Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Nordwestmecklenburg Wintermützen häkeln für eine Kreuzfahrt-Crew
Lokales Nordwestmecklenburg Wintermützen häkeln für eine Kreuzfahrt-Crew
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:35 22.08.2018
Mit Häkeln entspannen und anderen eine Freude machen: Gabriele Wilcken schafft bis zu fünf Mützen am Tag. Quelle: Fotos: Nicole Hollatz
Wismar

„Ich brauch’ das hierfür“, sagt Gabi Wilcken mit leuchtenden Augen und drückt ihre Hand aufs Herz. Gabi heißt eigentlich Gabriele und geht bald auf große Kreuzfahrt. Mit dabei sind 450 ihrer selbst gehäkelten Mützen. Für die Crew eines Aida-Schiffes. „Ich hab vorher nachgefragt, es sind 368 Mitarbeiter an Bord, aber ich habe mal 450 Mützen eingepackt, sicher ist sicher“, lacht die 59-Jährige. Und wer weiß, wer ihr in Grönland, dem Reiseziel, noch begegnet.

Gabi Wilcken hat ein besonderes Hobby: Häkeln für fremde Köpfe.

„Das ist so

fein, dieses

Verschenken!Gabi Wilcken

häkelt Mützen

für fremde Köpfe

Ihr Hobby habe ganz harmlos angefangen. Häkeln gehörte für sie zum Alltag einfach dazu. Nach einer schweren Hirnoperation ist Gabi Wilcken zu Hause, kann die geliebten dicken Romane nicht mehr lesen. Neben den Reisen, dem Ehrenamt und Engagement, dem Kümmern um Freunde und Fremde (die schnell auch zu Freunden werden) – halfen und helfen die Handarbeiten, um mit der Situation umzugehen.

Doch wie kam sie auf die Idee, so viele Mützen auf einer Reise zu verschenken? „Ja, wie das so kommt“, schmunzelt Gabi Wilcken. Auf einer Kreuzfahrt habe sie im Salon gesessen und vor sich hin gehäkelt. Die Stewards hätten sie dabei gut versorgt. „Irgendwann ist die Mütze dann fertig gewesen und ich habe sie dem Steward geschenkt“, erinnert sich die Wismarerin. „Er konnte das gar nicht glauben und hat sich so gefreut, ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an seine leuchtenden Augen denke.“ Eine der ersten Mützen ging an den russischen Schiffsfotografen, dieser war so gerührt und überrascht, dass er gleich ein Handyfoto mit sich und der Mütze von der deutschen Touristin der Oma geschickt hat.

Auf der ersten Kreuzfahrt hat Gabi Wilcken „nur“ 20 Mützen gehäkelt und an die Crew verschenkt. Bei der nächsten hatte sie vorgearbeitet und 40 Mützen dabei. Als es zum Nordkap ging, konnte sie 100 Mützen verschenken. „Das war immer noch zu wenig, aber die Mützen waren schon sichtbar auf dem Schiff!" Und die Wismarerin fiel auf, die Crewmitglieder kannten sie, der Kapitän lud sie zum Dinner und sie durfte die Schiffshupe betätigen.

Nun hat sie frühzeitig mit dem Häkeln angefangen, ist fast wie in einer Fabrik an die Mammutaufgabe heran gegangen. „Erst mach ich viele Bommel, dann strick’ ich die ersten Reihen in einer Farbe bei allen Mützen ab, dann die nächsten Reihen in der anderen Farbe . . .“, beschreibt sie und zeigt auf die Mützen in Schwarz-Rot-Gelb und in den verschiedenen Fertigungsstufen. „Die Farben sind total beliebt bei den Crewmitgliedern“, weiß die erfahrene Strickerin. Der Sack mit Wolle kommt natürlich auch mit, immerhin dauert die Kreuzfahrt drei Wochen.

Die Wollknäuele kauft Gabi Wilcken oder bekommt sie geschenkt – Reste aus dem Wollladen, Dachbodenfunde von den Großeltern. Überall heißt es schon: „Wenn du einen weißt, die Wolle muss zu Gabi!“ In ihren Händen entstehen viele Unikate, Glitzermützen, einfarbige, schlichte, wilde . . .

„Das ist so fein, dieses Verschenken“ – Gabi Wilckens Augenleuchten wieder auf. Ihre Kreuzfahrt-Vorratsproduktion hat sie nicht strikt durchgehalten. Im Winter gab es auch immer wieder mal „Abgänge“. Für Freunde, für Nachbarn, für Flüchtlinge, für die elternlose Kinder in den Wohngruppen.

Doch nun hat Gabi Wilcken vier große Reisetaschen voller Mützen – insgesamt wiegen die 60 Kilogramm. Sie und ihr Mann bringen sie an Bord. „So eine Mütze ist ja nicht schwer, aber sie nimmt viel Platz weg“, lacht sie und gibt zu, dass sie sich über das Transportproblem bis nach Hamburg erst keine Gedanken gemacht hatte. Aber wie das ist bei Menschen, die gerne und voller Herzlichkeit geben. Ein Freund fährt das Paar mit dem ungewöhnlichen Gepäck.

„Ich behäkel die ganze Welt“, freut sich Gabi Wilcken. Nach der Kreuzfahrt wird weiter gehäkelt, für die Seemänner, die über Weihnachten im Wismarer Hafen ankommen! „Aber da sind ja immer nur ein paar an Bord, das mach ich ja mit links!“ Zur Hamburger Seemannsmission will sie Kontakt aufnehmen, vielleicht gibt es dort Gleichgesinnte zum Mithäkeln.

Und ja, beim Interview ist eine halbe Mütze fertig geworden. Inklusive einer kleinen falschen Schlinge, die nun selbst eine kleine Geschichte erzählen kann.

Nicole Hollatz