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Ostholstein Ein Turm aus Feldsteinen: 93 Stufen Kirchen-Geschichte
Lokales Ostholstein Ein Turm aus Feldsteinen: 93 Stufen Kirchen-Geschichte
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17:30 20.04.2019
Der Bau der Ratekauer Feldsteinkirche wurde 1156 von Gerold, dem Bischof von Oldenburg, angeordnet. Quelle: Maike Wegner
Ratekau

93 Stufen führen den Turm der Ratekauer Feldsteinkirche hinauf. Der Wind pfeift durch das Mauerwerk, die Holztreppen knarren, eine Taube gurrt leise vor sich hin. Der Aufstieg ist teilweise steil und beschwerlich. Aber er verrät auch jede Menge Geheimnisse des alten Gemäuers.

Im Kirchenschiff und dem Turmaufgang der Ratekauer Feldsteinkirche warten jede Menge Geheimnisse

Schon nach den ersten Schritten wird deutlich, wie sich die Kirche seit ihrem Bau im Jahr 1156 im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Denn wo heute der Eingangsbereich der Kirche ist, war früher eine Taufkapelle. Die Eingänge waren an den Seitenflügeln des Kirchenschiffs. Ein Gitter trennte zu Zeiten, in denen die Kirche noch katholisch war, den Altarraum vom Besucherbereich ab.

Neuer Turmzugang

„Den Turm konnte man damals direkt vom Kirchenschiff aus besteigen“, erzählt Pastorin Anke Dittmann (58) und deutet auf das Mauerwerk, in dem noch der ehemalige Zugang zu erkennen ist. „Gerüchten zufolge diente der Turm einst als Versteck und Schutzraum bei Überfällen auf das Dorf“, erzählt die Ratekauerin. Über der Taufkapelle befand sich eine Gewölbedecke. Sie wurde 1414 eingerissen und ein neuer hölzerner Dachstuhl eingebaut. Warum, das lässt sich nicht genau herausfinden. „Ich vermute, dass Glocken in den Turm sollten und das Gewölbe nicht tragfähig genug war“, sagt Michael Dittmann. Der Ehemann der Pastorin führt gelmäßig Besucher durch die Kirche. Er kennt jeden Winkel und jede Geschichte.

Ein Blasebalg für die Orgel

Es gibt viele Einzelheiten, die die Kirche zu etwas Besonderem machen. Die Orgel beispielsweise. Denn im Hintergrund des mittlerweile mit einem Gebläse angetriebenen Musikinstruments befindet sich noch ein alter Blasebalg. „Wenn der Strom mal ausfällt, können wir trotzdem spielen“, sagt Michael Dittmann scherzhaft, während seine Frau auf zwei hölzerne Hebel klettert und wie auf einem Fahrrad die Pedale auf und ab bewegt. Die bewegte Luft füllt auf diesem Wege die Pfeifen, sodass Musik erklingen kann.

Alte Zimmermannszeichen an den Balken

Ein Herzstück der Kirche ist auch der Dachboden des Kirchenschiffs, den es nach nur wenigen weiteren Stufen zu entdecken gibt. „Bei der Sanierung wurden sehr alte Zimmermannszeichen entdeckt“, erzählt Michael Dittmann. Mit ihnen haben die Männer damals am Boden gekennzeichnet, wie die Holzkonstruktion oben zusammengebaut werden muss.

Hinter diesen Mauern waren die LN bereits

Von 2008 bis 2011 musste die Kirche grundlegend saniert werden. Unter anderem wurde das Dach des Schiffs neu gedeckt. Auch die Fugen der Mauern wurden außen mit einem Mörtel neu verfugt. „Anhand der Linien kann man noch erkennen, wo der alte Mörtel geblieben ist“, zeigt Anke Dittmann. Denn damals wurde mit einer Verschalungstechnik aus Brettern gearbeitet, die innen und außen aufgerichtet wurden. In die Mitte kamen die Feldsteine, der Gipsmörtel wurde in die Zwischenräume gegossen. Optisch entstanden so gerade Abgrenzungen.

Das Herzstück: Das alte Uhrwerk

Noch ein paar Stufen weiter gelangt man in den Glockenstuhl, kurz darüber befindet sich die Kirchturmuhr. Die Augen von Anke und Michael Dittmann leuchten. „Sie ist wirklich hübsch“, sagt die Pastorin und blickt auf das filigrane Uhrwerk, das zwei Mal in der Woche vom Küster der Kirche aufgezogen werden muss. Und auch der Blick durch die kleinen Turmfenster über den Ruppersdorfer See ist Belohnung für den Aufstieg.

Eine Kirche voller Farbe

Wieder auf dem Boden angekommen zeigt sich auch im Inneren des Kirchenschiffs der Wandel. Denn im Zuge der Sanierung hat sich gezeigt, dass der alte Fußboden etwa einen halben Meter unter dem heutigen Fußboden lag. Ein kleiner Bereich rechts der Eingangstür lässt erahnen, wie die alten Steine aussehen. Und er gibt auch einen Blick auf die altern Malereien frei. „Denn die Kirche war ursprünglich bunt. Früher war vermutlich alles bemalt“, erzählt Michael Dittmann. Grüne Malerei soll das originale Bauwerk geziert haben. In Resten ist sie an der Südwand der Empore zu sehen. Später wurde die Kirche erneut mit einer roten Quadermalerei verziert.

Alte Kerzenleuchter auf dem Altar

Das älteste Stück in der Kirche sind die bronzenen Kerzenleuchter, die auf dem Altar stehen. Sie sollen von dem Bischof gespendet worden sein, der damals die Kirche geweiht hatte. Ihre Füße erinnern an Löwenpranken. „Vielleicht gibt es einen Bezug zu Heinrich dem Löwen, der Lübeck 1160 neugründete. Aber das ist Spekulation“, sagt Michael Dittmann.

Treffpunkt für alle Generationen

Doch neben all den Besonderheiten hat die Kirche auch dunkle Jahre erlebt. Erste Plünderungen im Jahr 1235 und ein Brand im Dachstuhl Anfang der 1320er mit verheerenden Folgen. Vieles musste in Handarbeit wieder aufgebaut werden. Heute ist die Kirche ein Treffpunkt für alle Generationen. Viele kulturelle Veranstaltungen und besondere Konzerte finden dort statt. Und immer wieder begegnen die Kirchenbesucher dabei den kleinen Geschichten, die das alte Gemäuer erzählt.

Maike Wegner

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