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Ostholstein Die Geschichte vom rollenden Mittagstisch
Lokales Ostholstein Die Geschichte vom rollenden Mittagstisch
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21:10 08.03.2013
Von Peter Mantik
In der Küche des Awo-Hauses am Mühlenteich werden die Gerichte von Hand verpackt. Slawomir Klippstein-Balcarek (v. l.), Simone Hehling- Guttschuss und Sven Hübner kochen, verpacken und sortieren. Quelle: Fotos: Peter Mantik
Lensahn

Für viele Menschen in unserer Region stellen die Kurzbesuche von Ute Estermann und ihrem Awo-Team den einzigen Kontakt des Tages zur Außenwelt dar. Sieben Tage in der Woche an 52 Wochen im Jahr sind sie unterwegs, die rollenden Mittagstische — und das seit 33 Jahren. Die Lensahner Erfolgsgeschichte mit Essen auf Rädern ist einzigartig im Kreis Ostholstein und ein Paradebeispiel für soziales Engagement.

Ob bettlägrige Dame, rüstiger Senior, der seine an Demenz erkrankte Frau seit vielen Jahren rührend versorgt oder aber auch das Ehepaar von nebenan, das sich aus finanzieller Not eine Mahlzeit teilt:

Essen auf Rädern ist eine Begegnung von Mensch zu Mensch — und nicht selten treffen Estermann und ihre Mitstreiter auf persönliche Schicksale, die sie berühren. Estermann zeichnet auch ein Bild der Einsamkeit inmitten unserer Gesellschaft. „Für viele Bürger sind unsere Stippvisite der einzige Kontakt zur Außenwelt. Viele Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr.“ Gerade die dunklen Monaten seien bedrückend. Daher ist Estermann dankbar für jeden Sonnenstrahl. „Man merkt das sofort an der Tür, wenn da auf einmal Depression der Hoffnung weicht.“ Sie gibt auch zu, dass oft Angst und Sorge ihre Beifahrer sind. Im Laufe der Jahre fanden Fahrer zwei verstorbene Kunden in ihren Häusern. Vor kurzem war es eine ältere Dame, die unter einem Zuckerschock stand und sich kaum regte, als einer von insgesamt sechs Fahrern, die sich abwechseln, mit dem Essen vor der Tür stand.

Gestern Vormittag unterwegs im Amt Lensahn. Ute Estermann sitzt hinter dem Steuer des weißen Neuwagens. Im Heck des Fahrzeuges stapeln sich Styropor-Pakete mit warmen Mahlzeiten. Ihre Tour führt sie über Lensahn nach Beschendorf, Manhagen und Harmsdorf. Zwischen 11 und 12.15 Uhr wird sie Essen an zirka 35 Haushalte und zwei Kindergärten verteilen. Parallel zu ihr ist das zweite Awo- Fahrzeug auf der Strecke in Richtung Riepsdorf. Sogar die Gemeinde Grube, dort auch die Kids der Grundschule und die Jüngsten im Kindergarten, wird mittlerweile aus Lensahn versorgt. Während sich andernorts das Modell auf vier Rädern wirtschaftlich nicht mehr rechnet, gehen immer mehr Anfragen aus der Region wie aus Neustadt bei der Awo in Lensahn ein. Ein regionaler Boom als Spiegelbild unserer Gesellschaft. Der Bedarf ist groß. Bald werden 500 000 Mahlzeiten seit dem 5. Juni 1979, der ersten Lieferung aus Lensahn, gereicht worden sein.

In Manhagen öffnet Walter Hagen die Tür. „Ach Ute, wie schön, dass du da bist“, sagt der 85-Jährige und fügt mit einem Augenzwinkern an: „Sie ist die wichtigste Person, schließlich versorgt sie mich.“ Besonders imponiert habe ihn, dass sogar Estermanns Mutter mit ihren mehr als 70 Lenzen manchmal noch aushilft und sogar mit dem Rad „rumkommt“. Dies ist nur eine von vielen auch heiteren Anekdoten. Ein weitere liegt drei Jahre zurück, als im Winter tagelang die Straßen vereist waren und der Awo-Pkw nicht von der Stelle kam. Estermann erinnert sich: „Was sollten wir tun? Wir mussten doch die Menschen versorgen. Wir hatten Glück, dass die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr mit ihren Fahrzeugen aushalfen. Das war eine tolle Erfahrung für alle Seiten.“ In der Not rücken die Menschen zusammen. Und nicht selten sind ein paar Worte an der Türschwelle noch wichtiger als die Mahlzeit. „Wir haben dank des zweiten Fahrzeugs mehr Zeit für unsere Kunden“, sagt Estermann. „Früher waren wir bis 13.30 Uhr auf der Schleife. Das war eine richtige Hetze. Viele Senioren stehen ja früh morgens auf und wollen daher rechtzeitig Mittagessen.“

Essen auf Rädern ist in Lensahn etabliert, ist eine Konstante der Gesellschaft. Vielleicht auch, weil sich Estermann und Mitstreiter auf die Anfänge im Jahr 1979 mit einem Startkapital von 2500 D-Mark besinnen. Es geht ihnen um die Sache. Der Mittagstisch rollt weiter — von Mensch zu Mensch.

• Infos unter www.awo-lensahn.de

Von England nach Berlin-Kreuzberg
Geschichte: Vorreiter waren Engländerinnen einer Wohlfahrtsorganisation, die 1947 begannen, Essen für pflegebedürftige Menschen in die Haushalte zu bringen.

Den rollenden Mittagstisch gibt es in Deutschland seit den 60er Jahren. 1961 wurden in Berlin-Kreuzberg 30 Rentner mit warmen Mahlzeiten für 20 Pfennige versorgt. Essen auf Rädern wird heute in Deutschland flächendeckend von sozialen Einrichtungen, Wohlfahrtsverbänden, Hilfsorganisationen und Privatanbietern organisiert. Zirka 350 000 Menschen werden bundesweit mobil verköstigt.

Peter Mantik

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