Wismarer Wisent zieht um und rettet seine Art
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Nordwestmecklenburg Wismar: Wie der Wisent Wincent in die Freiheit zieht, um seine Art zu retten
Lokales Nordwestmecklenburg

Wismarer Wisent zieht um und rettet seine Art

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19:02 27.05.2021
Aktuell leben bereits 100 Wisente in Rumänien.
Aktuell leben bereits 100 Wisente in Rumänien. Quelle: Bianca Stefanut/WWF
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Wismar

Tierarzt Dirk Fechner ist früh auf den Beinen und hat ein Gewehr dabei: natürlich keine Jagdwaffe, sondern ein Narkosegewehr. Das braucht er, um durch das zottelige Fell von Wincent zu kommen. Der kräftige Wisent aus dem Wismarer Tierpark zieht in die Freiheit und rettet so seine ganze Art. Denn lange sind die größten Landsäugetiere Europas in der Wildnis ausgestorben gewesen. Nun werden sie aus Zoos und Gehegen vieler Länder geholt, um Herden aufzubauen – unter anderem in den rumänischen Karpaten. Dorthin soll auch Wincent reisen, aber nicht allein, sondern in einer Gruppe.

Nachwuchs in der Familie

Wisent Wincent (r.) an seinem letzten Tag in Wismar Quelle: Kerstin Schröder

Der 400 Kilo schwere Bulle ahnt davon nichts, als er am späten Mittwochnachmittag von seinen Eltern und Geschwistern getrennt wird. Die Familie ist gerade wieder gewachsen. Winsent hat eine Schwester bekommen und die beschützt die Mutter vor allem, was sich der Kleinen nähert: Jeder Vogel, der im Gehege landet, wird wütend verscheucht und auch Wincent, sollte er dem Mädchen zu nah kommen. Doch das tut er nicht: Er schnaubt gemütlich vor sich hin und frisst Gras. Trotzdem kriegt er einen wuchtigen Anranzer seiner rasend fürsorglichen Mutter ab und geht in die Knie. Das tut er einige Stunden später nochmal – allerdings weil ihn da eine abgefeuerte Narkosespritze getroffen hat.

Wincent geht zu Boden

Tierarzt Dirk Fechner ist am Donnerstag bereits um 6 Uhr am Wisentgehege, „weil wir nicht wissen, wie lange die Aktion dauert und um 9 Uhr schon wieder die Besucher kommen“, erklärt er. Am Tag zuvor habe er noch einen Blick über den Zaun auf Wincent geworfen. Mehr ist wegen der aufgeregten Wisentmutter auch für ihn nicht möglich gewesen.

Der Bulle muss betäubt werden, denn Fahrzeuge kennt er nicht und würde deshalb nicht freiwillig hineingehen. Nach dem Schuss dauert es zehn Minuten, bis Wincent zu Boden geht. Dann muss es schnell gehen. Denn das Schwergewicht soll nicht länger als nötig betäubt sein.

Mit diesem Anhänger wird Wisent Wincent nach Bayern gebracht. Quelle: Kerstin Schröder

Zunächst geht es nach Bayern

Und die Handgriffe der Helfer sitzen: Mithilfe eines Netzes wird Wincent auf einen mit Stroh ausgelegten Anhänger gezogen. Mit dem ist Rainer Kniele vorgefahren. Er hat eine Tierspedition und kennt sich mit solchen Transporten aus. Wincent ist einer von insgesamt sechs Wisentbullen, die der Mann aus Baden-Württemberg für das Aussiedlungsprojekt in den Karpaten aus unterschiedlichen Orten abholt. Die bringt er aber nicht nach Rumänien, sondern ins bayrische Freilandgehege Donaumoos. „Dort wird Wincents Reisegruppe zusammengestellt, so können sich die Tiere kennenlernen und aneinander gewöhnen“, berichtet Wismars Tierparkchef Michael Werner. 16 Hektar können die Wisente nutzen, um sich zu beschnuppern und sich gemeinsam auf das Leben in Freiheit vorzubereiten.

Mehrere Tiere frei geboren

Das Gehege Donaumoos leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltungszucht der Wisente und unterstützt Auswilderungsprojekte wie das in Rumänien. 2014 hat es den ersten Tiertransport in die Karpaten gegeben, mittlerweile sind dort schon mehrere Tiere frei geboren worden. Das ist ein großer Erfolg: Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich der Bestand wegen Wilderei und Krankheit auf 54 Tiere in Zoos und Tiergärten reduziert. 1923 wurde für den Erhalt der Art eine internationale Gesellschaft gegründet. Ihr gelang es durch koordinierte Zucht, ein vollständiges Ausrotten zu verhindern. Sämtliche heute lebende Wisente sind auf nur zwölf Gründertiere zurückzuführen.

Ranger behalten Tiere im Auge

Die Tiere bekommen einen Sender. Quelle: Bianca Stefanut/WWF

Da der Genpool deshalb sehr klein ist, werden alle neu geborenen Wisente in ein internationales Zuchtbuch eingetragen und die Tiere in Herden regelmäßig ausgetauscht. Auch die Organisation für Natur- und Artenschutz World Wide Fund for Nature (WWF), die für das Projekt in Rumänien verantwortlich ist, stellt die Herden mit Tieren aus unterschiedlichen Zoos und Tiergärten zusammen. Sie übernimmt die Kosten für den Transport und die Sender, mit denen die Wisente markiert werden. Bis 2025 sollen insgesamt 500 frei lebende Wisente in den Karpaten angesiedelt werden, die sich in viele kleine Herden aufteilen. Sie werden von ausgebildeten Rangern im Auge behalten, um sie von Dörfern fernzuhalten, was die Akzeptanz in der Bevölkerung fördern soll.

Wincent ist einer von 70

Tierarzt Dirk Fechner (r.) übergibt Blutproben an den Speditionsmitarbeiter Jürgen Steinbronn. Quelle: Kerstin Schröder

Aktuell sind schon 100 Tiere in Rumänien, der Wismarer Wincent reist mit 70 weiteren Wisenten an. Vielleicht ist er trotzdem unter den anderen gut auszumachen: Er hat unterschiedlich gebogene Hörner. Und er hat das Narkosemittel gut vertragen. Anderthalb Stunden später wird der Bulle im Anhänger langsam wieder wach. Das muss er auch. Denn transportiert werden darf er nur bei Bewusstsein. „Das Tier muss fit sein und einen festen Stand haben“, erklärt Spediteur Rainer Kniele.

Größte Wildtierart Europas

Der Wisent ist der letzte Vertreter der Wildrinder und zudem die größte landlebende Wildtierart Europas. Ausgewachsene Bullen wiegen zwischen 700 und 900 Kilogramm. Einzelne Tiere können über 1000 Kilogramm schwer werden und eine Schulterhöhe von über zwei Meter erreichen. Kühe bleiben kleiner und erreichen ein Gewicht von 350 bis 500 Kilo. Die Gestalt des Wisent erinnert an die eines kräftigen Rindes. Typische Kennzeichen sind das dichte dunkelbraune Fell mit rötlicher bis grauer Schattierung, die kräftigen und nach innen gebogenen Hörner sowie die an Kopf, Hals und Brust längere Behaarung.

Er hat 700 Kilometer vor sich, bis die genetisch wertvolle Fracht am Ziel ankommt – inklusive Blutproben, die vom betäubten Wincent entnommen wurden. „Er soll keine Krankheiten einschleppen“, erklärt Tierarzt Dirk Fechner. Den Transport nach Rumänien im Juli/August übernimmt Rainer Kniele nicht. Dafür werden mehrere Tiere auf einen großen Lkw verladen – und später retten sie dann zusammen ihre Art.

Von Kerstin Schröder