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Ostholstein Berufsschule will Kompetenzzentrum werden
Lokales Ostholstein Berufsschule will Kompetenzzentrum werden
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17:03 17.12.2018
Nico Jens Wohlan im „Badezimmer“: Spiegel- und Waschbeckeneinheit lassen sich per Fernbedienung in der Höhe verstellen.
Nico Jens Wohlan im „Badezimmer“: Spiegel- und Waschbeckeneinheit lassen sich per Fernbedienung in der Höhe verstellen. Quelle: Ulrike Benthien
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Eutin

 „Das barrierefreie E-Haus“, ein Projekt der Beruflichen Schule Eutin, hat bei seiner offiziellen Vorstellung im Sommer 2017 viel Lob eingeheimst: unter anderem vom Schirmherrn, Sozial- und Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) und von Landrat Reinhard Sager (CDU). Mit dem Projekt werden Aspekte des barrierefreien Bauens in die Ausbildung des E-Handwerks integriert, die Ausbildung anderer Handwerke soll folgen. „Das ist bundesweit einzigartig“, sagen die beiden Initiatoren Hartmuth Zittlau und Jens Nico Wohlan, deren Ziel es ist, ihre Schule zum Kompetenzzentrum zu machen. Nur: Das Vorhaben ist ins Stocken geraten. Es fehlt an Geld. „Wir müssten jetzt klotzen, statt zu kleckern“, räumt Schulleiter Carsten Ingwertsen-Martensen ein.

Klinken putzen, um Spenden einzuwerben

Mehr als 40 000 Euro haben Zittlau und Wohlan durch mühsames „Klinken putzen“ in der Industrie zusammengebracht. Unter anderem hat ihnen Samsung zwölf Tablets und einen Fernseher gespendet, von Tielsa gab es einen Küchenblock im Wert von 15 000 Euro. Er hat den Platz eines Lehrerpults im sogenannten E-Haus eingenommen, das, um genau zu sein, aus zwei Klassenräumen besteht. Das Besondere an dieser Küche: Türen und Schubladen öffnen sich durch leichten Druck, das Kochfeld lässt sich per Knopfdruck heben und senken, ein Herdwächter mit magischem Auge registriert Nebel, Dampf und Temperatur – falls mal ein Topf oder eine Pfanne auf dem Herd vergessen werden sollte. Außerdem gibt es im barrierefreien E-Haus ein „Badezimmer“, dessen Spiegel- und Waschbeckeneinheit per Fernbedienung in der Höhe zu regulieren ist und ein Notrufsystem, das beim Betätigen nicht nur ein Signal auslöst, sondern zeitgleich per SMS fünf Verwandte und Nachbarn verständigt: Benötige Hilfe! Auch beleuchtete Steckdosen und Schalter mit Relief-Motiven gehören zur Ausstattung.

Erleichterungen für Menschen mit Einschränkung oder Demenz

Die Vorrichtungen, die Menschen mit Einschränkungen oder beispielsweise einer Demenz das Leben erleichtern oder das Wohnen in den eigenen vier Wänden länger möglich machen sollen, gibt es schon längst im Handel. Auch können vielfach Zuschüsse bei Krankenkassen für den Einbau und Umbau beantragt werden. „Aber man muss es wissen. Und man muss mit der Handhabung vertraut sein“, sagen Zittlau und Wohlan. Die beiden Lehrer bilden künftige Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik aus, vom ersten bis dritten Ausbildungsjahr derzeit rund 60 junge Männer zwischen 17 und 20 Jahren. Ihnen sei aufgefallen, dass Fachbücher nichts über barrierefreie Elektroinstallationen vermittelten, berichten sie. Dabei sei das doch das Thema der Zukunft, man müsse nur an die zunehmende Überalterung in Ostholstein denken.

Das Defizit, das ihnen in der Ausbildung ihrer Schüler aufgefallen ist, wollen Nico Jens Wohlan und Hartmuth Zittlau abstellen. „Was wir ihnen hier beibringen, tragen sie als Multiplikatoren in ihre Betriebe und zu den Kunden“, sagen die Lehrkräfte. Diese seien zwar einerseits aufgeschlossen, andererseits aber auch noch recht verhalten.

Junge Menschen spartenübergreifend ausbilden

Die beiden Lehrsäle, die jetzt schon als „E-Haus“ firmieren, sollen auch nach Vorstellungen von Carsten Ingwertsen-Martensen zu einem großen „Musterhaus“ erweitert werden, in dem auch Auszubildende in Pflegeberufen, in den Sparten Sanitär, Heizung, Klima, Gesundheitskaufleute und alle, die mit Inklusionsfragen zu tun haben, geschult werden.

Einige Beispiele für technische Möglichkeiten, die das Leben für Menschen mit Einschränkungen und Demenz leichter machen

„Unser ,E-Haus’ ist die Keimzelle“, sagt der Schulleiter. Um sie zum einem Kompetenzzentrum auszubauen, benötigt die Schule rund 100 000 Euro. Die Anträge, um die geplanten Projekte professionell darzulegen und Fördermittel einzuwerben, könnten die Lehrer nicht „nebenher“ erledigen, sagt Ingwertsen-Martensen. Deshalb wurden jetzt erste Kontakte zur Entwicklungsgesellschaft Ostholstein und zur Aktiv-Region geknüpft. Die Schule hofft, dass auch ihr von dem Projekt so begeisterter Schirmherr in Kiel ein offenes Ohr für ihre Ambitionen hat.

Ulrike Benthien