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Ostholstein Atommüll-Tourismus am Fehmarnbelt?
Lokales Ostholstein Atommüll-Tourismus am Fehmarnbelt?
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11:34 17.01.2015
Kurskorrektur: Dänische Politiker besuchten zuvor das Zwischenlager Covra in Vilssingen-Oost (Holland).
Rødby

Alarmstimmung entlang der Vogelfluglinie. Vor allem auf Fehmarn. Denn kaum 20 Kilometer vor der Haustür der Urlaubsinsel droht ein Atommüllendlager bei Rødby.

Gesucht wird in Dänemark ein Standort für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, die aus Forschung, Medizin und Industrie stammen. Sechs mögliche Orte sind noch im Rennen.

Doch viele Kritiker in Ostholstein befürchten, dass Lolland dank des geplanten Belttunnels favorisiert wird. Das böse Wort vom „Atommüll-Tourismus“ macht bereits die Runde: Davor hat Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) in den LN wiederholt gewarnt.

„Die Insel droht zu einer Transitstrecke ins „dänische Asse“ zu werden“, beschwor jetzt im Hauptausschuss Fehmarn Christiane Stodt- Kirchholtes (Grüne). Und empörte sich laut: „Ein atomares Endlager — direkt am Meer, in Zeiten der Klimaerwärmung in einem Land, das gar keine Atomkraftwerke hat!“

Doch auch auf dänischer Seite gibt es eine starke Protestbewegung. Kein Wunder in einem Land, das sich für einen Weg ohne Kernenergie entschieden hat. Offenbar mit erstem Erfolg: Im Dezember besuchten Mitglieder des Gesundheits- und Umweltausschusses im Folketing das holländische Zwischenlager Covra in Vilssingen-Oost. Ausdrücklich auf Wunsch der Endlager-Gegner.

Und tatsächlich: Nach einem ersten Vorstoß der Dansk Folkeparti Anfang Januar haben sich die Politiker darauf geeinigt, auch einen Fortbestand des Zwischenlagers bei Roskilde zu untersuchen. Der große Pluspunkt: In den kommenden Jahrzehnten könnten ganz neue Technologien der Lagerung und Entsorgung entwickelt werden. Ein Endlager würde diesen Spielraum einengen. Auch ein Atommüll- Export soll geprüft werden. Ein zeitnaher Beschluss ist daher zurückgestellt worden, berichtet die Tageszeitung „Folketidende“. Die Aktionsgruppe auf Lolland sowie Greenpeace jubeln.

Dennoch: Die Ängste sind nicht ausgeräumt. Zumal diese neuen Töne noch gar nicht bis nach Ostholstein durchgesickert sind. Und das bisherige SUP-Verfahren (grenzüberschreitende strategische Umweltprüfung) läuft weiter. Bürger, Verbände, Behörden und Kommunen auch aus Deutschland können Stellung nehmen — aber nur noch bis zum 23. Januar. Erschwert wird das Ganze dadurch, das der 234-seitige Umweltbericht nur auf dänisch und englisch vorliegt (mit einer 17-seitigen Zusammenfassung in Deutsch).

Für die Fehmarn appelliert Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt (parteilos) in einem aktuellen Schreiben an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die auch für die Reaktorsicherheit zuständig ist, sowie an den dänischen Gesundheitsminister Nick Hækkerup, „unverzüglich von diesem Standort abzusehen“. Schon die feste Beltquerung sei eine „gewaltige Herausforderung“ für die Region. Mit einem möglichen Atommüllendlager bei Rødby käme eine „weitere Mammutherausforderung in direkter Nähe“ dazu — mit Sicherheitsrisiken und Gefährdungspotenzial nahe der künftigen Tunneleinfahrt.

Dass der Widerstand an das Kopenhagener Gesundheitsministerium adressiert ist, ist kein Zufall. Genau dieses prüft — seit einem Folketings-Beschluss 2003 — federführend die sechs verbliebenen Standorte. Denn das Endlager soll rund 5000 Kubikmeter Atommüll aus Risø bei Roskilde aufnehmen.

Fehmarn steht mit seinen Bedenken nicht allein. Auch andere Nachbarkommunen sind aufgeschreckt — zum Beispiel Großenbrode oder Oldenburg. Derzeit erarbeitet die Hamburger Rechtsanwältin und Expertin Dr. Michéle John, die vielen bereits aus der Beratung in Sachen Belttunnel bekannt ist, fachlich fundierte Einwendungen.

„Sie vertritt auch andere Kommunen in Ostholstein“, spricht Fehmarns Regionalmanagerin Dr. Johanna Heitmann daher von einer „Solidargemeinschaft“.

Frist bis zum 23. Januar
Auch Bürger auf deutscher Seite können im Rahmen der grenzüberschreitenden strategischen Umweltprüfung (SUP- Verfahren) in deutscher Sprache schriftlich Stellung nehmen. Die Frist endet am 23. Januar. Darauf weist das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hin. Details mit Kopenhagener Adressen: www.stadtfehmarn.de (Stichwort Wirtschaft/ Feste Fehmarnbeltquerung) oder Regionalmanagement, Telefon 04371/506182 oder -506126.

Gerd-J. Schwennsen