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Ostholstein Die Dolmetscherin
Lokales Ostholstein Die Dolmetscherin
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21:15 17.10.2013
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Neustadt

Eine Frau liegt auf dem Boden. Sie hat Herzrhythmus-Störungen, ist schwerhörig und nicht ansprechbar. Ihr Mann steht hilflos daneben. Er versteht nicht, was der Notarzt ruft, nicht, was der Sanitäter sagt. Er ist gehörlos. Daniela Szczuka beobachtet die Situation. „Es war schlimm. Wir konnten uns nicht verständigen, nicht erklären, in welches Krankenhaus seine Frau kommt“, erinnert sie sich. Das Erlebte ist zwölf Jahre her. Damals absolvierte die Frau aus Schashagen ihre Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Heute arbeitet sie als Gebärdensprach-Dolmetscherin.

Sie ist die einzige in Ostholstein und sie wird bundesweit engagiert. Erst vergangene Woche dolmetschte sie im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. „Ich begleite Gehörlose zu Arztbesuchen und bei Behördengängen, gehe mit zur Berufsschule, begleite sie zum Vorstellungsgespräch und zu Elternabenden“, listet die 35-Jährige ihre möglichen Einsätze auf. Manchmal dolmetscht sie auch in ihrem Neustädter Büro vor einer Kamera. „Ich übersetze zum Beispiel für den bayerischen Landtag. Ich höre die Redebeiträge und werde dann per Internet-Stream in den Sitzungssaal übertragen“, erklärt Daniela Szczuka.

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Nach dem Drama um den gehörlosen Angehörigen und seine Frau besucht Szczuka einen VHS-Kursus und lernt die ersten Gebärden. „Ich bin nicht gut im Lernen von Fremdsprachen. Aber diese Sprache zu lernen war leicht“, sagt die Dolmetscherin. Schnell habe sie sich gelangweilt, fühlte sich unterfordert. „Ich habe den Kontakt zu Gehörlosen gesucht, bin bei einer Sportgruppe gelandet. Die haben sich Zeit genommen, mir viel erklärt. Man redet unheimlich viel mit den Händen“, so Szczuka.

Es folgt eine Ausbildung zur Dolmetscherin in Nürnberg. Sie lernt, dass sie sich neutral verhalten muss, schweigepflichtig ist. Nach 1,5 Jahren bricht sie die Ausbildung ab. Heute sagt sie: „Es war zu weit weg und mir ging das Geld aus. Ich habe parallel eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht.“

Den Wendepunkt erlebt sie 2009. „Ich habe mit einer Kollegin in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet. Sie hat mich dann zur Prüfung getrieben.“ Seit November 2011 ist sie staatlich geprüfte Gebärdensprach-Dolmetscherin.

Wenn Daniela Szczuka über ihre Arbeit redet, spricht sie von Muttersprachlern, von Dialekten und von singenden Gehörlosen. „Ja, Gebärdensprache ist eine Sprache. Eine Sprache, die sich eigenständig entwickelt hat. Jedes Land hat ihre eigene“, erklärt sie.

Grundlage ist die Visualität, das Fingeralphabet wird zur Hilfe eingesetzt. „Das benötigt man für Fremdwörter, Fachvokabular, Abkürzungen und Namen“, sagt sie. Doch die Sprache ist viel mehr als Finger, die Buchstaben bilden. „Sie ist bildlicher. Würde ich nur buchstabieren, könnte ich nicht dolmetschen, da ich viel langsamer als der Redner wäre.“ Gebärdensprache habe viel mit Mimik und Körperhaltung zu tun. „Ich stelle Sachen in den Raum. Das Wort ,sein‘ ist überflüssig — eigentlich auch in der Lautsprache“, so die freiberufliche Dolmetscherin.

Nicht überflüssig, sondern dringend erwünscht ist laut Szczuka eine bessere Infrastruktur für Gehörlose. „Ostholstein ist gebärderisches Niemandsland. Ich würde mir Seminare für Leute im Amt und Tourismus wünschen. So könnten Barrieren abgebaut werden.“

Tausende Gehörlose
Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) offiziell als Sprache anerkannt. Gehörlose haben nach der Sozialgesetzgebung zumindest in einigen Situationen wie bei Ämter- und Arztbesuchen einen Rechtsanspruch auf Kostenerstattung. Das erhöht bundesweit die Nachfrage nach Dolmetschern.
80 000 Gehörlose leben etwa in Deutschland, in Ostholstein sind es rund 50. Nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes gibt es etwa 16 Millionen Schwerhörige. Rund 140 000 davon haben einen Grad der Behinderung von mehr als 70 Prozent und sind auf Dolmetscher angewiesen.
Was bedeuten diese Gebärden — hätten Sie es erraten?
Arme angewinkelt, die Finger zusammen, so halten viele die LN und so sieht die Gebärde für das Wort „Zeitung“ (Foto links) aus. Der „Fisch“ — gleich daneben — ist in Bewegung leichter zu erkennen. Die Hand wellt sich. Die Gebärden auf den Fotos rechts bilden „Neustadt“. Es ist zu sehen, wie etwas Neues entsteht (nach oben wächst) und wie Häuser (eine Stadt) auf dem Boden stehen.

Sebastian Rosenkötter

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