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Ostholstein Das „Weiße Haus“ in Cismar: Wo Autorin Doris Runge lebt
Lokales Ostholstein Das „Weiße Haus“ in Cismar: Wo Autorin Doris Runge lebt
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15:22 22.03.2019
Das altehrwürdige Benediktinerkloster Cismar (links) und das Weiße Haus (rechts), in dem die Lyrikerin Doris Runge mit ihrem Mann Reiner Binkowski lebt und wirkt. Quelle: PRIVAT (HFR)
Cismar

Es ist nur ein kurzer Weg über den Klostergraben und der Cismar-Besucher steht vor dem „Weißen Haus“. In dem um 1830 vom dänischen König für seinen Amtsschreiber errichteten Gebäude geht es heute nicht mehr um Politik, sondern um Dichtkunst. Denn nach einer wechselvollen Geschichte – und eigentlich schon dem Verfall preisgegeben – ist das Gebäude im klassizistischen Baustil seit 1976 ein Hort der Kultur in Schleswig-Holstein.

Von der dänischen Amtsschreibstube zum Haus der Dichtkunst

Das Wort hat hier Tradition. So wie sich der Bibelvers „In principio erat verbum“ (Im Anfang war das Wort) aus dem Johannis-Evangelium als Wort zur Verkündigung Gottes seit Jahrhunderten den Weg durch dicke Klostermauern in die Welt bahnt, so steht auch im „Weißen Haus“ das Wort am Anfang seiner inzwischen fast 200 Jahre währenden Geschichte.

Amtlich-bürokratisch klang es damals aus den kleinen Schreibstuben, als das Amt Cismar noch in königlich-dänischen Händen war – bis 1920, dem Ende des Landratsamtes Cismar. Von da an bis 1975, als der Maler Jürgen Runge und die Schriftstellerin Doris Runge auf der Suche nach einer festen Heim- und Arbeitsstätte im Schutt des baufälligen Hauses seinen Charme wiederentdeckten und freilegten, erlebte das Haus eine wechselvolle Geschichte.

Es war Landratsamt und Landesjugendheim, Reichsarbeitsdienstlager und Materiallager der Kriegsmarine. Es bot vielen nach dem Krieg in Ostholstein gestrandeten Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf. Bis Mitte der 1960er Jahre wurde das Gebäude als Jugendherberge genutzt. Und dann – nichts mehr. Keiner wollte das immer baufälliger werdende Haus haben. Bis die Runges 1975 kamen.

Das Potenzial erkannt

„Da kann man was draus machen“, erinnert sich Doris Runge an ihren Gedanken bei der ersten Begegnung mit dem Haus, das ihr nun schon seit über 40 Jahren Heimat und Inspiration ist. „Allerdings brauchte es damals“, wie sie rückblickend feststellt, „schon sehr viel Fantasie, um unter dem Bauschutt, in den kleinen Räumen mit zerbrochenen Fensterscheiben, inmitten kaputter Kinderklos und -waschbecken das Potenzial des Hauses zu erkennen.“

Als 1981 Schleswig-Holsteins damaliger Kultusminister Dr. Peter Bendixen den Beginn einer gründlichen Restaurierung der Klosteranlage ankündigte und ein Nutzungskonzept für die Räume vorlegte, war die erste große Renovierung des „Weißen Hauses“ bereits abgeschlossen. Aus kleinen Amtsstuben waren weite und offene, immer lichtdurchflutete Räume geworden. Sie wurden in den Folgejahren als Galerie und Atelier genutzt, später dann als Wohnstatt und Refugium für Doris Runge und ihren zweiten Mann Reiner Binkowski sowie als Dichterturm für die inzwischen zur renommierten Lyrikerin avancierte Hausherrin.

Literaturverein 1993 gegründet

Als sich 1992 erneut die Frage nach der Nutzung des Untergeschosses stellte, lag es nahe, dem Wort die Herrschaft über das Haus wiederzugeben. Die Poetin und ihr Mann mieteten das gesamte Gebäude von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, scharten eine Gruppe von Literaturfreunden um sich, gründeten 1993 den „Verein Literatur im Weißen Haus“ und gaben im Erdgeschoss der Literatur eine neue Heimat.

Inzwischen haben sich bald 300 Mal die Türen des „Weißen Hauses“ für die Autorinnen und Autoren und das Publikum geöffnet. „Das alte Amtsschreiberhaus steht für gelebte Literatur“, hat Ministerpräsident Daniel Günther 2018 zum 25. Geburtstag des Vereins gesagt. Dazu gehört besonders die Wohlfühl-Atmosphäre. Ob in den mit Blumen geschmückten Veranstaltungsräumen, in der gemütlichen Landhaus-Küche oder im Garten – der Zauber des Hauses ist allgegenwärtig.

Küche bietet wohlige Wärme

„Selbst dann, wenn im Winter die alte Heizung nicht genug Kraft hat, das alte Haus zu erwärmen, und wir uns in dicke Jacken verpackt und mit Stiefeln um den Ofen in der Küche versammeln“, sagt Reiner Binkowski und lacht. Das habe dann schon Ähnlichkeit mit dem armen Poeten auf dem gleichnamigen Spitzweg-Bild. Und Doris Runge fügt hinzu: „Eine so alte Schönheit wie das ,Weiße Haus’ hat eben auch ihre Zipperlein.“

Die nächsten Termine des Literaturvereins

Das literarische Jahr 2019 im „Weißen Haus“ in Cismar eröffnet der Literaturwissenschaftler und Historiker Iwan Michelangelo D’Aprile am Donnerstag, 28. März, um 19.30 Uhr mit einer Hommage an Theodor Fontane. Diese Veranstaltung ist allerdings bereits ausgebucht. Am 25. April ist dann Ursula Krechel mit „Geisterbahn“ zu Gast, am 25. Mai gestaltet Anna Haentjens einen musikalischen Mascha-Valekó-Abend. Im Rahmen des Literatursommers mit Schwerpunkt Norwegen wird am 29. Juli Tomas Espedal in Cismar begrüßt.

Die Geschichte des Hauses, obwohl viel später und in einem anderen Stil erbaut, war immer eng verknüpft mit der Geschichte des Klosters. Kein Wunder, denn es steht, obwohl von weltlicher Macht errichtet, nach wie vor auf klösterlichem Boden. Für das Amtsschreiberhaus war nämlich das westliche Klostergebäude abgerissen worden.

Louis Gäbler

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