Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein 77 Jahre nach Absturz: Frau aus Ostholstein erstmals am Grab ihres Vaters
Lokales Ostholstein 77 Jahre nach Absturz: Frau aus Ostholstein erstmals am Grab ihres Vaters
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:12 17.11.2019
Schwerer Gang: Hier auf dem Friedhof von Petschenga (heute Russland) fand Familie Griebel im September 2019 das Grab des über so viele Jahrzehnte verschollenen Großvaters. Quelle: Privat
Oldenburg/Petschenga

Der 9. März 1942, ein Montag, ist ein frostiger Wintertag auf dem Flugfeld hoch oben im ehemaligen Finnland nahe der Barentsee. Otto Stark (25) sitzt als Navigator an Bord der JU 88, einem im Zweiten Weltkrieg an allen Fronten eingesetzten zweimotorigen Bomber. Mit ihm in der startenden Maschine: Wolfgang Beck, Erich Günther und Johannes Eikmanns. Was sie nicht ahnen: Es sind die letzten Minuten ihres Lebens. Die Maschine hebt ab, nach wenigen Kilometern bekommt der Motor Aussetzer, die Maschine kracht im nahen Fjell in die Felsen – keiner überlebt.

Ein Schicksal, das so viele Soldaten im Zweiten Weltkrieg ereilt – fernab der Heimat sterben sie einen einsamen Tod. Millionen Opfer, die zum Großteil nie gefunden oder gar beerdigt werden. Insofern ist dies zunächst eine Geschichte voller Trauer, Leid und Tränen. Aber es ist auch die Geschichte einer mühseligen und letztlich erfolgreichen Recherche im weit entfernten Ostholstein, die 18 Jahre in Anspruch nahm.

Heidelore Griebel auf Spurensuche im russischen Petschenga

Ein Stein kommt ins Rollen

Bis zu ihrem Tod 2001 hatte Otto Starks Witwe, Herta, eigentlich keine Informationen über den Verbleib ihres Mannes. Ihre gemeinsame Tochter Heidelore („Heidi“) war ein paar Tage vor dem Flugzeugabsturz ihres Vaters, am 2. März 1942, auf die Welt gekommen. Der Vater hat sie nicht mehr gesehen, Heidi wurde mit nur einer Woche bereits Halbwaise. Ihre Mutter hat über all die Jahre nie viel von ihrem Vater berichtet. Nur, dass es einen Flugzeugabsturz in Nordfinnland gab und der Vater als Soldat dabei tödlich verunglückte.

Mit dem Tod der Mutter kam aber ein Stein ins Rollen: Im Nachlass entdeckten Tochter Heidi Griebel (77) aus Damlos und deren Sohn Jens (54), Architekt in Lensahn und selbst Pilot, ein vergilbtes Foto von Otto Stark, bekleidet mit Fliegerjacke und -mütze. Und sie fanden seinen Wehrpass mit persönlichen Angaben – darin heißt es: Geboren am 19. September 1916, tödlich verunglückt am 9. März 1942, Truppenteil 2./K.G.30, von Juni bis Oktober 1941 im Einsatz in der Luftwaffe gegen England, ab Oktober 1941 bis März 1942 auf 37 Feindflügen gegen Russland dabei.

Spurensuche bei Behörden

Jens Griebel stellte eine Suchanfrage bei der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“ in Berlin. Dort forschen Experten in Wehrmachts-Unterlagen, um den Verbleib von Vermissten möglicherweise doch noch aufzuklären. Keine Angaben hatte Griebel zur Grabstätte. Jahrelang wartete er auf eine Antwort, recherchierte auf eigene Faust weiter: über das Kampfgeschwader 30, über Verluste der Luftwaffe in Norwegen, die mögliche Absturzstelle.

Post nach sieben Jahren

Dann, am 14. November 2018, nach siebeneinhalb Jahren, lag ein Brief der Bundesgeschäftsstelle Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Postkasten von Jens Griebel. Es gebe Erkenntnisse zum Schicksal des Großvaters. Mitarbeiter hätten im Norden Russlands, nahe der heutigen norwegischen Grenze, eine Erkennungsmarke (-344-2.IE.Btl 25) gefunden, die Otto Stark zugewiesen werden konnte. Die sterblichen Überreste seien bei Petschenga nahe der norwegischen Grenze beigesetzt worden.

Von diesen Neuigkeiten berichtete Jens Griebel seiner Mutter. „Bisher hatte sie nichts, nun hatte sie plötzlich ganz viel Material in der Hand über ihren Vater. Ein bewegender Moment – zwischen Rührung, Tränen und Freude. Und verbunden mit ein wenig Stolz. Jetzt konnte sie über ihren leiblichen Vater sprechen“, sagt Griebel rückblickend. Und mit diesem Brief fiel auch eine weitere noch gewichtigere Entscheidung: „Wir fahren dort hin“, beschlossen Mutter und Sohn noch im November 2018. Zieldatum: 19. September 2019, der 103. Geburtstag von Otto Stark.

Autovermieter stellen sich quer

Im Januar begannen die Vorbereitungen für die Reise nach Petschenga (Russland). Die Buchung der Flüge nach Kirkenes (Norwegen), die Beantragung eines internationalen Führerscheins. Aufwendiger waren die russischen Visa. Schier unmöglich aber schien die Buchung eines Mietwagens für den Tagesbesuch in Russland.

Jens Griebel: „Es gab zunächst nur Absagen.“ Als er aber ein weiteres Mal anfragte und den Grund seiner Reise nannte, erklärte sich Sixt bereit, ein Auto zu stellen. „Das war toll. Wie sonst hätten wir die 85 Kilometer nach Petschenga kommen sollen, öffentliche Verkehrsmittel gibt’s nicht“, sagt Griebel.

Der weite Weg nach Russland

Am 18. September ging es los. Abflug von Hamburg über Oslo nach Kirkenes. Am Folgetag stand der Mietwagen am Hotel bereit, der gefürchtete Grenzübertritt nach Russland erwies sich als harmlos. Binnen einer Stunde waren alle Formalitäten erledigt.  

85 Kilometer ging es nach Petschenga. Und dann waren sie tatsächlich da: 77 Jahre nach dem Absturz des Vaters – an seinem 103. Geburtstag – standen sie auf dem 7,6 Hektar großen Friedhof, wo neben Otto Stark noch mehr als 6000 weitere Deutsche von der Kriegsgräberfürsorge beigesetzt worden sind.

Jens Griebel: „Hier brachen sich bei meiner Mutter alle bis dahin aufgestauten Emotionen Bahn: Tränen flossen, dann rang sie um Fassung, dann wieder große Freude über die Reise an diesen fernen Ort. Sie stand da und hatte einen Ort zum Trauern.“ Heidi Griebel: „Endlich habe ich einen Vater!“

Jens Griebel, Architekt in Lensahn und selbst Pilot in Grube, spürte die Geschichte seines 1942 in Nordfinnland (heutiges Russland) abgestürzten Großvaters auf. Quelle: Gäbler

Anderen Menschen Mut machen

Jens Griebel hat diese sehr persönliche Geschichte in der Oldenburger LN-Redaktion erzählt. Auch seine Mutter ist mit einer Veröffentlichung in der Zeitung einverstanden. Sie wollen anderen Menschen Mut machen. Jens Griebel: „Es gibt immer Hoffnung, auch nach so vielen Jahren, noch Informationen über den Verbleib von vermissten Familienangehörigen aus dem Krieg zu bekommen.“

Geschichte des Volkstrauertags

Wegen der zahlreichen Kriegstoten und Vermisstenschicksale nach dem Zweiten Weltkrieg bestand für viele Menschen in Deutschland eine Notwendigkeit für diesen Trauertag. 1950 fand eine erste zentrale Veranstaltung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge im Bundestag in Bonn statt. Anfang der 1950er Jahre gab es dann eine Einigung, den Volkstrauertag ans Ende des Kirchenjahres auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent zu verlegen. Diese Zeit wird theologisch durch die Themen Tod, Zeit und Ewigkeit dominiert.

Dazu wurden von 1952 an in den Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland Gesetze über die Feiertage erlassen. Der Volkstrauertag ist jedoch in keinem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag. In einigen Ländern heißt er schlicht Gedenk- und Trauertag. Der Volkstrauertag erinnert an die Millionen Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft.

Von Louis Gäbler

Zahlreiche Aufnahmen von Neustadt werden für die Kalender genutzt. Es gibt historische Bilder, Werke eines Profi-Fotografen sowie von LN-Lesern. Alle sind im Handel erhältlich.

16.11.2019

Die Mutter aus Lensahn sitzt wegen Misshandlung ihrer Kinder und Betruges im Gefängnis. Der Vater muss jetzt allein mit der Situation fertig werden. Dabei hat er Anspruch auf Unterstützung durch das Jugendamt. Dort besteht ein intensiver Kontakt mit der Familie.

16.11.2019

Dieses Jahr wird das nichts mehr: Die Freigabe der Schwentinebrücke in Malente verzögert sich noch bis ins Jahr 2020. Dabei sind die eigentlichen Arbeiten an dem Bauwerk fast abgeschlossen, es wird jedoch als Arbeitsfläche benötigt.

16.11.2019