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Ostholstein Ein mutiger Mann: Lino Cimmino
Lokales Ostholstein Ein mutiger Mann: Lino Cimmino
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19:58 08.07.2018
Lino Cimmino (42) vor seinem Restaurant. Er ist froh, dass alles gutgegangen ist und niemand verletzt wurde. Quelle: Fotos: Lutz Roessler
Scharbeutz

Er ist ein „Meer-Mensch“. Lino Cimmino sitzt am gestrigen Sonnabend in der Lounge des „Capolino“ und blickt auf die Ostsee: „Unglaublich, was in den vergangenen zwei Tagen passiert ist“, sagt er und nippt lächelnd an einem Fruchtsaft. Der gläubige Katholik ist zutiefst dankbar, dass anderen und ihm nichts geschehen ist. „Wir haben Glück gehabt. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“

Der 5. Juli hat das Leben von Lino Cimmino verändert. An diesem Donnerstag überwältigte er in seinem Scharbeutzer Restaurant einen Tobsüchtigen. Dieser war, bevor er in die Küche des „Capolino“ stürzte, mit hohem Tempo in einem Opel über die Promenade gerast. Dank glücklicher Fügung wurde niemand ernsthaft verletzt.

Zeugen gesucht

Die Polizei sucht weiterhin Zeugen, die Angaben zu den Geschehnissen am vergangenen Donnerstag machen können.

Hinweise werden von der Scharbeutzer Polizei unter Telefon 04503/35720 entgegengenommen.

Familie und Freunde hätten voller Sorge angerufen und gefragt, ob ihm bei dem Kampf mit dem Mann auch wirklich nichts passiert sei. Seine Eltern seien gerade auf dem Weg von Rom nach Deutschland gewesen, als sie die aufregenden Nachrichten hörten.

„Nicht nur die Familie, viele Leute machen sich Sorgen.“ Fremde und Freunde kommen ins Restaurant, wollen Cimmino danken. „Telefon, Facebook, Whatsapp, ich schaffe es gar nicht, alles zu beantworten“, sagt der Vater von drei Kindern (ein Sohn und zwei Mädchen), der vor etwa 17 Jahren „der Liebe wegen“ nach Deutschland kam und zunächst in Lübeck lebte und arbeitete. Auch dort wird er erkannt. Beim Einkaufen wird der 42-Jährige angesprochen: „Waren Sie das in Scharbeutz? Super gemacht!“

Sein couragierter Einsatz hat den Ex-Polizisten bundesweit bekannt gemacht. Von Hamburg über Leipzig bis Berlin ist das Medieninteresse riesig. „Ich komme nicht von der Geschichte weg“, sagt Cimmino. Bei dem früheren Carabinieri und gut trainierten Kampfsportler war der ausgerastete Hamburger, der wegen mehrerer Drogenvergehen polizeibekannt ist, an den Falschen geraten. Der gebürtige Neapolitaner – 2008 eröffnete er das „Capolino“ an der neugestalteten Promenade – kennt die Scharbeutzer Polizisten über die Jahre gut. Auch sie hätten ihm gedankt. Dass so viele Menschen Anteil nehmen, überrascht und berührt Lino Cimmino. In Scharbeutz, am Meer, ist er angekommen. „Italien bleibt meine Heimat, aber hier bin ich zu Hause.“

Einfahrt in die Strandallee stärker kontrollieren?

Auch in der Strandallee ist die Irrsinns-Fahrt weiter Thema. „Alle fragen danach“, erzählt Angelika Milz (28), Mitarbeiterin im Café Diercksen. Sabine (61) und Detlef Dittmer (64) vom Softeis-Laden hatten am Donnerstagmorgen gerade die Stühle herausgetragen, als der Hamburger auf der anderen Straßenseite gegen den Ampelmast krachte. Er war zuvor – ohne Rücksicht auf Fußgänger und Radfahrer – durch die verkehrsberuhigte Promenade gerast. „Wir haben schon Angst gehabt, man konnte ja sehen, dass der Mann nicht zurechnungsfähig war“, sagt Sabine Dittmer. „Zum Glück war zu dem Zeitpunkt in der Fußgängerzone nicht viel los“, ergänzt ihr Mann.

Schräg gegenüber ist ein Spielplatz mit einem großen Holzschiff, das gern von Kindern geentert wird. „Wir hatten zunächst überlegt, schon Donnerstag nach Scharbeutz zu fahren“, berichtet Lina Gurtler (34) aus Hamburg. „Wir sind froh, dass wir das nicht getan haben.“ Denn die Familie geht regelmäßig von der Wochenend- Wohnung zum Spielplatz. Den vierjährigen Sohn lassen sie in dem verkehrsberuhigten Bereich dann schon mal mit dem Fahrrad vorfahren. „Da achte ich jetzt mehr drauf“, sagt die Mutter.

„Wir hatten großes Glück, dass niemand zu Schaden gekommen ist“, sagt Strandkorbvermieter Bernhard Laas (54). Einen Tag zuvor sei es in dem Bereich „total belebt“ gewesen. Er schlägt vor, die Strandallee stärker zu kontrollieren. „Es muss ja nicht erst etwas passieren. Wegen des Kinderspielplatzes ist die Gefahr gewaltig groß.“ Bis 11 Uhr sind die Poller an der Südseite des fußläufigen Bereichs für den Lieferverkehr geöffnet. „Da fahren aber alle rein, manche kommen mit dem Auto zum Brötchenholen.“

Anni Seemund kommt seit 22 Jahren im Sommer nach Scharbeutz. „Es war hier immer ruhig und friedlich“, sagt die 87-Jährige aus Essen. Sie wird weiter Ferien in dem Ostseeort machen. „So etwas kann überall passieren.“

Julia Paulat und Martina Janke-Hansen