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Ostholstein Cow-Sharing: Auf diesem Hof können sich Verbraucher ein Rind teilen
Lokales Ostholstein Cow-Sharing: Auf diesem Hof können sich Verbraucher ein Rind teilen
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13:23 10.11.2019
Bald geht es für die Aubrac-Rinder vom Krumbecker Hof zurück in den Stall. Hier bekommen sie von Leonard Güldenpfennig noch einmal Futter auf der Moorwiese. Quelle: Luisa Jacobsen
Stockelsdorf

Wenn Leonard Güldenpfennig den Futter-Eimer schüttelt, kommt die Herde Aubrac-Rinder zügig angelaufen. Voraussichtlich zehn der robusten Tiere, die auf den Moorwiesen des Krumbecker Hofs in der Gemeinde Stockelsdorf gehalten werden, sollen im nächsten Jahr geschlachtet werden. Doch ihr Fleisch wird nicht verkauft, sondern zwischen den Mitgliedern einer solidarischen Verbrauchergemeinschaft aufgeteilt. Solidarische Landwirtschaft (Solawi) nennt sich dieses Konzept. Nur eben nicht – wie es sonst häufig der Fall ist – mit Gemüse, sondern mit Fleisch.

Gerhard Moser, Geschäftsführer der Landwirtschaft auf dem Krumbecker Hof, und seine Mitstreiter bewerben ihr Projekt als „Cow-Sharing“: Die Mitglieder der Solawi zahlen einen monatlichen Betrag und teilen sich dafür gewissermaßen ein Rind. Das Fleisch bekommen sie portioniert, vakuumiert und etikettiert. Das Wichtige: Bei diesem Konzept bleibt nach der Schlachtung kein Fleisch übrig.

Gerhard Moser und Mitarbeiterin Nicole Kriesel auf dem Gelände des Hofs. Wer Interesse an dem Projekt hat, kann sich an die beiden wenden. Quelle: Luisa Jacobsen

Nicht nur Filet: Alle Teile des Tiers werden an die Mitglieder verteilt

„Rinderhaltung hat es hier schon lange gegeben“, erzählt Gerhard Moser. Für Ackerbau seien die Moorwiesen am Hof nicht geeignet. Mit der Viehhaltung würden sie ökologisch sinnvoll genutzt und dienten weiter als CO2-Speicher. Zuletzt habe man das Fleisch per Direktvermarktung an den Verbraucher gebracht. Das aber habe sich als sehr aufwendig erwiesen und – im Vergleich zum solidarischen Konzept – auch als weniger wirtschaftlich. Moser erklärt: „Zwar war der Preis pro Kilogramm bei der Direktvermarktung höher, wir hatten aber auch immer Fleisch übrig.“ Denn: Heute kaufen viele Menschen nur das vermeintlich Beste vom Rind. „Die Direktvermarktung hat nicht dazu geführt, dass das ganze Tier vermarktet wurde. Viele Menschen wissen heute nichts mehr anzufangen mit Beinscheiben und Suppenfleisch.“

Beim Cow-Sharing soll das anders sein: Je nach Größe des geschlachteten Tieres bekommen die Mitglieder der Solawi pro Monat etwa 3,5 Kilogramm Fleisch. Dabei sind zum Beispiel Steaks, Gulasch, Rouladen, Braten und Hackfleisch aber eben auch Beinscheiben und Suppenfleisch. Abwechselnd gibt es auch die besten Stücke wie Filet, Rumpsteak oder Entrecôte.

Wer möchte, kann ohne Aufpreis auch Rinderzunge, Herz oder Ochsenschwanz bekommen. „Manche Köche wissen das zu schätzen“, sagt Moser. Ansonsten eigneten sich diese Teile für die Hundehalter unter den Mitgliedern auch zur Zubereitung von gesundem Tierfutter. Zumindest ein wenig Nachfrage nach diesen eher vergessenen Teilen der Rinder scheint es zu geben: Bei einem ersten Infotermin zum Projekt sei durchaus auch Interesse an Pansen geäußert worden, sagt Leonard Güldenpfennig.

Infotag für Interessierte

Am Sonnabend, 30. November,um 15 Uhr findet in der Kulturscheune auf dem Krumbecker Hof die zweite Infoveranstaltung zum Cow-Sharing-Projekt statt. Die Adresse lautet Krumbecker Hof 8 in 23617 Stockelsdorf. Mehr Infos gibt es bei Gerhard Moser und Mitarbeiterin Nicole Kriesel unter Telefon 045 06/15 20 sowie unter www.krumbecker-hof.de

Bauernverband: Der Rest vom Tier wird exportiert

Peter Kroll vom Bauernverband Stormarn, wo es Höfe mit ähnlichen Konzepten gibt, sagt dazu: „Das ist heutzutage leider das Verbraucherverhalten. Wir können es uns leisten, nur die edlen Teile zu essen.“ Ganz deutlich sehe man das bei der Schweinefleischproduktion. „Wir importieren das Beste und exportieren den Rest.“

Der Grund dafür: Betrachte man das reine Schlachtgewicht wird bundesweit mehr Fleisch erzeugt als benötigt. Da aber nur die besten Stücke davon gegessen werden, muss wieder Fleisch importiert werden. „Bei der Solawi lautet der Grundgedanke ,es gibt nur das, was da ist’“, sagt Kroll. Grundsätzlich stehe der Bauernverband einer steigenden Tendenz zur solidarischen Landwirtschaft positiv gegenüber. Wichtig sei für die Betriebe, dass es genug Nachfrage in der direkten Umgebung gebe.

Etwa die Hälfte der Anteile ist bereits vergeben

Über eine fehlende Nachfrage können sich die Cow-Sharing-Initiatoren vom Krumbecker Hof nicht beschweren. Etwa die Hälfte der Anteile ist schon vergeben. Insgesamt braucht die Solawi für das kommende Wirtschaftsjahr 60 Teilnehmer. Zumindest dann, wenn jeder von ihnen 62,50 Euro pro Monat zahlen würde. Möglich sind auch halbe Pakete für den halben Preis. „Da gibt es ebenfalls etwa 3,5 Kilogramm Fleisch, aber nur jeden zweiten Monat“, erklärt Moser. Pro Kilo ergibt sich ein Preis von rund 21 Euro für das Bio-Fleisch. Wie viel jeder Teilnehmer am Ende wirklich für seinen Anteil ausgeben kann und möchte, wird aber in einer Bieterrunde ermittelt. Dabei werden vom Anbieter alle Kosten (Haltung der Mutterkühe, Aufzucht, Schlacht- und Transportkosten, laufende Betriebs- und Lohnkosten, etc.) offen gelegt.

Insgesamt 14 Mutterkühe gehören zur Herde. Hinzu kommen jährlich neun bis vierzehn ausgewachsene (zwei Jahre alte) Schlachttiere. In der konventionellen Landwirtschaft erfolgt die Schlachtung mitunter wesentlich früher. Quelle: Luisa Jacobsen

Geschlachtet werden soll dann einmal im Monat ein Tier (im Alter von zwei Jahren). Nur nicht im Hochsommer. „Bei der Wärme wäre der Transport zum Schlachter für die Rinder sehr anstrengend“, sagt Leonard Güldenpfennig. Zudem seien viele Familien in der Ferienzeit auch im Urlaub, sodass das Fleisch womöglich nicht verwertet werde.

Alle Mitglieder bekommen zudem Einblick in die Aufzucht und Haltung. „Wir können uns auch vorstellen, Interessierten einmal die Schlachterei zu zeigen“, sagt Moser. Weg von der Anonymität, hin zu Transparenz und gemeinsamer Verantwortung – das sei es schließlich, worauf es bei der Solawi ankommt.

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