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Ostholstein Angeklagter deponierte Umschlag mit Bargeld
Lokales Ostholstein Angeklagter deponierte Umschlag mit Bargeld
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16:48 20.02.2019
In der Postfiliale in Scharbeutz kam es am 11. Januar 2017 angeblich zu einem Raubüberfall. Quelle: LN-ARCHIV
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Eutin

Zwei Jahre nach einem offenbar vorgetäuschten Raubüberfall auf eine Scharbeutzer Postfiliale ist der Prozess gegen den damaligen Betreiber vor dem Schöffengericht Eutin fortgesetzt worden. Angeblich sollen am 11.  Januar 2017 knapp 55 000 Euro erbeutet worden sein. Der 53-jährige Berthold Bremering (Name von der Redaktion geändert) stritt gleich am ersten Verhandlungstag sämtliche Vorwürfe ab, sprach stattdessen von zwei maskierten Männern mit Schusswaffen (die LN berichteten). Am Mittwochvormittag sagten Zeugen zum Geschehen vom 11. Januar 2017 aus, darunter die Angestellte des Angeklagten sowie der Regionalmanager der Deutschen Post. Auch der Angeklagte selbst musste sich erneut den Fragen der Richterin Anja Farries stellen.

500-Euro-Scheine für die „spezielle“ Kundschaft

Besonders die geschäftlichen Vorgänge in der Postfiliale interessierten die Richterin. So erzählte der Angeklagte, dass die Deutsche Post für sein Geschäft einen Verfügungsrahmen von insgesamt 47 000 Euro festgesetzt hatte. Regelmäßig werden unangemeldete Soll-Ist-Kontrollen seitens des Vertragspartners ausgeführt, die letzte war im Jahr 2014. „Meistens habe ich morgens Kassensturz gemacht“, sagte Bremering. Für „spezielle“ Kunden, die gerne größere Scheine ausgezahlt haben wollten, habe er auch immer einen Umschlag mit 500-Euro-Scheinen parat gehabt. Wenn Kunden mit Sonderwünschen kamen, habe er die Scheine herausgeholt und abends wieder nachgefüllt. Meist waren die Umschläge auch mit Namen von Autohäusern beschriftet, obwohl keines bei ihm Kunde gewesen wäre. Das habe er einfach so gemacht. Die zurückgehaltene Summe variierte – am Tag des Überfalls waren in dem Umschlag 25 500 Euro deponiert, also knapp die Hälfte des Verfügungsrahmens. Zudem lagerte der Angeklagte noch 15 000 Euro aus seinem Privatvermögen in der Filiale. „Die 15 000 Euro wollte ich aufs Girokonto einzahlen“, erklärte der Betreiber.

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Kassenbestand nach dem Raub wies Unregelmäßigkeiten auf

Dass Filialbetreiber eigenes Geld unter die Scheine der Kunden mischen, sei ihm noch nie so aufgefallen, berichtete dann der Vertriebsmanager der Deutschen Post, der für die Postgeschäfte in Ostholstein zuständig ist. Der 48-Jährige war am angeblichen Tattag vor Ort und dokumentierte den Kassenbestand. Nach seinen Angaben gab es ein Minus von knapp 55 800 Euro nach dem Raub. Am Vorabend wurden knapp 41 800 Euro gezählt. Dazu kamen die 15 000 Euro von Bremering. Die Differenz machte den Postangestellten stutzig. „Der Kassenbestand wies eine andere Summe auf als am Vorabend“, sagte er. Zudem lag der Betreiber deutlich über dem festgelegten Geldbestand. „Das ist nicht in Ordnung und meldepflichtig.“ Auch dass jemand Geld in Umschlägen bereithält, sei so nicht üblich.

Angestellte der Postfiliale vertraute ihrem Chef

Für die Angestellte des Betreibers war der besagte Umschlag, auf dem immer die jeweilige Summe gestanden haben soll, kein Grund zur Besorgnis. „Ich habe morgens und abends die Kasse und den Tresor gezählt, es war immer alles in Ordnung“, sagte die 50-Jährige. Die angegebene Summe auf dem Umschlag habe sie dazugerechnet, jedoch nie darüber nachgedacht, den separaten Betrag nachzuzählen. „Die Kasse stimmte. Ich hatte nie die Notwendigkeit dazu, an den Umschlag zu gehen.“ Ihr Chef erzählte ihr, dass die Summe für Autohäuser genutzt werde. Der Angeklagte habe ihr aber auch nie gesagt, dass sie den Umschlag niemals öffnen dürfe. Erst nach dem Raubüberfall zeigte der Angeklagte seiner Angestellten den Inhalt eines Umschlages.

Die Ex-Frau des Angeklagten und ehemalige Postfilialen-Betreiberin, die mit dem 53-Jährigen noch eine Firma betreibt, wusste von den Umschlägen in Scharbeutz. Auch im Geschäft in Travemünde, das sie von 2008 bis 2016 zusammen führten, habe es zurückgelegte 500-Euro-Scheine gegeben. Die 15 000 Euro aus seinem Privatvermögen kämen von einer gekündigten Versicherung, so die Zeugin. Nach einem Anruf ihres Ex-Mannes informierte sie am 11. Januar 2017 die Deutsche Post über den angeblichen Überfall. Die Erzählungen des Angeklagten über das Geschehen waren für die 54-Jährige plausibel. Dass er womöglich in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei, habe er ihr nie erzählt. Der Angeklagte habe sogar noch kurz nach dem angeblichen Überfall am 1. Februar 2017 eine Amerika-Reise für knapp 11 000 Euro gebucht, die allerdings drei Monate später storniert wurde.

Am dritten Prozesstag am kommenden Montag, 25. Februar, um 9 Uhr verkündet das Schöffengericht das Urteil.

Beke Zill