches Meisterwerk wird
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08:00 13.09.2019
Veronika Otto und ihre Tochter Aisha spielen in Schönberg Musik live zum 1927 uraufgeführten Stummfilm "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt". Quelle: privat
Schönberg

1998 schrie Veronika Otto in Schönberg laut und schrill. „Auf diesen Schrei werde ich heute noch angesprochen“, erzählt die Musikerin aus Berlin. In zwei Jahrzehnten sind ihre Auftritte zu einer Konstante des Schönberger Musiksommers geworden. Alljährlich verhilft sie Stummfilmen zu besonderer Ausdruckskraft. Den Schrei stieß sie 1998 passend zu einer Szene des Horrorfilms „Nosferatu – Symphonie des Grauens“ aus. Am Dienstag, dem 17. September, kommt Veronika Otto wieder nach Schönberg. Diesmal gestaltet sie gemeinsam mit ihrer Tochter Aisha die Livemusik zu einem anderen Klassiker des Filmgenres: „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt.“ „Das ist eine Premiere“, erläutert Veronika Otto. Die Musik wurde eigens für diese Aufführung entwickelt. Beginn: um 20 Uhr in der Sankt-Laurentius-Kirche.

Warum bitten die Veranstalter des Musiksommers immer wieder Veronika Otto zu Auftritten in Schönberg? Der künstlerische Leiter Christoph D. Minke antwortet: „Es hat sich bewährt.“ Zwar spiele in jeder Saison Veronika Otto, aber: „Es passiert trotzdem immer wieder etwas Neues, immer wieder Überraschendes.“ Für den 17. September kündigt Christoph D. Minke an: „Familie Otto entführt uns in eine historische Großstadt gleichermaßen wie in eine neue akustische Welt.“

„Jeder Film ist eine besondere Herausforderung“, sagt Veronika Otto. Das Besondere an „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“: Das 1927 uraufgeführte Werk hat keine Handlung im herkömmlichen Sinn. Es ist ein dokumentarisches, teils experimentelles Kunstwerk, das einen Tag in der pulsierenden Metropole Berlin beschreibt und heutigen Zuschauern zeigt, wie Menschen damals gelebt haben.

Ein Tête-à-Tête? Aufnahmen und Schnitt von „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ gelten bis heute als herausragendes Kinoereignis. Es war der erste fast abendfüllende Dokumentarfilm. Quelle: Karl Freund

Der Film des Regisseurs Walther Ruttmann lässt erkennen, dass auch 1927 Leute von Kopf bis Fuß aus Liebe eingestellt sein konnten. Darauf gehen Veronika und Aisha Otto in einer passenden Szene ein. Sie singen dann ein Liebeslied. Die Musikerinnen beschränken sich aber nicht darauf, das Geschehen im Film musikalisch nachzuvollziehen. Das Spielen ihrer Instrumente, die Stimmen der beiden Frauen und ihre Worte gehen darüber hinaus, optische Eindrücke zu untermalen und zu unterstützen. Veronika Otto sagt: „Ich mag es, mit Musik etwas mitzugestalten.“ Die Musikerinnen erweitern den Film mit neuen Inhalten, neuen Sichtweisen und einer neuen zeitlichen Dimension. Sie geben Urberliner Sprüche wieder und singen ein jüdisches Lied als Kommentar zu Soldaten, die 1927 in einer Zeit des erstarkenden Rechtsextremismus durch die deutsche Hauptstadt marschieren. Veronika Otto berichtet aus der Probenzeit für die Aufführung in Schönberg: „Wir haben oft gefragt: Was ist aus den Menschen geworden, die in dem Film zu sehen sind?“ Viele dürften Opfer des millionenfachen Mordes an Juden geworden sein.

Seit 2002 wird die Kirche in Schönberg für etwas mehr als eine Stunde zum Kino. Vorher liefen Stummfilme mit Livemusik im Gemeindehaus. Quelle: Jürgen Lenz

In Schönberg hat Veronika Otto bereits zu 18 Stummfilmen gespielt. Bei „Nosferatu – Symphonie des Grauens“ und „Das Cabinet des Dr. Caligari“ machte sie es mehrmals. Sie sagt: „Ich liebe diese alten Filme. Sie haben oft eine schöne Ästhetik.“ In den ersten Jahren trat die Musikerin zusammen mit ihrem Mann Kofi Rocco Rossbach auf. Einige Male erarbeitete sie Livemusik zusammen mit Schülern des Ernst-Barlach-Gymnasiums in Schönberg. Sie spielt gerne mit Musikern zusammen, mag freie Improvisation und das Authentische – und sie beherrscht auch ungewöhnliche Instrumente wie die mongolische Pferdekopfgeige. In Berlin erteilt die 56-Jährige Cellounterricht. Ihre 20-jährige Tochter ist angehende Sängerin. Sie bereitet sich aufs Studium vor.

Haste Töne: Pianisten und Orchester im Kino

Vor der Erfindung des Tonfilms waren auch Stummfilme nicht wirklich „stumm“. Nachdem das Publikum auf die ersten, tatsächlich tonlosen Vorführungen irritiert reagiert hatte, ließen die Gebrüder Lumière bereits 1895 ihre Filme von einem Pianisten live untermalen. Dafür eingesetzt wurden in den folgenden Jahren auch ganze Orchester, Grammophone, selbstspielende Klaviere und Schallplatten, die speziell für den jeweiligen Film produziert wurden, allerdings fast nie synchron mit ihm liefen. Immerhin übertönten sie das Rattern des Projektors. Musiker spielten entweder nach einer fertigen Partitur oder sie improvisierten zum Geschehen auf der Leinwand. In den 1920er Jahren verfügten viele große Kinos über ein eigenes Orchester. Seit Januar 2019 gibt es ein solches Ensemble wieder in einem deutschen Lichtspielhaus – im Berliner Kino „Babylon“.

Mit „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ hat Veronika Otto einen Film gewählt, dessen Wirkung nicht nur ästhetisch bis in die Gegenwart reicht. Er ist eine der Inspirationsquellen für die international erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“, deren dritte Staffel bereits vor Ende der Dreharbeiten in mehr als 35 Länder verkauft wurde und Ende des Jahres erstmals im Fernsehen zu sehen sein wird.

Der besondere Live-Charakter macht aus der Vorstellung von „Berlin – Sinfonie der Großstadt“ am 17. September in Schönberg ein einmaliges, unwiederbringliches Ereignis von 64 Minuten Dauer. Es gibt den Stummfilm mit Livemusik so nur ein einziges Mal.

Eintrittskarten sind an der Abendkasse und im Vorverkauf zu haben. Sie kosten 10 Euro, Förderkarten 15 Euro. Kinder bis 14 Jahre genießen freien Eintritt.

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Von Jürgen lenz

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