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Ostholstein Ziegelei im Dornröschenschlaf
Lokales Ostholstein Ziegelei im Dornröschenschlaf
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10:34 05.10.2018
Die alte Ziegelei in Ahrensbök: Investor Peter Seide steht in einer der Werkshallen. Sie soll Wohnhäusern Platz machen.
Die alte Ziegelei in Ahrensbök: Investor Peter Seide steht in einer der Werkshallen. Sie soll Wohnhäusern Platz machen. Quelle: Peyronnet
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Ahrensbök

Das Gelände liegt im Dornröschenschlaf. Einem Schlaf, der offenbar manchmal gestört wird. Graffiti an den Wänden zeugen von ungebetenen Besuchern. Die ehemalige Ziegelei in Ahrensbök dämmert vor sich hin. Doch hinter den Kulissen laufen Bemühungen, sie wach zu küssen.

Der Begriff Ziegelei ist etwas untertrieben. Auf dem 43 000 Quadratmeter großen Gelände mitten im Ort standen die Ziegelwerke Ahrensbök. Bis 2003 wurden dort Ziegelsteine produziert. Seitdem sind die riesigen Hallen leer. Wie groß sie sind, dokumentiert eine andere Zahl. Allein die Dachflächen messen 11 000 Quadratmeter. Alles Eternit. Alles mit Asbest versetzt. Teuer, diese Mengen an Platten fachgerecht zu entsorgen. Ein Gutachter hat bei einer Wertermittlung im Jahr 2006 allein für die Abriss- und Entsorgungskosten rund eine halbe Million Euro errechnet.

Platz für Wohnhäuser

Peter Seide schreckt das nicht ab. Der Immobilienunternehmer aus Niedersachsen hat das Gelände 2013 bei einer Zwangsversteigerung erworben. „Das ist ein reines Invest“, sagt der Inhaber der Firma Immobilien PS GmbH. Er will auf dem Gelände Einfamilienhäuser und Mehrfamilienhäuser, voraussichtlich mit Mietwohnungen, bauen. Dass es nicht so recht damit vorangeht, „scheitert an meiner Zeit und Geschwindigkeit“, sagt Seide, der weitere Projekte in Hannover, Hildesheim und Magdeburg in Arbeit hat. Den ursprünglich vorgesehenen Zeitplan von zehn Jahren werde er nicht halten können.

Einblicke in einen Lost Place.

Und so herrscht weiter Stille auf dem riesigen Gelände. Grün breitet sich aus. In Ritzen wuchert das Gras, zwischen den riesigen Halle und teilweise auch darin sind Bäumchen gewachsen. Wo einst die schwere Maschinen standen, sind rechteckige Vertiefungen im Boden. Vor den Brennöfen stehen eiserne Türen offen, auf dem Boden liegt ein rundes Gerät, das an einen Ventilator erinnert. Keine Fensterscheibe ist mehr heil, beim Gang durch die Hallen knirschen Scherben unter den Füßen. „Durch Einbrüche und Vandalismus ist alles stark beschädigt worden, das muss alles abgerissen werden“, sagt Seide. In gutem Zustand ist nur noch der hohe Schornstein. Er soll nach dem Willen des Eigentümers stehen bleiben, weil er ortsbildprägend sei. Ein Statiker habe ihm versichert, dass sich der Schornstein erhalten lasse, versichert der Investor.

Ein Jahrhundert Bau- und Industriegeschichte

Sieben Gebäude, errichtet zwischen 1910 und 1980, stehen auf dem Ziegeleigelände. Zu den jüngeren zählen die Fertigungshalle aus dem Jahr 1978 und die Tonlagerhalle aus dem Jahr 1980. Das älteste noch erhaltene Gebäude aus der Gründungszeit der Ziegelwerke ist das Werkstattgebäude mit Trafohaus und Öllager. Wohn- und Bürohaus sowie Arbeiterwohnhaus entstanden in den 1930er Jahren.

Beinahe 100 Jahre lang wurden in Ahrensbök Ziegel gebrannt. Am Ende war das Ahrensböker Unternehmen eines von nur noch vier in Schleswig-Holstein, in denen der Baustoff hergestellt wurde. Über 300 verschiedene Ziegelsorten und mehr als 200 unterschiedliche Formziegel verließen die Fabrik. Verschickt wurden die Ahrensböker Ziegel in alle Teile Norddeutschlands. 2003 kam das Aus. Die Rezession in der Bauwirtschaft zu Beginn der 2000er Jahre ließ die Nachfrage einbrechen. Das Familienunternehmen musste Insolvenz anmelden. 28 Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze.

Gefährlicher Lost Place

Lost Places sind verlassene Orte – Wohnhäuser, Fabriken, Wohnheime, Kliniken – die Fotografen und Abenteurer magisch anziehen. Auch die ehemalige Ziegelei in Ahrensbök hat einen Ruf als Lost Place. Mancher Fotograf nahm sogar ein Model mit in die verfallenen Fabrikhallen. Im Internet existieren Fotos einer als schwarze Witwe verkleideten schönen Frau, die zwischen Graffiti und Mauerresten durch die Hallen schwebt.

Ebenfalls im Netz findet sich ein Geocaching-Eintrag aus dem Jahr 2010. Die elektronische Schnitzeljagd führte damals zu einem sogenannte Cache, einem von anderen Cachern gefüllten Behälter in der Nähe des Schornsteins. Der Seitenbetreiber warnte jedoch: „Riskiert hier nicht Leib und Leben.“

Auf dem Gelände herrscht Lebensgefahr. Darauf weist der Inhaber nachdrücklich hin. Mit einem Bauzaun und einem Wachdienst ist die alte Ziegelei gegen Eindringlinge gesichert. Sie sollten erst gar nicht versuchen hineinzukommen.

Seitdem liegt die Ziegelei im Dornröschenschlaf. Bevor Investor Seide sie wecken und aus dem Gelände ein Wohngebiet machen kann, muss er noch ein Problem lösen. Im hinteren Bereich grenzt das Gelände an die Globus-Werke, die zwar keinen Lärm machen, aber Lärm machen dürften. Laut Gutachten müsse deshalb ein zehn Meter hoher Lärmschutzwall gebaut werden. „Ich überlege, was es für Alternativen gibt“, sagt Seide. Was ihm gefallen würde: Ein Gebäude, ein Wohnhaus als Lärmschutzriegel. Einzelne Beispiele dafür gibt es in Deutschland bereits.

Susanne Peyronnet

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