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Lokales Ostholstein Wechselvolle Geschichte des Neustädter Wieksbergs
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18:34 25.04.2019
Norbert Kahl von der Geschichtswerkstatt Neustadt hat die Ausstellung über den Wieksberg mit einigen Unterstützern vorbereitet. Die Ergebnisse werden vom 30. April bis 14. Juni im Zeittor-Museum gezeigt.
Norbert Kahl von der Geschichtswerkstatt Neustadt hat die Ausstellung über den Wieksberg mit einigen Unterstützern vorbereitet. Die Ergebnisse werden vom 30. April bis 14. Juni im Zeittor-Museum gezeigt. Quelle: Sebastian Rosenkötter
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Neustadt

Der Neustädter Wieksberg hat Höhen und Tiefen erlebt. Wie sich das Gebiet zwischen 1925 und 1965 verändert hat, wird von Dienstag, 30. April, in einer Sonderausstellung im Zeittor-Museum dargestellt. Die Akteure der Geschichtswerkstatt, allen voran Norbert Kahl, haben sich intensiv mit der Historie beschäftigt.

Besonders prägend waren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945 übernahmen britische Streitkräfte die Kontrolle über Neustadt. Auf dem Wieksberg entstand ein Lager. 4000 Menschen, darunter viele Polen, wurden dort untergebracht. Ziel der alliierten Streitkräfte war es, dass Zwangsarbeiter, ehemalige KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene in ihre Heimatländer zurückkehren.

Erst Jachtschule, dann Nazi-Segelschule

Die Geschichte des Wieksbergs begann bereits 1318. Seitdem gehört er zu Neustadt. Anfang des 20. Jahrhundert lockte er vor allem Einheimische und Urlauber, die Ostsee und Strand im Marienbad genießen wollten. Ein Meilenstein in der Entwicklung des Wieksbergs zum heutigen Marine-, Zoll- und Wohnquartier, war die Ansiedlung der Hanseatischen Jachtschule im Jahr 1925. „Da begann der Ausbildungsbetrieb auf Segelschiffen und Motorbooten – bis zur Machtergreifung der Nazis. Die haben daraus eine SA-Segelschule gemacht“, sagt Norbert Kahl. 1937 sei ein Teil des Geländes Marinestandort geworden. „Um die Mitarbeiter unterzubringen, wurden durch eine Baugenossenschaft etwa 80 Wohnungen errichtet, die auch heute noch bewohnt werden“, erläutert Kahl.

Auf dem Wieksberg wurden nach dem Ende des 2. Weltkriegs zahlreiche Zwangsarbeiter untergebracht. Die Briten übernahmen die Kontrolle über die Stadt.

Darüber hinaus wurden Kasernen, Kaianlagen und Straßen angelegt. Der Wieksberg war endgültig erschlossen. „Die Ansiedlung der Marine löste einen Boom in Neustadt aus. Auch an anderen Stellen entstanden Offizierswohnungen. Es war ein gewaltiger Umbruch. Aber: Im Grunde genommen waren all das Kriegsvorbereitungen“, betont Kahl. Das Gebiet sei immer mehr abgesperrt und als Ausbildungsstandort für U-Boot-Fahrer genutzt worden.

Der Wieksberg als Sperrgebiet

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wieksberg zum großflächigen Sperrgebiet. Hintergrund war die Einrichtung des Lagers. „Die dort untergebrachten Menschen durften sich frei bewegen und das Gelände verlassen. Es gab Schulen und ärztliche Versorgung. Jedoch durften deutschen Behörden es nicht betreten“, sagt Kahl. Die Betreuung der dort Lebenden hätten Flüchtlingsorganisationen übernommen. „Es gibt Berichte über Schwarzhandel, Einbrüche und Diebstähle. Damals wurde viel geklagt. Die Versorgungslage war schlecht. Zudem hatte sich die Bevölkerung plötzlich verdoppelt“, schildert Kahl die Entwicklung.

Ausstellung im Zeittor

Die Sonderausstellung „Der Wieksberg und die Nachkriegszeit in Neustadt“ kann vom 30. April bis 14. Juni in den Räumen des Neustädter Zeittor-Museums besucht werden. Geöffnet ist dienstags bis sonnabends von 10.30 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr.

1950 – die Bundesrepublik Deutschland war im Jahr zuvor gegründet worden – folgte die Auflösung. Die Bundeswehr hatte den Standort für sich beansprucht. Rund 1300 Menschen seien Neustädter Bürger geworden. „Auf dem Wieksberg entstanden Schulen. Zoll und Marine nahmen ihre Arbeit auf“, sagt Norbert Kahl. Dies hat sich bis heute nicht verändert. Jedoch kamen immer mehr Häuser hinzu – auch aktuell wird gebaut. „Mit dem Umzug der Flüchtlinge endet unsere Geschichte“, sagt Kahl.

Zahlreiche Bild als Teil der Ausstellung

Für eben diese haben er und die anderen Akteure der Geschichtswerkstatt in den Archiven der Stadt gestöbert, Akten gelesen, Fotografien und Dokumente ausgewertet. Ebenfalls an der Sonderausstellung beteiligt ist Thomas Schwarz. Er dürfte die wohl umfangreichste Neustädter Fotosammlung haben und steuert Bilder bei. „Wir planen Klönschnacks und Führungen für Gruppen“, sagt Kahl. Darüber hinaus soll ein Buch über die Geschichte des Wieksbergs erscheinen.

Das macht die Geschichtswerkstatt

Die Neustädter Geschichtswerkstatt ist eine ehrenamtlich arbeitende Initiative, die sich seit 2011 mit stadtgeschichtlichen Themen beschäftigt. Unter anderem wurde 2012 ein Stolperstein für den ehemaligen Stadtverordneten August Heinrich Roßburg (SPD) verlegt, der wegen seiner Arbeit als Kommunalpolitiker ins KZ Neuengamme kam und dort starb. Darüber hinaus war das Ehrenmal am Heisterbusch Thema der Geschichtswerkstatt.

Sebastian Rosenkötter