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Ostholstein Der Anwalt, der die Mutter aus Lensahn verteidigte
Lokales Ostholstein Der Anwalt, der die Mutter aus Lensahn verteidigte
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07:59 09.12.2019
Die beiden Verteidiger der angeklagten Mutter aus Lensahn: Tim Brühland, Fachanwalt für Straf- und Steuerrecht aus Wuppertal (links) und der Lübecker Strafverteidiger Frank-Eckhard Brand. Quelle: Susanne Peyronnet
Lübeck/Lensahn

7000 Seiten Akten, 43 Zeugen, sechs Sachverständige und ein Vorwurf, der verästelter kaum sein könnte: Der Prozess gegen eine Mutter aus Lensahn sei vom Volumen her ein außergewöhnliches Verfahren gewesen, sagt Verteidiger Frank-Eckhard Brand. Es ist noch nicht zu Ende, das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Verteidigung ficht das Urteil an

Wie angekündigt, hat Brand Revision eingelegt, die er demnächst begründen muss und über die der Bundesgerichtshof entscheiden wird. Die Staatsanwaltschaft hat nach Angaben von Oberstaatsanwältin Ulla Hingst auf eine Revision verzichtet. Die Anklage hatte zehn Jahre Haft gefordert, das Gericht acht Jahre verhängt.

Der 55-jährige Brand ist seit 1996 Anwalt in Lübeck und Pflichtverteidiger der Mutter. Ein Mandat, das ihm erst zwei Wochen vor Prozessbeginn zugeteilt wurde und das ein professionelles Aktenstudium erforderte. „Man stoppt die Bearbeitung aller anderen Vorgänge und konzentriert sich nur darauf“, sagt Brand und fügt hinzu: „Als Anwalt arbeitet man nicht nur in der Kernarbeitszeit.“

Keine Angaben zur Mandantin aus Lensahn

Vor allem aber habe ein Anwalt eine Verschwiegenheitspflicht was seine Mandanten angeht. Er darf nichts von dem ausplaudern, was ihm der oder die Angeklagte anvertraut hat. Geheimnisbruch ist strafbar, wer sollte das besser wissen als ein Strafverteidiger? Und deshalb blockt Brand Fragen dazu, wie der Umgang mit der Mutter aus Lensahn war, kategorisch ab. „Zur Zusammenarbeit mit meiner Mandantin kann ich nichts sagen.“

Sagen kann er sehr wohl etwas dazu, wie der ideale Mandant eines Strafverteidigers sein sollte. „Er liefert einem das, was man benötigt, um die von der Staatsanwaltschaft ermittelten Tatsachen zu widerlegen und um das fundiert vortragen zu können.“ Und genau das ist manchmal das Problem. Weniger gut sei es, wenn der Mandant es der Fleißarbeit seines Anwalts überlasse, das hervorzuzaubern, was für die Verfahrensstrategie gebraucht werde.

Gedanken bis in den Feierabend

Das Verfahren gegen die Mutter hatte seine Besonderheiten. Große Medienpräsenz, aber das ist Brand von anderen spektakulären Verfahren gewöhnt. Vor allem aber die Dimension des Vorwurfs. Die Mutter aus Lensahn soll vier ihrer fünf Kinder in den Rollstuhl gezwungen, als krank ausgegeben und von Sozialkassen dafür Geld bekommen haben. „Was das Verfahren besonders gemacht hat, war, dass es eine Familientragödie ist“, sagt Brand. So ein Verfahren bleibe nicht ohne Spuren, weil man sich auch nach Feierabend gedanklich damit beschäftige.

Manchmal sind es sehr unappetitliche Dinge, mit denen ein Strafverteidiger konfrontiert wird. Er muss Mörder, Kinderschänder und Vergewaltiger verteidigen. Aber: „Selbst bei den widerwärtigsten Dingen sitzt einem ein Mensch gegenüber.“ Mit all dem Schlimmen, dem Schmutz und den menschlichen Absurditäten, die einem Strafjuristen auf den Tisch kommen, muss man umgehen können.

Einige seiner größten Fälle

Litauen-Verfahren: Achteinhalb Monate verhandelte das Kieler Landgericht, dann verurteilte es elf Angeklagte aus Litauen wegen Überfällen, unter anderem auf ein Kieler Pfandleihhaus und auf Juweliere in Düsseldorf und München.

Brand in der Engelsgrube: „Paloma II“ hieß die Pizzeria in der Lübecker Engelsgrube, die im Dezember 1995 nach einer Explosion nachts in Flammen aufging. In den Etagen darüber schliefen Menschen, von denen zwei starben und zwölf verletzt wurden, etliche davon lebensgefährlich. Der Wirt wurde zunächst wegen Doppelmordes und Brandstiftung zu lebenslanger Haft verurteilt, das Urteil aber später wegen neuer Tatsachen wieder aufgehoben. In einem zweiten Verfahren erhielt der Mann viereinhalb Jahre Haft, unter anderem wegen fahrlässiger Brandstiftung und fahrlässiger Körperverletzung.

Hamberger Autobahn-Morde: Auf dem Hof Hohenleuchte werden am Ostersonnabend 1998 zwei Leichen entdeckt. Die beiden Litauer Autohändler und ein dritter, der sich schwer verletzt auf einen Rastplatz schleppte, sollen Opfer von Igor B. und zwei Komplizen geworden sein. Igor B. und einer seiner Komplizen wurden zu 15 Jahren und sieben Jahren Haft verurteilt, der dritte Mann freigesprochen.

Totschlag auf offener Straße: Gut 20 Jahre später sitzt Igor B. wieder auf der Anklagebank. Er soll in Lübeck einen Mann, ein Zufallsopfer, auf offener Straße erschlagen haben. Seine Vorgeschichte wird wiederaufgerollt.

Totschlag mit Geflügelschere: Ein 30-jähriger Lübecker tötet seine Mutter mit einer Geflügelschere und verletzt seine Großmutter schwer. Er wird zunächst wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf Antrag von Frank-Eckhard Brand und seinem Kollegen Ralf Wassermeyer auf. Sie hatten die Nebenklage vertreten.

Steuerberater erschießt Finanzbeamten: Lang andauernde Spannungen zwischen einem Steuerberater und einen Abteilungsleiter des Rendsburger Finanzamtes eskalieren 2014. Der Steuerberater erschießt den Beamten.

Es sind psychopathologische Erscheinungen, die einem Verteidiger begegnen, sagt Brand. Die Frau, die ihre Schwangerschaft nicht wahrnimmt und ihr Kind tötet. Ein Fall, der sich 2006 in Eutin ereignete. Oder der Mann, der sich vor Mikrowellen fürchtete und deshalb in einem Bus in Lübeck-Kücknitz Fahrgäste angriff. Menschen, die andere überfallen, weil sie, so Brand, „völlig abgedreht“ sind. „Darauf ist man durch das Studium nicht vorbereitet.“

Brand: Gespräche mit Kollegen helfen

Das alles will erst einmal weggesteckt werden. „Für die Psychohygiene gibt es Gespräche mit Kollegen. Oder Freizeitaktivitäten, die einen davon abhalten, über manche Dinge nachzudenken.“ Es gelte stets aufzupassen, dass diese Dinge nicht ins Privatleben durchschlagen. „Da hat jeder seine Strategien. Ich finde, reden hilft“, sagt Brand. Sollte das, was ein Strafverteidiger zu hören bekommt, zu belastend sein, müsse er sich professionelle Hilfe holen.

Auch ein Gegengewicht zum Verteidigerjob: Frank-Eckhard Brand (Mitte) ist Reserveoffizier der Bundeswehr, hier bei seiner Beförderung zum Oberst der Reserve. Quelle: Susanne Peyronnet

Im Fall der Mutter aus Lensahn endete das Verfahren – vorerst – mit einem Schuldspruch und einer Haftstrafe von acht Jahren. Brand sieht sich nicht als Verlierer. Denn: „Ein Freispruch ist nicht immer das Ziel, das Ziel ist das, was möglich ist. Das kann eine Strafe sein, mit der der Angeklagte noch gut bedient ist.“ Anders als in den USA gebe es in Deutschland keinen Parteienprozess mit Siegern und Verlierern. „Wir sind ein Organ der Rechtspflege“, definiert Brand die Rolle der Verteidigung.

Das sind die Grenzen des Verteidigers

Als solches versteht er sich – als nichts sonst. Dort liegen seine Grenzen, wen er verteidigt und wen nicht. „Ich habe immer ein Problem, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die einen als Verteidiger für ihre Sache instrumentalisieren wollen.“ So könne er nicht objektiv Täter vertreten, die Delikte mit ausländerfeindlichem Hintergrund begangen haben. Brand präzisiert, er habe ein Problem damit, wenn der rechtsradikale Hintergrund zur Strategie der Verteidigung erhoben werde. Der Transport von Ideologien gehe über die Vertretung des Angeklagten hinaus. Ebenfalls nicht vertreten könne er Mandanten, die der Auffassung seien, dass sie sich einen Verteidiger gekauft hätten.

Alles Punkte, die auf den Prozess gegen die Mutter aus Lensahn nicht zutrafen. Auch wenn das Verfahren wegen seiner Größe und Bedeutung ein besonderes war, gilt für Brand stets: „In erster Linie macht man einen Job, nämlich den, die Interessen des Angeklagten zu vertreten.“

Berichte über den Prozess gegen die Mutter und seine Folgen

Der Prozess um die Ostholsteiner Mutter, die ihre Kinder in den Rollstuhl gezwungen haben soll, ist Dauerthema. Hier gibt es einen Überblick:

Der Prozessbeginn: So lief der erste Tag vor dem Lübecker Landgericht.

Für Aufregung sorgte die Nachricht, dass einige der Kinder noch bei der Mutter leben. Warum das Jugendamt dies nicht verhindern konnte, steht hier.

Lehrkräfte und Schulbegleiter haben ausgesagt: Die Mutter geriet bereits 2014 ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Am dritten Prozesstag sagte der medizinische Gutachter aus: Keine krankhaften Befunde.

Die Odyssee der Kinder nach der Inobhutnahme ist hier beschrieben.

Alles, was am Anfang bekannt ist, ist hier zusammengefasst.

Kommentar zum Prozess: Kinder dürfen nicht zum zweiten Mal zu Opfern werden

Welche merkwürdigen Randnotizen es bei dem Prozess gibt, lesen Sie hier.

Drohungen und Manipulation? Zeugen berichten vom Schreckensregime der Mutter

Zeugen belasten Mutter schwer: Kinder wurden gedemütigt.

Am sechsten Verhandlungstag zeigt die Mutter zum ersten Mal Emotionen.

Gutachten wird mit Spannung erwartet: Wie tickt die Mutter?

Am 7. Verhandlungstag nennt eine Expertin die Mutter mitleidslos.

Warum das Jugendamt jetzt nicht reagiert.

Am 8. Verhandlungstag wurde ein interessanter Zeuge gehört.

In ihrem Plädoyer forderte die Anklage eine hohe Haftstrafe.

Das Urteil: Die Angeklagte muss acht Jahre in Haft.

So sieht unsere Kommentatorin das Urteil.

Nach dem Urteil: Wer hilft den Kindern?

So hat die Mutter die Sozialkassen geschröpft.

Von Susanne Peyronnet

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