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Nordwestmecklenburg Finanzschwache Familien aus Nordwestmecklenburg: „Mein Kind kennt keinen Urlaub“
Lokales Nordwestmecklenburg

Wismar: Bedürfte Familien aus Nordwestmecklenburg erlebten Kurzurlaub

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07:50 15.11.2021
Ob Gemeinschaftsspiele oder Ausflüge, die Eltern und ihre Kinder hatten großen Spaß. Kai, Sascha und Ronja (rechtes Foto von links) reisten mit Papa Enrico an.
Ob Gemeinschaftsspiele oder Ausflüge, die Eltern und ihre Kinder hatten großen Spaß. Kai, Sascha und Ronja (rechtes Foto von links) reisten mit Papa Enrico an. Quelle: privat
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Wismar

Ihr letzter gemeinsamer Familienurlaub liegt viele Jahre zurück. „Meine Söhne waren noch im Kindergarten“, erinnert sich Sandra aus der Nähe von Grevesmühlen. Die 39-Jährige kann sich daran erinnern, dass sie in Boltenhagen waren. Heute sind die Jungs 17 und 18 Jahre alt. Seit damals gab es für die Familie keinen Urlaub. Mit großem Grundstück, zehn Katzen und einem Hund fehlte die Zeit– und vor allem das Geld.

Sandra (39): „Wir waren vor vielen Jahren das letzte Mal im Urlaub.“ Quelle: Jana Franke

Sandra und ihr Mann sind ohne Arbeit und müssen genau rechnen, welche Ausgaben sie tätigen. Überhaupt ist ihr Leben von Umständen geprägt. „Wir haben beide keinen Führerschein und wohnen auf dem Dorf“, erzählt Sandra. Eingekauft wird mit dem Fahrrad oder einem Elektroroller – zwei- bis dreimal im Monat, bei Wind und Wetter. Die Ware wird in einem großen Anhänger verstaut. 15 Kilometer sind es bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit in Grevesmühlen. Anlaufstellen sind Discounter und die Tafel. Dann heißt es, die 15 Kilometer wieder zurückzufahren. „Wir sind einen ganzen Vormittag unterwegs“, erzählt sie. Peinlichst genau wird die Einkaufsliste zu Hause gefertigt. Bloß nichts vergessen!

Kurzurlaub für 15 Familien

„Alles wird teurer, Urlaub ist nicht drin“, resümiert Sandra. Doch für sie, ihren Bruder, ihre beiden Söhne und die Freundin ihres 17-Jährigen gab es nun doch drei Tage Entspannung. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Wismar ermöglichte mit finanzieller Unterstützung der Glücksspirale 15 Familien einen Kurzurlaub im Schullandheim Dreilützow. Es sind Eltern oder Alleinerziehende und ihre Kinder, die aufgrund schwieriger Lebensverhältnisse von dem Verein betreut werden. Er bietet ambulant Erziehungsbeistand, Hilfe für junge Volljährige und sozialpädagogische Familienhilfe. Der Ortsverein arbeitet eng mit der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Erzbistums Hamburg, der Caritasberatungsstelle mit Schwangerschaftsberatung und dem Betreuungsverein zusammen. Im Einsatz sind sechs pädagogische Fachkräfte. Unterstützung finden diese durch einige ehrenamtliche Helfer.

Birgit Lang, die Leiterin der Einrichtung, kennt viele der 15 Familien aus ihrer täglichen Arbeit – aus Gesprächen am Standort des Vereins im Turnerweg 10 in Wismar und aus Gesprächen in der Häuslichkeit der Familien. Aber alles sind nur Momentaufnahmen. „Es ist toll, die Eltern und ihre Kinder einmal in einer anderen Atmosphäre zu erleben“, erklärt sie. „Mit der Familienfahrt wollen wir Eltern aufzeigen, was für tolle Kinder sie haben. Wir wollen alles Positive herausholen.“ Und dass vor allem der Nachwuchs seinen Spaß hatte, war in jeder Minute des Aufenthalts zu erleben. Die Begeisterung zeigte sich auch in den Abschlussresümees, die auf Zetteln festgehalten wurden. „Danke für alles, wir hatten eine sehr schöne Zeit“ oder „Danke, dass der SkF den Familien dieses Wochenende überhaupt ermöglicht hat“, waren unter anderem zu lesen. „Sie haben das Wochenende regelrecht aufgesaugt, haben Angebote wie den Trommelworkshop genossen, für den sie sonst keine Gelegenheit haben, weil das Geld für die Musikschule oder die Zeit der Eltern fehlt, wenn sie zum Beispiel in Schichten arbeiten“, erzählt Birgit Lang. „Ich habe tolle Talente erlebt.“

Anica (32) aus Bad Kleinen: „Ich kann mir keine Reisen leisten.“ Quelle: Jana Franke

Die 15 Familien aus dem gesamten Landkreis konnten ein abwechslungsreiches Wochenende erleben. „Wir waren mit dem Traktoranhänger nach Wittenburg unterwegs, erhielten dort eine Führung in einer Mühle, abends gab es einen Laternenumzug, der am Lagerfeuer endete“, berichtet Anica begeistert. Die 32-Jährige lebt in Bad Kleinen allein mit drei Kindern. Einen Urlaub zu viert kennt die Familie nicht. „Ich kann mir keine Reisen leisten“, sagt Anica. Als gelernte Verkaufshelferin fand sie nach der Geburt ihres Sohnes keine Arbeit mehr. „Bis 2018 hatte ich einen festen Job“, blickt sie zurück. Ihre Kinder waren von dem Kurztrip begeistert. „Vor allem die Mittlere war total aufgeregt. Sie hat während der Fahrt gefragt, wann wir endlich da sind“, erinnert sich die stolze Mama.

„Urlaub ist finanziell nicht drin“

Laura (24) aus Bad Kleinen: „Mein Kind kennt keinen Urlaub.“ Quelle: Jana Franke

Angemeldet war auch die 24-jährige Laura aus Bad Kleinen mit ihrer vierjährigen Tochter und ihrem Partner. Doch Tochter und Papa erkrankten und die Fahrt wurde für sie somit nicht möglich. „Meine Tochter war richtig enttäuscht, sie kennt keinen Urlaub“, bedauert Laura. Sie hofft, dass sie im kommenden Jahr mitfahren können. Als Ungelernte geht die junge Frau keiner Arbeit nach, ist Sozialhilfeempfängerin. „Urlaub ist finanziell nicht drin.“ Und erst recht nicht, wenn sie auf die steigenden Energiekosten blickt, die im kommenden Jahr auf jeden zukommen. Wenn der Regelsatz für Sozialhilfeempfänger nicht steigt, heißt es für die Familie wieder sparen, dieses Mal an den Heizkosten.

Für Sandra und ihre Söhne war es in dieser Konstellation der letzte gemeinsame Kurzurlaub. „Wenn unser 17-Jähriger im nächsten Jahr 18 Jahre wird, sind wir aus der Betreuung des SkF raus“, erklärt die 39-Jährige. Die Erinnerungen bleiben und reichen über das kommende Jahr. Jeder Teilnehmer hat ein Bild gemalt und daraus soll ein Jahreskalender gebastelt werden.

Von Jana Franke