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Ostholstein So haben Ostholsteiner das legendäre Woodstock-Festival erlebt
Lokales Ostholstein So haben Ostholsteiner das legendäre Woodstock-Festival erlebt
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07:10 16.08.2019
Vor genau 50 Jahren: In Bethel (USA) fand das legendäre Musikfestival Woodstock statt. Zwischen Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung trafen sich 1969 rund 400 000 Menschen auf einem Feld im US-Bundesstaat New York und feierten drei Tage lang friedlich zu Weltklasse-Musik. Quelle: dpa
Ostholstein

Vor 50 Jahren schaute die Welt nach Amerika. Im Fernsehen und den Tageszeitungen gab es kaum ein anderes Thema als „Bethel“ – ein winziges Örtchen nördlich von New York. 400 000 Teenager und junge Erwachsene waren in Bussen, Autos oder per Tramp von überall her angereist, um vom 15. bis 17. August 1969 beim dreitägigen Musikfestival dabei zu sein. Als „Woodstock“ ging es in die Geschichte ein.

Das Festival veränderte nicht nur die Welt, sondern beeinflusste auch das Leben vieler Ostholsteiner. Die LN sprachen mit Politikern, Bürgermeistern, Seenotrettern, Architekten und Touristikern über ihre Erinnerungen an die wilden End-60er-Jahre. Viele waren ein Jahr später, im September 1970, zum ebenfalls legendären „Love-and-Peace-Festival“ nach Fehmarn gepilgert.

Ein Jahr später trat Jimmi Hendrix auf Fehmarn auf

Jimi Hendrix spielte dort als Special Guest sein letztes öffentliches Konzert. Eine Woche später fand man ihn tot in seiner Londoner Wohnung. In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder „Jimi-Hendrix-Festivals“ auf Fehmarn. Bis die Naturschutzbehörde des Kreises gegen alle Proteste das Festivalgelände am Flügger Leuchtturm sperrte. Dort erinnert noch heute ein Gedenkstein des Landkirchener Steinmetzes Andy Lewerenz an Hendrix.

Ostholsteiner erinnern sich an das Festival

Bettina Hagedorn (63) war 1969 gerade 15 Jahre alt. Sie erlebte „Woodstock“ – wie viele andere auch – im Fernsehen. „Das Festival wurde schnell zum Symbol gegen den Vietnamkrieg und für den Frieden in der Welt“, sagt Hagedorn rückblickend. 1971 entschied sie sich, für ein halbes Jahr als Austauschschülerin nach San Francisco zu gehen. „Meine Gastfamilie war Teil der Friedensbewegung in Berkeley. Janis Joplin lebte dort in der Nähe“,sagt die Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium rückblickend. „Wir gingen auf Konzerte von Joan Baez und waren hinterher auf ihrer After-Show-Party. Diese sechs Monate hatten starke Auswirkungen auf mein ganzes späteres Leben: ich wurde politisch aktiv, engagierte mich in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung, wurde später Politikerin.“

Dieter Krause (70) ist Seenotretter in Neustadt. „Joe Cocker, Country Joe McDonald an the Fish, Ten Years After – all diese Sänger und Bands gaben uns ein völlig neues Lebensgefühl.“ Krause hatte damals gerade eine Ausbildung im gehobenen öffentlichen Dienst hinter sich und arbeitete in der Magistratsverwaltung von Bremerhaven. „Woodstock war ein Aufbruch, die wilden 70er Jahre begannen. Das Festival prägte nicht nur meinen späteren Musikgeschmack, sondern auch meine Haltung zum Krieg und den USA.“

Original-Fehmarn-Tickets werden wie ein Schatz gehütet

Burkhard Klinke (67), heute Lehrer und SPD-Fraktionschef im Kreistag, hatte 1969 seine Ausbildung zum Versicherungskaufmann gestartet. Ein Video des Woodstock-Festivals hat er immer noch – und schaut immer mal wieder rein. „Das Engagement gegen den Vietnamkrieg und für den Frieden – all das hat mich sehr berührt“, sagt er. „1971 bin ich dann auch in die Politik eingetreten, war auf Demos und Friedenskundgebungen. Sein persönlicher Höhepunkt war im September 1970 das „Love-and-Peace-Festival“ auf Fehmarn. Mit Jimi Hendrix, der bereits ein Weltstar war und eine Woche danach im Drogenrausch in London verstarb. Von diesem Fehmarn-Festival hat Klinke sogar noch seine original Tickets – er hütet sie wie einen Schatz.

Harald Werner (64) ist Ostholsteins Kreispräsident, noch besser bekannt als der „Mann mit der Fliege“. „Ich lebte damals in Lübeck und hab das 1969 eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen“, sagt Werner. Doch plötzlich erinnert er sich doch: an den dreieinhalbstündigen „Woodstock“-Film, der ab 1970 in allen deutschen Kinos lief. „Ich war begeistert, obwohl ich eigentlich doch mehr auf Oper und Operette stand.“

Landrat zu Besuch in Wacken

Reinhard Sager (60), Landrat des Kreises Ostholstein und Chef der Kreisverwaltung, hat kaum Erinnerungen an das amerikanische Festival, auch nicht aus Fernsehbildern. Er wuchs im kleinen Dörfchen Suxdorf (Gemeinde Grömitz) auf, dort gab es andere Themen für Kinder seines Alters. „Aber das spätere ,Love-and-Peace-Festival’ auf Fehmarn ist und bleibt untrennbar verbunden mit Ostholstein“, sagt Sager. Er war aber bereits zwei Mal beim Open-Air-Festival in Wacken. „Allerdings interessierte mich die Organisation mehr als die Musik“, sagt er und lacht.

Monika Obieray (67), Chefin der Grünen im ostholsteinischen Kreistag, war 1969 gerade 17 Jahre alt und ging noch zur Schule. „Das war alles sehr aufregend, was wir im Fernsehen über ,Woodstock’ sahen und in den Zeitung lasen. Es war ein Befreiungs-Festival für die Jugend und veränderte auch Deutschland und Europa“, sagt Obieray. Einer ihrer ersten Gedanken war: Da will ich auch hin. Bald darauf war sie viel im Ausland, in England und in Kalifornien (USA). „Das war eine ganz neue Kultur, die wir da plötzlich erlebten, frei und geradezu revolutionär.“

„Kleines Woodstock“ auf Fehmarn

Torsten Ewers (66), Architekt in Oldenburg, erinnert sich auch noch gut an 1969: „Woodstock, da bekamen wir alle große Augen. Radio und Fernsehen berichteten in einer Tour. Das Festival machte der Jugend Hoffnung auf eine bessere Welt.“ Im September 1970 war er dann selbst auf Fehmarn und erlebte den Weltstar Jimi Hendrix live. Auch wenn ,Woodstock’ selbst viel zu weit weg war – auf Fehmarn hatten wir unser kleines Woodstock.“

Joachim Gabriel (69), Geschäftsführer der HVB in Heiligenhafen, hat den Woodstock-Film gleich mehrfach gesehen. „Bei mir zu Hause stehen Bücher und DVDs rund ums Thema ,Woodstock’. Die Bands waren die Helden meiner Jugend, hatten großen Einfluss auf meinen weiteren Musikgeschmack und einen mächtigen Nachhall – in den Folgejahren war ich immer wieder zum Roskilde-Festival in Dänemark.“

Otto-Uwe Schmiedt (63), Fehmarns Bürgermeister a. D., liebt immer noch Künstler wie Carlos Santana, der damals in Woodstock seine Weltkarriere begann. Heute kutschiert der Ex-Bürgermeister auf den Inseltouren Leute zum Jimi-Hendrix-Gedenkstein und erzählt den Fahrgästen Anekdoten rund ums Festival-Geschehen. „Die Teilnehmer der Inseltouren kommen aus ganz Deutschland. Aber was sie alle eint“, sagt Schmiedt, „sie wissen, dass Jimi Hendrix hier sein letztes Konzert gespielt hat.“

Von Louis Gäbler