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Ostholstein Unterwegs mit der Nachtwächterin von Eutin
Lokales Ostholstein Unterwegs mit der Nachtwächterin von Eutin
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11:17 28.12.2018
Zur Ausstattung eines Nachtwächters gehören neben dem Horn und einer Pfeife auch die Räthel, auch Ratsche genannt, und die Pike. Quelle: Ulrike Benthien
Eutin

Sie sorgten für Sicherheit und Ordnung auf nächtlichen Straßen, achteten darauf, dass die Stadttore verschlossen wurden, sie waren Feuermelder, Feuerlöscher, und doch standen Nachtwächter in der Gesellschaft ganz unten. „Sie kamen noch nach den Totengräbern und Scharfrichtern“, sagt Brigitte Todt. Die 62-Jährige schlüpft von Zeit zu Zeit in einen weiten dunklen Mantel, setzt einen Filzhut auf und streift als Nachtwächterin mit Geschichtsinteressierten durch das dunkle Eutin.

Die Rundgänge werden angeboten von der Tourist-Info Eutin. „Wir haben sie wohl seit 20 Jahren im Programm. Gerade um Weihnachten herum werden sie häufig gebucht“, sagt Mitarbeiterin Nicole Müller. Brigitte Todt wechselt sich mit ihren Kollegen Tomke Stiasny und Walter Grammerstorf bei den Touren ab. Seit 2003 ist sie Gästeführerin in Eutin, seit rund sieben Jahren legt sie in spezieller Mission ihr Nachtwächter-Kostüm an. Ihre Gruppen macht sie zunächst mit ihrer Ausstattung vertraut. „Mit dem Horn bläst ein Nachtwächter jede volle Stunde an und sagt dazu seinen Vers auf. Aber so genau wurde das früher nicht genommen. Nur in der Silvesternacht: Da musste er pünktlich sein. Und wer das diszipliniert machte, hatte die Chance, Obernachtwächter zu werden“, erzählt Brigitte Todt. „Auch eine Karriere. . .“

Auf den Spuren der Nachtwächter geht es durch die Altstadt – vom Rathaus zur Kirche und zum Schloss

Feuer löschen ist Bürgerpflicht

Neben der Laterne führte ein Nachtwächter stets die Pike mit sich: einen kräftigen Holzstab mit spitzem Metallhaken. Er half beim Entzünden der Gaslaternen, diente aber durchaus auch zur Verteidigung gegen finstere Gesellen. Auch „Tumultanten“, angeheiterte Krachmacher, konnten damit rasch in ihre Schranken gewiesen werden. Zudem war die Pike hilfreich, wenn es brannte: „Damit wurden die Reetbündel vom Dach gezogen“, schildert die Gästeführerin.

Gebrannt habe es in früheren Jahrhunderten in Eutin häufig, „es gab ja überall offene Feuerstellen“. Wenn ein Nachtwächter Flammen entdeckt habe, dann sei die Räthel, auch Ratsche genannt, zum Einsatz gekommen. Das knarrende Geräusch, das sich mit ihr erzeugen lässt, ist beeindruckend laut. „Es rief alle dazu auf, sofort zum Löschen zu kommen. Mit ledernen Eimern, von denen noch einige im Durchgang zum Schloss hängen, wurde Wasser geschöpft und per Menschenkette zum Brandort gereicht“, berichtet Brigitte Todt.

Mit der Pfeife verständigt sich der Wächter in der Not

Mithilfe ihrer Pfeifen konnten sich die Nachtwächter untereinander verständigen. 1793 habe der Eutiner Rat beschlossen, vier weitere Männer zu den bis dahin zweien zu verpflichten. „Denn Napoleon war damals schon aktiv, und auch in unsere Gegend kamen viele Adlige aus Frankreich, die um Schutz baten“, so Brigitte Todt. Jeder der sechs Nachtwächter bekam einen Bezirk zugewiesen. Geriet einer in Bedrängnis, so nahm er schnell seine Pfeife: Ein Pfiff stand für Bezirk eins, zwei Pfiffe standen für Bezirk zwei und so fort.

Ihre Kenntnisse hat sich Nachtwächterin Brigitte Todt angelesen, „viel habe ich aus Büchern unseres Stadtchronisten Ernst-Günther Prüß gelernt“, sagt sie. Mit sichtbarer Freude gibt sie ihr Wissen an ihre Gruppen weiter, jüngst an das Team der Kita „Spatzennest“, das damit den Kulturteil vor der Weihnachtsfeier absolvierte. „Wir haben das schon mal gemacht. Es ist sehr interessant“, lobte Tina Kramp (46).

Vieles sorgt bei den Besuchern für erstaunte Ausrufe: Dass die Wasserstraße eine Viehtränkestraße war, dass hier in Seenähe Wäscher, Gerber, Färber ansässig waren, und dass die Bewohner ihre Küchenabfälle sowie Toiletteneimer einfach aus dem Fenster kippten. Der große Eutiner Gelehrte Johann Heinrich Voß wohnte, ehe er an den Voßplatz zog, von 1782-1784 in der Wasserstraße. Er verabscheute sie und habe sie, so Brigitte Todt, „eine Zyklopenhölle voll Dung und Dreck“ genannt.

Ein Zubrot dank der Laternenverordnung

Zu ihrem kargen Lohn verdienten sich Nachtwächter durch das Ausleeren der Nachttöpfe etwas hinzu. Eine Aufbesserung ihres Salärs konnten sie auch dank der „Laternenverordnung“ erzielen. Laut dieser hatte jeder Bürger mit einer Handlaterne ausgestattet zu sein, wenn er in der Dunkelheit unterwegs war. Traf ein Nachwächter jemanden ohne Laterne an, durfte er auf der Stelle zwölf Schillinge von ihm kassieren. Das traf häufig angeschickerte Kerle, die aus der Wirtschaft stolperten, aber durchaus auch „Moder Griepsch“, die Hebamme, die nächtens von einer Entbindung kam.

Nächster Termin: Silvester

Der letzte Nachtwächter-Rundgang in diesem Jahr findet am Montag, 31. Dezember (Silvester), statt. Treffpunkt ist um 17 Uhr vor der Tourist-Info in Eutin, Markt 19. Die Tour dauert circa eineinhalb Stunden und endet mit dem Aufstieg auf den Wasserturm. Die Teilnahme kostet fünf Euro (Kinder vier Euro).

Für Gruppen ist die Führung ganzjährig an beliebigen Tagen bei der Tourist-Info Eutin buchbar. Telefon: 04521/709722. Regulär starten die Nachtwächter-Rundgänge wieder ab 15. Mai, immer freitags um 21 Uhr.

 

Im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verschwand das Berufsbild des Nachtwächters. Ein Rundgang mit einem seiner heutigen Nachfolger lohnt allemal: Erfüllt der Blick zurück doch mit Dankbarkeit für den heutigen Komfort.

Ulrike Benthien

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