Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Der Weg zur Klinik war zu weit: Baby kommt auf der A1 zur Welt
Lokales Ostholstein Der Weg zur Klinik war zu weit: Baby kommt auf der A1 zur Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:37 30.08.2014
Vaterfreude: René Scheffs mit Annabelle Julyette. Quelle: Tabea Scheffs
Fehmarn/Lübeck

Die 31-Jährige war auf dem Weg von Fehmarn zur Geburtshilfestation der Universitätsklinik Lübeck. Doch die rund 90 Kilometer lange Strecke war für sie zu weit: Kurz vor der Anschlussstelle Lübeck-Zentrum musste der Rettungswagen auf dem Standstreifen halten. Die für die Fehmaranerin bisher nähere Geburtshilfestation in Oldenburg (Ostholstein) war im August geschlossen worden.

Mehr lesen: Annabelle Julyette: Geboren auf der A 1

„Das Baby musste raus“, sagt die Mutter Tabea Scheffs, „es ging nicht mehr.“ Polizei und Feuerwehr sperrten die rechte der drei Fahrspuren für etwa eine halbe Stunde. Die Geburt selbst verlief ohne Komplikationen. Allerdings musste das Baby aufgrund von niedrigen Zuckerwerten von einem weiteren Rettungswagen in die Kinderklinik des UKSH Lübeck gebracht werden. Mutter und Kind haben die Geburt gut überstanden.

Ihr zweites Kind entband die dreifache Mutter vor einem Jahr in der Geburtshilfestation in Oldenburg. „Wir wollten eigentlich wieder nach Oldenburg. Aber die Geburtshilfestation gibt es ja leider nicht mehr“, bedauert Scheffs. Seit dem 1. August ist die Geburtshilfe an der Sana-Klinik in Oldenburg geschlossen. Für Schwangere in Ostholstein ist nun die Klinik in Eutin zuständig – und das bedeutet, dass besonders für Frauen aus dem Norden Ostholsteins die Wege weiter werden. „Ob Eutin oder Lübeck: die Strecke ist ungefähr gleich weit“, sagt René Scheffs, Vater des Babys. Das Ehepaar habe lange gehofft, dass der Schließungstermin der Geburtshilfe in Oldenburg noch verschoben wird. Aus Verärgerung habe das Ehepaar sich für die Uniklinik Lübeck als Geburtsort ihrer Tochter entschieden – und gegen die Sana-Klinik in Eutin.

„Ich sehe mit großer Sorge, dass immer weniger Kliniken Geburtshilfe anbieten“, kritisiert die CDU-Landtagsabgeordnete Katja Rathje-Hoffmann, „es ist bedauerlich, dass solche Stationen immer mehr unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet werden.“ Oldenburg werde nicht die letzte Station im Land sein, die schließt. Die CDU-Abgeordnete sieht die Politik in der Pflicht, die Entwicklung zu stoppen. Eine flächendeckende Versorgung des Landes müsse schnell sichergestellt werden. Fehmarn liege „einen Tick jenseits der Zumutbarkeit für Schwangere“.

Erst kürzlich hatte es eine 34-Jährige Camping-Urlauberin nicht bis in die nächste Entbindungsstation nach Eutin geschafft. Sie musste ihr Kind auf einem Rastplatz bei Heiligenhafen zur Welt bringen. Ein „Boarding“-Haus, wo werdende Mütter sicherheitshalber schon zwei Wochen vor dem erwarteten Entbindungstermin untergebracht werden können (zum Beispiel in Eutin), ist laut Anita Klahn (FDP) für die wenigsten Frauen eine wirkliche Lösung. „Ohne ordentliche Schwangeren-Versorgung machen wir das Land für junge Menschen uninteressant.“ Gute medizinische Versorgung sei ein wichtiger Standortfaktor.

Von Hannes Lintschnig und Curd Tönnemann

So viele Babys werden im Rettungswagen geboren

15 Geburten jährlich im Einzugsbereich des UKSH finden nach Angaben von Achim Rody, Klinikdirektor der Lübecker Uni-Frauenklinik, in Rettungswagen statt. Die Gründe dafür seien unterschiedlich. Insgesamt werden jährlich in der Geburtshilfe-Station der Uniklinik 1500 Kinder geboren.
Laut eines Berichtes der Landesregierung zur Situation der Geburtshilfe sind Maßnahmen für eine sichere Versorgung geplant, wenn die Wege für werdende Mütter zu weit werden. Dazu zählen unter anderem Schulungsmaßnahmen zur geburtshilflichen Notfällen für Rettungskräfte.