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Ostholstein Ohne ihn läuft in der Kirche wenig
Lokales Ostholstein Ohne ihn läuft in der Kirche wenig
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08:00 25.12.2019
Neven Bäker zieht regelmäßig die große Turmuhr auf. Er muss die Gewichte im Hintergrund mit der Kurbel in die Höhe hieven. Quelle: Susanne Peyronnet
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Grömitz

Neven Bäker ist ein wandelnder Terminkalender. Er hat jede Veranstaltung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Grömitz im Kopf. Aber er tut noch viel mehr. Er sorgt dafür, dass in der Gemeinde die Zeit nicht stehen bleibt. Wörtlich und im übertragenen Sinn.

Der 31-Jährige ist seit elf Jahren Hilfsküster in der Kirchengemeinde. Das ist an sich nichts Besonderes. Das Außergewöhnliche an Neven Bäker, den alle nur liebevoll und wertschätzend Neven nennen, ist, dass er als Mensch mit einer geistigen Behinderung einen Vollzeitjob hat. Einen, der ihm viel Spaß macht, aber auch allen Menschen seiner Umgebung.

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Arbeiten nah an der Gemeinschaft

Das Arbeitsverhältnis von Bäker nennt sich im sperrigen Fachdeutsch „Gemeindenaher Arbeitsplatz“ und fällt unter die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, für die „Die Ostholsteiner“ auch stehen. „Gemeindenah“ hat nichts mit einer Gemeinde zu tun, auch wenn es hier so ist und klingt, sondern mit „nah an der Gemeinschaft“. Kreisweit gibt es derzeit 80 solche „gemeindenahen“ Einzelarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung.

Hier sind die Ostholsteiner aktiv

Mitarbeiter sollen sich entwickeln

Seit Jahren kümmert sich Arbeitsbegleiterin Annika Hoyer um Neven Bäker und begleitet seine Tätigkeit in einem Beruf außerhalb einer Behindertenwerkstatt. „Es geht darum, über Arbeit Teilhabe am ganz normalen Leben zu erreichen“, sagt Hoyer. Außerdem sollen sich die Mitarbeiter in der beruflichen Integration weiterentwickeln, neue Ziele verfolgen und neue Kompetenzen erwerben.

Zwischen Glocken, Uhr und Kaffee kochen

An Kompetenzen mangelt es bei Neven Bäker nicht. In seiner 40-Stunden-Woche und in etlichen weiteren Stunden, die er dort mithilft, kümmert er sich um fast alles, was in einer Kirchengemeinde anfällt. Er zieht regelmäßig das Uhrwerk der Turmuhr auf – ein Ungetüm aus riesigen Zahnrädern und einer großen Kurbel, mit der die Uhrgewichte nach oben gezogen werden. Er läutet die Glocken. Er schließt die Kirche auf und schließt sie wieder zu. Er reinigt die Kirche. Er verteilt Gesangbücher und sammelt sie wieder ein. Er stapelt Stühle, stellt sie auf, sammelt sie wieder ein, stapelt sie erneut. Dank Neven Bäker findet jede Gruppe, die sich im Gemeindehaus trifft, die ausreichende Anzahl an ordentlich aufgereihten Stühlen vor. Nur eine Arbeit mag er gar nicht: Unkraut jäten.

Stühle stapeln, Stühle aufstellen, Stühle wegräumen, Stühle wieder stapeln: Neven Bäker sorgt dafür, dass jede Gruppe genug Sitzplätze im Gemeindehaus hat. Quelle: Susanne Peyronnet

Damit ist die Reihe seiner für ihn vorgesehenen oder von ihm selbst gewählten Aufgaben längst nicht zu Ende. Er bereitet den Kirchenkaffee vor. Er versorgt die Konfirmanden, die direkt von der Schule in den Konfirmandenunterricht kommen, mit Pizza, kauft ein, damit niemand hungern muss. Er trägt den Gemeindebrief aus. Darüber hinaus nimmt er an etlichen kirchlichen Gruppen teil. Neven Bäker ist Jungbläser an der Trompete, singt im Kirchenchor Tenor, engagiert sich bei den Pfadfindern und ist in der Feuerwehr.

Neven Bäker ist bekannter als sein Vater

Mittlerweile ist der Sohn von Bürgervorsteher Heinz Bäker in ganz Grömitz bekannt. „Früher hat sein Vater immer gesagt ,das ist mein Sohn Neven’, heute sagt er ,ich bin der Vater von Neven’“, berichtet Mutter Annekathrin Bäker. Küster Ralf Gärtner bestätigt, dass Neven Bäker von allen in der Kirchengemeinde vorbehaltlos akzeptiert werde. Annekathrin Bäker ergänzt: „Das freut mich unheimlich. Neven gehört in den Ort.“

So können Sie spenden

Spenden können auf dieses Konto bei der Sparkasse Holstein überwiesen werden:

Inhaber: Die Ostholsteiner

Stichwort: „Hilfe im Advent“ (wichtig!)

IBAN: DE08 2135 2240 0179 2255 52

BIC: NOLADE21HOL

Gärtner ist voll des Lobes für seinen Hilfsküster: „Neven ist eine sehr große Hilfe, das merke ich, wenn er Urlaub hat. Bevor er in den Urlaub geht, macht er mir immer eine Liste, was wann zu tun ist.“ Auf die Arbeit und Unterstützung von Neven Bäker kann die Kirchengemeinde noch lange zählen. Seine Stelle sei unbefristet, erläutert Arbeitsbegleiterin Hoyer. Mit Bäker sei das geglückt, was sie und ihre Kollegen anstreben: Arbeitsangebote in der Gemeinschaft der Nichtbehinderten suchen, Arbeitsplätze finden und pflegen. Damit die Menschen mit Behinderung, die sie ausfüllen, Teil der Gesellschaft werden und bleiben.

Gemeinsam mit Küster Ralf Gärtner legt Neven Bäker Gesangbücher in den Kirchenbänken aus.  Quelle: Susanne Peyronnet

Immer zu Fuß in Grömitz unterwegs

Bei Neven Bäker ist es keine Frage, dass er Teil der Grömitzer Gesellschaft ist. Er ist allgemein akzeptiert und wird überall geschätzt. Seine Wege erledigt er alle zu Fuß, obwohl er ein Dreirad besitzt, eines der speziellen Fahrräder, die mit der Spendenaktion von „Hilfe im Advent“ finanziert werden sollen. Aber das Rad benutzt er so gut wie nie. „Ich habe nur 500 Meter bis zur Arbeit“, sagt er.

Und so macht sich Neven Bäker auch an den Weihnachtsfeiertagen zu Fuß auf den Weg zu seiner Kirche, schließt auf und läutet die Glocken, um die Gemeinde zum Gottesdienst zu rufen.

So berichten die LN über die Ostholsteiner

Bis Weihnachten sammeln die Lübecker Nachrichten Spenden für die Ostholsteiner. Hier finden Sie alle bislang erschienenen Artikel:

Von Susanne Peyronnet