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Ostholstein „Derzeit gibt es eine regelrechte Abmahnwelle“
Lokales Ostholstein „Derzeit gibt es eine regelrechte Abmahnwelle“
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11:01 20.01.2014
Berit Ambrosius schätzt an ihrem Ehrenamt auch das Unerwartete: „Das Interessante ist ja, dass wir nicht wissen, was als Nächstes kommt“, sagt die Anwältin über die kostenlose Rechtsberatung. Quelle: latz
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Timmendorfer Strand

Lübecker Nachrichten: Kostenlose Rechtsberatung — das ist ja eine tolle Sache. Ich gehe dorthin und spare mir den Anwalt.

Berit Ambrosius: Ja, manchmal kommen tatsächlich Leute, die sich auch einen Anwalt nehmen und diesen bezahlen könnten. Aber der überwiegende Teil der Menschen weiß unser Angebot zu schätzen und nutzt es nicht aus.

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LN: Wer kommt denn in die Sprechstunde?

Berit Ambrosius: Eigentlich jeder, das ist ein Querschnitt aus der Bevölkerung — Handwerker, Hausfrauen, Rentner, Arbeitslose, aber auch Geschäftsleute. Meist sind es aber sozial schwächere Menschen, die meinen, dass sie sich einen Anwalt nicht leisten können. Oder es besteht eine gewisse Angstschwelle, überhaupt zu einem Anwalt zu gehen, weil man sich nicht streiten will. Auf unser Angebot kann man dann lockerer zugehen.

LN: Wie groß ist der Andrang in der Sprechstunde?

Berit Ambrosius: Seit eineinhalb Jahren wird die Rechtsberatung sehr gut angenommen, fünf bis acht Besucher haben wir im Schnitt — und wir sind auch meist länger dort als eine Stunde. Wir schicken niemanden unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

LN: Gibt es denn ein Zeitlimit für ein Beratungsgespräch?

Berit Ambrosius: Nein, man kann ja nicht vorhersehen, um welches Rechtsgebiet es geht. Bei komplexeren Problemen müssen wir auch mal den Schriftverkehr wenigstens quer lesen, das dauert eben einen Moment. Die meisten Sachen können wir aber schnell klären.

LN: Welche Fälle sind am häufigsten?

Berit Ambrosius: Oft geht es ums Sozialrecht — um fehlerhafte Hartz-IV-Bescheide etwa, um Wohngeld-Berechnungen oder um Forderungen des Sozialamtes, man solle für Angehörige zahlen, die pflegebedürftig sind. Viele Miet-Sachen sind dabei, Fragen zum Erbrecht — und gerade in den vergangenen Monaten geht nach meinem Eindruck eine regelrechte Abmahnwelle im Zusammenhang mit dem sogenannten Filesharing auch durch einen kleinen Ort wie Timmendorfer Strand.

LN: Was genau wird dabei abgemahnt?

Berit Ambrosius: Es geht um das Teilen von Inhalten aus dem Internet. Einige große Kanzleien haben sich darauf spezialisiert, sie vertreten große Filmverleih-Firmen oder Musikkonzerne. Die Leute bekommen dann Post, in der steht, sie hätten sich nicht nur einen Film per Internet angesehen oder ein Musikstück gehört — sondern das in einer Tauschbörse auch anderen zur Nutzung angeboten.

Damit seien Urheberrechte verletzt worden, und es wird Schadenersatz gefordert, und zwar in beträchtlicher Höhe. Die Summen liegen meiner Erfahrung nach zwischen 800 und 3500 Euro.

LN: Wie sollte man denn auf eine solche Forderung oder Abmahnung reagieren?

Berit Ambrosius: Jeder Fall muss einzeln geprüft werden. Manchmal bekommen Leute solche Post, die einen Computer gar nicht bedienen können, die gar nicht wissen, was eine Internet-Tauschbörse ist — oder die zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht zu Hause waren. Grundsätzlich gilt: nicht sofort bezahlen — und nicht sofort unterschreiben. Die Forderungen sind nämlich meist mit einer Unterlassungserklärung verknüpft, und wenn die unterschrieben wird, ist das wie ein Schuldeingeständnis.

LN: Wie schätzen Sie generell diese Abmahnungen ein?

Berit Ambrosius: Die meisten sind eher unberechtigt, vor allem in der jeweiligen Höhe. Ich habe schon deutliche Reduzierungen erreicht — oder dass die Betroffenen gar nichts zahlen mussten.

Manchmal klicken ja auch Teenager irgendetwas an, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, und es gibt Urteile, nach denen bei Minderjährigen die Haftung der Eltern ausgeschlossen wird.

LN: Wie kommen die Kanzleien überhaupt an die Adressen der Betroffenen?

Berit Ambrosius: Über die IP-Adressen, also über die Anschlüsse der Computer. Das ist aber ebenfalls eine große Fehlerquelle, deshalb überprüfen wir auch immer, ob überhaupt die korrekte Adresse ausfindig gemacht wurde.

LN: Werden Sie auch mit Straftaten konfrontiert?

Berit Ambrosius: Sehr selten. Dass einer der Ratsuchenden eine wirklich schwere Straftat begangen hat, habe ich noch nie erlebt. Wenn überhaupt, geht es um Kleinigkeiten, eher unbedeutende Delikte.

LN: Nutzen Sie die kostenlose Rechtsberatung auch, um zahlende Mandanten zu gewinnen?

Berit Ambrosius: Es ist nicht so, dass wir aus jedem Donnerstag eine Schar neuer Mandanten mitnehmen. Aber natürlich freuen wir uns, wenn jemand mit der Beratung zufrieden war und uns weiterempfiehlt.

LN: Warum bieten Sie überhaupt kostenlose Rechtsberatung an?

Berit Ambrosius: Es macht großen Spaß, sich in kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Gebieten zu befassen. Das Interessante ist ja, dass wir nicht wissen, was als Nächstes kommt. Und da in Timmendorfer Strand generell das Ehrenamt stark gefördert wird, fragt man sich selbst eben auch: Wie und wo kann ich mithelfen?

Interview: Sabine Latzel

Vortrag in Glasau
„Gefahren im Internet“ lautet der Titel eines Vortrages, zu dem die Präventionsstelle der Kripo und der Veranstalter „Glasau-Kreativ“ für Donnerstag, 23. Januar, einladen. Ab 19.30
Uhr geht es in der Alten Schule in Glasau um Gefahren in sozialen Netzwerken und beim Herunterladen von Dateien und E-Mail-Anhängen sowie generell um Sicherheitslücken bei Datenübertragungen. Der Eintritt ist frei, um Anmeldungen unter der Adresse www.glasau.info wird gebeten.
Angebote im Kreis
Berit Ambrosius, Rechtsanwältin mit Kanzlei in Timmendorfer Strand, betreut zusammen mit der Rechtsanwältin Hildegard Przybyla die kostenlose Rechtsberatung in der Gemeinde. Immer donnerstags von 16 bis 17 Uhr steht eine der beiden Ehrenamtlerinnen in Zimmer 41 des Rathauses (Strandallee 42) für Erstberatungen zur Verfügung. Termine können nicht vereinbart werden. Sollte sich nach der kostenlosen Rechtsberatung eine sogenannte Mandatsbetreuung anschließen, trägt der Ratsuchende die Kosten selbst.


Das Angebot an kostenlosen Rechtsberatungen im Kreis Ostholstein ist insgesamt eher mau. Weitere Angebote dieser Art gibt es nur in Scharbeutz (jeweils am ersten Donnerstag im Monat von 16 bis 18 Uhr im Bürgerhaus, Haus A, Zimmer 203) und in Stockelsdorf (montags von 16.30 bis 17.30 Uhr, Rathaus, Ahrensböker Straße 7).

LN