Corona in Ostholstein: Eltern sehen Schulschließungen gespalten
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Ostholstein Schulschließungen in Ostholstein: Meinungen der Eltern gehen auseinander
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Corona in Ostholstein: Eltern sehen Schulschließungen gespalten

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19:01 12.11.2020
Willkommene Ausweichmöglichkeit für den Klassenverband: Nicht alle Schulen in Ostholstein haben die Möglichkeit, den Unterricht etwa in den Musikraum zu verlegen, um den Abstand zwischen den Schülern zu vergrößern.
Willkommene Ausweichmöglichkeit für den Klassenverband: Nicht alle Schulen in Ostholstein haben die Möglichkeit, den Unterricht etwa in den Musikraum zu verlegen, um den Abstand zwischen den Schülern zu vergrößern. Quelle: dpa
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Ostholstein

In Ostholstein befinden sich momentan 40 Klassen oder Kohorten in häuslicher Quarantäne, weil Lehrkräfte oder Mitschüler positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Betroffen sind 14 Schulen im Kreis. Die Tendenz ist steigend. Wie fühlen sich Schüler und Eltern in der aktuellen Situation? Kommen sie mit dem Ausfall von Präsenzunterricht zurecht? Befürchten sie Schulschließungen oder befürworten sie sie eher?

Schulschließung? Elternmeinungen gehen auseinander

„Ich glaube, dass die Elternschaft gespalten ist. Und zwar in mehrerlei Hinsicht“, sagt Birgit Kalläne, Vorsitzende des Kreiselternbeirates Gymnasien. „Viele Eltern haben Angst vor Ansteckung und würden ihre Kinder lieber zuhause lassen. Das ist aber eine Frage der Betreuung, natürlich eher in der Unterstufe. Urlaub, Überstunden und Krankentage bei Müttern und Vätern sind aufgebraucht. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die sagen: Schulschließung – auf keinen Fall. Mein Kind ist im Sozialsystem Schule besser aufgehoben.“

Als Schulen im Kreis geschlossen worden seien, habe es keinen Aufschrei gegeben, schildert Birgit Kalläne, die selbst Lehrerin ist. „Die Wahrnehmung war eher: Die Maßnahme ist okay, um das Infektionsgeschehen auszubremsen“, sagt sie. Für Verunsicherung sorge bei Eltern, dass manche Corona-Maßnahmen nicht nachvollziehbar seien, beispielsweise, dass manchmal ganze Jahrgänge in Quarantäne geschickt würden, in anderen Fällen nur einzelne Schüler.

Gespalten sei die Elternschaft auch, was das Lernen von zuhause aus anbelange. „Das hängt damit zusammen, wie die Schulen technisch ausgestattet sind“, sagt Birgit Kalläne. Unterricht auf Distanz funktioniere, wenn Lernplattformen installiert seien und auch laufen würden. Da gebe es kreisweit erhebliche Unterschiede. „Einige Schulen sind da ganz vorn, die Lehrer betreuen die Schüler gut. An anderen Schulen funktioniert es noch nicht so.“

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Technik-Probleme beim digitalen Lernen

Das hänge mit dem WLan zusammen, was an manchen Schulen Probleme bereite. Die Lehrer müssten mit allen Schülern gleichzeitig kommunizieren können, was häufig an der Leistungskapazität der Systeme scheitere. Diese Schwierigkeiten ergäben sich auch im privaten Bereich. „Eltern mit mehreren Kindern kennen das“, sagt Kalläne. Sie erlebt es selbst, wenn ihre drei Kinder und sie gleichzeitig für die Schule arbeiten wollen. „Das haut das stärkste W-Lan um.“

Schul-Cloud, IServe, Nextcloud und ähnliche – mit diesen Plattformen oder Servern hätten Schulen gearbeitet, „als es hart auf hart kam. Das Land hat nun itslearning empfohlen, auf das einige Schulen gewechselt sind. Bei manchen klappt das. Aber ich habe gerade Nachricht erhalten, dass es häufig stockt. Die Teilnehmer werden aus dem System gekickt. Das ist aktuell ein Problem für Lehrer“, berichtet Birgit Kalläne nach dem Austausch mit Kollegen.

Auf gute Erfahrungen mit dem Unterricht per Videokonferenz blickt Linda Starke zurück. Sie ist Schülerin des Leibniz-Gymnasiums in Bad Schwartau und musste mit ihrer 9. Klasse vor den Herbstferien in Quarantäne, nachdem eine Mitschülerin positiv getestet worden war. Die 14-Jährige hat diese Zeit als „besser strukturiert empfunden als beim ersten Lockdown. Vor allem, weil ich zwei jüngere Geschwister habe, die in der Schule waren, während ich zuhause Unterricht hatte“, berichtet sie. Dass Corona ihr durch die Mitschülerin so nah gekommen ist, sei beunruhigend gewesen. „Zumal ich in der Zeit selbst krank war. Ich habe mich zweimal testen lassen. Aber es war einfach nur eine Grippe.“

Präsenzunterricht vor allem für Abschlussklassen wichtig

Für Claudia Pick, Vorsitzende des Landeselternbeirates für Gymnasien, genießt „die Gewährleistung der Unterrichtsversorgung für möglichst alle Schüler auch und gerade jetzt oberste Priorität“. Sie appelliert daran, „alle digitalen Möglichkeiten in Schulen zu nutzen – und sei es zu Trainingszwecken, wenn vielleicht nur ein oder zwei Schüler in der Klasse quarantänebedingt ausfallen“.

Gerade für Abschlussklassen sei es extrem wichtig, den Präsenzunterricht gegebenenfalls durch Hybridunterricht zu ersetzen und etwa mit einer Klassenteilung zu verhindern, dass im Ernstfall gleich eine ganze Kohorte in Quarantäne geschickt werden muss. Dabei sei es generell nicht damit getan, lediglich Aufgaben oder Arbeitsblätter per E-Mail zu verteilen.

Wisser-Schule Eutin: Homeschooling klappt

Das sieht auch Sven Ulmer, Leiter der Eutiner Wilhelm-Wisser-Gemeinschaftsschule mit 59 Lehrkräften und 610 Schülern an drei Standorten, so. Er sagt: „Wir haben aktuell glücklicherweise zwar keinen Infektionsfall zu beklagen, konnten unser im März eingerichtetes Homeschooling-Modell aber bereits Mitte September gut einüben, als eine Lehrkraft und rund 70 Schüler für 14 Tage in Quarantäne gehen mussten.“ Mit dem Cloud- und Kommunikationssystem iServ sowie über das Sofortausstattungsprogramm des Landes angeschafften 62 Leih-Laptops sei man bestens gerüstet.

An 14 Schulen im Kreis sind Klassen in Quarantäne

Hunderte Schüler in Ostholstein sind derzeit in Quarantäne. Auch etliche Lehrer müssen sich in häuslicher Umgebung aufhalten. Betroffen seien kreisweit 40 Klassen oder Kohorten, teilt das Bildungsministerium mit.

An 14 Schulen zwischen Stockelsdorf und Fehmarn ist zurzeit der Präsenzunterricht beeinträchtigt. Es sind: die Grundschule der Stadt Fehmarn in Burg; das Leibniz-Gymnasium, die Schule am Papenmoor, das Pädagogium und das Gymnasium am Mühlenberg in Bad Schwartau; die Gerhart-Hauptmann-Schule in Stockelsdorf; die Achim-Bröger-Schule in Sereetz; die Grund- und Gemeinschaftsschule der Gemeinde Timmendorfer Strand; die Grundschule Ravensbusch in Stockelsdorf; die Berufliche Schule des Kreises Ostholstein in Oldenburg; die Otfried-Preußler-Schule in Ratekau; die Grundschule Neustädter Bucht; die Grund- und Gemeinschaftsschule des Amtes Lensahn sowie die Grundschule in Hutzfeld.

GGS Strand: 22 Schüler und ein Lehrer in Quarantäne

Das sind auch 22 Drittklässler und eine Lehrkraft der Grund- und Gemeinschaftsschule (GGS) Timmendorfer Strand/Niendorf, die sich wegen separater Infektionsfälle seit vergangenen Donnerstag in Quarantäne befinden. Denn Esther Passig schildert als Leiterin der GGS mit insgesamt 532 Schülern: „Dank unserer Schulcloud ist die Klasse ohnehin bestens vernetzt, und zudem kümmert sich die Klassenlehrerin mit regelmäßigen Online-Videokonferenzen darum, dass allen der Stoff in Deutsch, Mathe und Sachunterricht vernünftig vermittelt wird. Ihre analogen Aufgabenpäckchen und Arbeitsmaterialien haben sie letzte Woche schon mitbekommen.“

Das Gymnasium am Mühlenberg in Bad Schwartau hat aktuell mehrere Corona-Fälle: fünf Schüler und zwei Lehrer. Vier Klassen sind in Quarantäne. Schulleiterin Amira Yassine kündigt an: „Von Freitag an findet der Unterricht für alle wieder komplett in der Schule statt – abgesehen von den Quarantäne-Klassen.“ Grundsätzlich gebe es keine Furcht davor, dass die Schule wieder geschlossen werden könnte. „Das Distanzlernen funktioniert gut und wesentlich besser als im Frühjahr“, berichtet Yassine.

Schulelternbeirätin Annie Schubart erklärt: „Die Eltern sind sehr geduldig, sie haben die anstrengenden Erfahrungen der Schulschließungen im Frühjahr noch nicht vergessen.“ Grundsätzlich halte sie es für richtig, weiter auf Präsenz-Unterricht zu setzen. „Die Umstände und Regeln in der Schule machen mir keine Sorgen. Die Situationen an den Bushaltestellen oder an den Treffpunkten am Nachmittag sind eher prekär.“

Besser Hybridunterricht als Schulschließung

Rico Schaufler, Schulelternbeiratsvorsitzender der Grundschule Ravensbusch, spricht sich gegen eine generelle Schulschließung wie beim ersten Lockdown aus. „Für die Kinder ist es wichtig, dass es einen regelmäßigen, direkten Kontakt zwischen Schülern und Lehrern gibt.“ Bevor es zu einer Komplettschließung käme, würde er für Hybridunterricht plädieren – etwas weniger Unterricht in kleineren Gruppen in der Schule und zum Teil auf Distanz.

Von Ulrike Benthien, Doreen Dankert, Andreas Oelker und Sebastian Prey

12.11.2020
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