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Nordwestmecklenburg „Schlagartig war meine Kindheit vorbei“
Lokales Nordwestmecklenburg „Schlagartig war meine Kindheit vorbei“
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18:00 13.09.2019
Liselotte Petersen (damals noch Liselotte Bender, Jahrgang 1929) vorne auf dem Pferd. Hinter ihr ihre ältere Schwester Marianne. Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1935 und wurde in Waldlinden, Ostpreußen, aufgenommen. Quelle: Annett Meinke
Boltenhagen

Das, was Liselotte Petersen (90) auf ihrer Flucht aus Ostpreußen, Anfang 1945 erlebte, ist so ungewöhnlich, dass man ein Buch darüber schreiben könnte. Seit 2011 lebt die immer noch geistig so rege Dame in einem Apartment in Boltenhagen. Als gerade einmal 14-jähriges Mädchen flüchtete sie mit anderen Klassenkameradinnen vom Gymnasium in Posen vor der herannahenden Front in Richtung Berlin.

Warum sich das Mädchen, das alle nur Lilo nannten, ohne Mutter, Vater und Schwester auf den Weg machten, hatte Gründe: Lilos Mutter war bereits aus der damals preußisch-deutschen Kreisstadt Gumbinnen, wo die Familie Bender zwischen 1935 bis Ende 1944 wohnte (heutiges russisches Goesev) nach Tapiau (heute Gwardeisk in Russland) geflohen, hatte aber auch Tapiau bereits wieder verlassen müssen. Wohin wusste Lilo, die ihre Eltern Weihnachten 1944 zum letzten Mal gesehen hatte, nicht. Der Vater war zu den Festtagen kurz auf Fronturlaub gewesen. Danach war er an die Front an der Kurischen Nehrung zurückgekehrt. Ihre Schwester Marianne war bereits zu Weihnachten nicht mehr bei der Familie. Sie war zum Reichsarbeitsdienst zur Luftwaffe gezogen worden, Aufenthaltsort ebenfalls unbekannt. Der Krieg hatte die Familie auseinander gerissen.

Hier war Liselotte Petersen (90) aus Boltenhagen (vorn, die Kleine rechts) am glücklichsten – in Waldlinden, wie der Ort, der heute in Russland liegt, damals hieß. Quelle: Annett Meinke

Flucht unter Beschuss

Liselotte Petersen berichtet von dieser Zeit ohne Rührseligkeit. An manchen Stellen im Gespräch leuchten ihre blauen, immer noch klaren Augen fast ein wenig kämpferisch. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, wie sie sagt, dass sie schon immer „mehr wie ein Junge war“.

Sie liebte beide Elternteile, sagt sie, doch dem Vater fühlte sie sich besonders nah. Er war Oberförster, bevor er in den Krieg zog. „Schon als Vierjährige wollte ich mit ihm auf die Pirsch gehen. Er dachte erst, ich sei noch viel zu jung, doch dann nahm er mich mit und ich achtete genau auf alles, was er sagte, ging ganz vorsichtig, damit die Äste unter meinen Füßen nicht knackten und das Wild verscheuchten.“ Studieren wollte Lilo, Ärztin werden, wenn nicht der Zweite Weltkrieg ihr Leben komplett verändert hätten.

Die Flucht aus Ostpreußen Anfang 1945: Gemeinsam mit Erzieherinnen des Internats und Klassenkameradinnen, zunächst versteckt auf Kohlenloren, die von einer Lokomotive gezogen wurden und „unter Beschuss durch die Russen“ standen, wie sie erzählt, „fuhren wir bis nach Frankfurt an der Oder. Es war bitterkalt, bis minus 18 Grad“. Von dort aus ging es in einem Güterzug weiter bis nach Eberswalde und dann noch weiter bis Potsdam-Hermannswerder. Dort fanden Lilo und ihre Fluchtgefährten Unterschlupf in einer ehemaligen Schule.

Die Suche nach der Familie

In Potsdam angelangt, unbeirrt von all der Zerstörung um sich herum, zieht das Mädchen los, Tag für Tag, nur ein Ziel vor Augen: Sie muss ihre Familie wiederzufinden oder wenigstens irgendetwas über ihren Verbleib erfahren. Zu Fuß oder mit U- oder S-Bahn, Straßenbahn, soweit sie noch fuhren, bewegt sie sich kreuz und quer durch Berlin, auf der Suche nach anderen Ostpreußen, die vielleicht irgendetwas wissen. „Wenn die Sirenen heulten, bin ich nicht in einen Bunker gegangen“, erzählt sie „ich hab mich in eine Ecke gestellt und abgewartet. Es war mir nicht egal, ob ich sterbe, aber ich dachte auch: Wenn es mich erwischt, dann soll es so sein. Schlagartig war meine Kindheit vorbei.“

Die „mutige Deern“ auf dem Weg nach Kiel

Was so unwahrscheinlich war, passierte. Sie erfuhr, dass sich ihre Mutter in Kiel-Laboe befinden sollte. Erneut macht sich das Mädchen auf den Weg, von Potsdam aus nun zurück Richtung Küste. Erst fuhr sie ein Stück mit einer Klassenkameradin mit, die nach Schleswig-Holstein zu Verwandten wollte, von dort aus trampte sie. Als sie Kiel tatsächlich unbeschadet erreichte, fragte sie einen der Schiffer im Hafen, ob er Richtung Laboe fährt. Der Kapitän wollte wissen, was sie dort wolle. Er sagte ihr, dass es gefährlich sei, auf seinem Schiff mitzufahren, Minen lägen in der Förde, die hochgehen könnten. Als sie meinte, das sei ihr egal, sie wolle einfach nur zu „ihrer Mutti“, nickte er anerkennend und meinte, sie sei eine „mutige Deern“.

Wundersame Fügungen

Lilo fand ihre Mutter in Laboe – und das ist der erste Punkt im Gespräch, an dem sie dann doch für einen Augenblick mit den Emotionen kämpft: „Meine Mutti war nicht mehr wiederzuerkennen, so dünn. Sie war ohnehin herzkrank. Doch wir hatten uns wieder, ich konnte jetzt für sie sorgen.“ Das musste sie auch, denn die Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt jeden Lebensmut verloren. Was Lilo zu diesem Zeitpunkt auch erfuhr war, dass ihre Mutter nur knapp dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“ vor der Küste Pommerns entgangen war.

Der Untergang der „Gustloff“

Am 30. Januar 1945 wurde die „Wilhelm Gustloff“ vor der pommerschen Küste von einem sowjetischen U-Boot versenkt. An Bord befanden sich überwiegend Flüchtlinge aus Ostpreußen, rund 9000 Menschen kamen ums Leben. Es ist eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Seefahrt.

Die „Wilhelm Gustloff“ war im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront für die Freizeitorganisation Kraft durch Freude gebaut worden. 208 Meter lang und fast 34 Meter breit, war sie das damals größte Kreuzfahrtschiff der Welt.

Mitte Januar 1945 beginnt die Rote Armee an der Ostfront ihre Schlussoffensive. Innerhalb weniger Tage ist Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet abgeschnitten. Für Hunderttausende Flüchtlingen gibt es nur noch einen Weg – den zu den Häfen in der Danziger Bucht. Am 21. Januar ordnet Großadmiral Karl Dönitz die Operation „Hannibal“ an: Aller verfügbarer Schiffsraum soll mobilisiert werden, um verwundete Soldaten und möglichst viele Zivilisten zu evakuieren. An der Rettungsaktion beteiligte sich auch die „Wilhelm Gustloff“. (Quelle: Deutschlandfunk Kultur, Archiv, Beitrag vom 30.01.2015)

Das Wiedersehen mit dem Vater

Der zweite Punkt, der ihr sichtlich nahegeht, als sie ihn schildert, ist das Wiedersehen mit dem Vater im Mai 1946. Über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, mit dem sie nach Kriegsende auch die Schwester wiedergefunden hatte, erfuhr sie, dass ihr Vater in britische Gefangenschaft geraten war und auch in Kiel gelandet sein sollte, in einem Vorort der Stadt. Auf dem Weg zu der Adresse, die sie erhalten hatte, sie saß gemeinsam mit der Mutter in der Straßenbahn, erblickte sie auf einmal einen Mann auf der Straße, in dem sie, obwohl auch er verändert aussah, ihren Vater zu erkennen glaubte. Um die immer noch so schwache Mutter nicht unnötig zu beunruhigen, verriet sie ihr nicht, was sie gesehen hatte. Sie überzeugte sie nur, mit ihr an der nächsten Haltestelle auszusteigen und in die Richtung zu gehen, in die der Mann zuvor gegangen war.

Diesen Moment, in dem sie plötzlich tatsächlich vor ihrem Vater stand, der sich, obwohl er noch in Kriegsgefangenschaft war, frei bewegen durfte, kann Liselotte Petersen kaum mit Worten beschreiben. Doch man sieht ihr mehr als deutlich an, dass dieses Wiedersehen wohl das größte Wunder in dieser Zeit für sie war.

Liselotte Petersen und ihr Fotoalbum: Erinnerungen an die Mutter (Bild unten links), den Vater (Bild oben rechts), sie selbst, Mutter und Schwester (Bild unten rechts, v. l.) Aufnahmen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: Annett Meinke

Im Alter zurück an die Ostsee

Lilo wurde später zwar nicht Ärztin, sondern medizinisch-technische Assistentin, doch sie heiratete einen angehenden Arzt und finanzierte ihm das Studium mit ihrer Arbeit. Sie bekam Kinder, Enkel und Urenkel, lebte bis zum Tod ihres Mannes vor einigen Jahren in Pogeez bei Ratzeburg.

Nun lebt sie in Boltenhagen – und sagt, sie ist zufrieden mit dem Leben, wie es ist. Sie wollte unbedingt an die Ostsee zurück. Ihre Tochter lebt in der Nähe, bei Schönberg. Sie steht in regelmäßigem Kontakt mit der gesamten Familie und ist doch auch immer wieder ganz gern für sich.

Denn eines, sagt Liselotte Petersen, die heutzutage noch zwei Bücher gleichzeitig lesen kann, auch von sich: „Ich bin gesellig, habe auch hier in Boltenhagen Menschen, mit denen ich mich gern unterhalte, bin aber auch jemand, der seine Ruhe braucht, vielleicht sogar eine Einzelgängerin in gewisser Weise. Das hat wohl viel mit dem, was damals passierte, zu tun.“

Liselotte Peters lebt seit 2011 in Boltenhagen. Quelle: Annett Meinke

Von Annett Meinke

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