Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Endlich ein Leben ohne Angst
Lokales Ostholstein Endlich ein Leben ohne Angst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:31 30.11.2014
Fröhlicher Küchendienst in der Burger Wohngemeinschaft: Alena Turek und Moussa Samba (Mi.) mit drei Jugendlichen aus Eritrea. Quelle: Fotos: Schwennsen
Puttgarden a. F

Endstation Vogelfluglinie. Nach einer traumatischen Odyssee über viele tausend Kilometer. Quer durch die Kontinente, ohne Eltern oder Geschwister. Vier Jugendliche aus Eritrea, 16 und 17 Jahre jung, haben das überlebt.

Mehr lesen: Das Spendenkonto

Mehr lesen: Bis Jahresende doppelt so viele Flüchtlinge wie 2013

Mehr lesen: Landrat Sager: Zeichen einer gelebten Willkommenskultur

Mehr lesen: Benefizkonzerte des Kammerchores

Sie haben dabei mehr als nur einmal ihr Leben riskiert. Ihr Ziel: Dänemark. Doch dann das bittere Ende. Großaufgriff am Fährbahnhof Puttgarden. Wie so viele andere Flüchtlinge werden sie kurz vor der Grenze aus dem Zug geholt. Das war im Sommer. Endstation Vogelfluglinie — mit völlig ungewissem Ausgang (die LN berichteten).

Fehmarn fünf Monate später. Nach diversen Stationen sind sie zurück auf der Insel. Drei Jungs strahlen übers ganze Gesicht. Sie bereiten gemeinsam mit Moussa Samba, einem gebürtigen Senegalesen, der vor über 20 Jahren nach Puttgarden kam und längst heimisch geworden ist, das Abendessen vor. Sie probieren die von Diplom-Pädagogin Alena Turek gereichten ersten Weihnachtskekse. Der vierte liegt krank im Bett, aber sonst ist auch für ihn die Welt wieder halbwegs in Ordnung.

Denn das Quartett, das sich erst unterwegs auf der Flucht kennenlernt, hatte Glück im Unglück. Über den Kinderschutzbund Heiligenhafen gelingt es Projektleiterin Margarete Schmölz, nachdem alle Versuche in der Warderstadt scheiterten, ein Endreihenhaus in Burg anzumieten. Mitten in einem Wohngebiet. Dank einer verständnisvollen und offenen Vermieterin, die einfach dieser Jugendwohngruppe nur helfen wollte. Das Ganze läuft in enger Kooperation mit dem Kreis Ostholstein und der Stadt Fehmarn. Martin Liegmann, Geschäftsführer der Kinderschutzbundes: „Es gibt einen engen Austausch vor Ort, nicht nur am ,Runden Tisch‘ weit von Fehmarn entfernt.“

Schritt für Schritt fassen die vier minderjährigen Flüchtlinge Fuß. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Erste Station war das Jugendhilfehaus Lensahn. „Sie hatten nichts bei sich außer ihrer Kleidung, waren ausgehungert und von der viele Monate dauernden Flucht verängstigt“, erinnert sich Liegmann. Die Namen der Jungs sollen vorerst anonym bleiben, auch ihre persönliche Geschichte.

Nur so viel berichtet Liegmann: „Sie sind keine Kindersoldaten, sondern vor Mord und schweren Schicksalsschlägen aus ihrer Heimat geflohen.“ So wie es Millionen Deutsche im letzten Kriegsjahr von Ost nach West verschlagen habe.

Inzwischen gibt es eine geordnete Tagesstruktur. Sie fahren täglich nach Oldenburg zur Schule, spielen Fußball in Landkirchen bei der JSG, fahren allein mit dem Fahrrad auf der Insel, finden sich dort ganz gut zurecht. Oder trommeln in ihrer Freizeit mit Moussa Samba. Er ist ein Glücksfall, weiß als Afrikaner selbst genau, wie schwer es für sie ist, macht ihnen Mut. Und zeigt ihnen: Auch Jungs kochen, kaufen ein oder putzen das WC.

Natürlich gibt es eine lange Wunschliste. Internet, Stereoanlage, Eintritt ins Spaßbad, mal ein Kinobesuch. Gerne auch Lehrer, die bereit sind, den Jungs Deutsch- und Förderunterricht zu geben.

Liegmann: „Sie sind materiell und medizinisch versorgt, können jetzt seelisch zur Ruhe kommen.“ Was er sich wünscht: eine Willlkommenskultur: „Wer sie sieht, darf ihnen gerne im Alltag helfen und nicht gleich ungeduldig werden.“

Bis Jahresende doppelt so viele Flüchtlinge wie 2013
Traurige Rekordzahlen in Schleswig-Holstein: Laut Gerhard Stelke (Bundespolizei-Inspektion Kiel) gab es bis Ende Oktober über 2600 unerlaubte Einreisen, Aufenthalte sowie Schleusungen. Rund 1200 Fälle ereigneten sich auf der Vogelfluglinie, die anderen im Bereich Flensburg.
Das ist im Vergleich zum Vorjahr jetzt schon fast eine Verdoppelung, „die definitiv bis Ende dieses Jahres erreicht wird“. Denn der Migrantenstrom hält an, obwohl er im tristen November schwächer ausfällt. Allein in dieser Woche wurden auf der Vogelfluglinie erneut elf Personen durch die Bundespolizei aufgegriffen: acht Syrer sowie je einer aus Marokko, Nigeria und Palästina. Statistisch liegen die Herkunftsländer Syrien, Eritrea und Afghanistan vorn.
Joachim Franklin (Foto), Präsident der Bundespolizeidirektion, geht davon aus, dass die Flüchtlingszahlen nicht zurückgehen, sondern eher noch steigen. Mit unfassbaren Schicksalen: „Schrecklich zu sehen, wenn ein Leben in eine Plastiktüte passt.“ Im Schnitt 9000 bis 15 000 Euro zahlt ein Flüchtling an die Schlepper, berichtet so Serpil Midyatli, migrations- und flüchtlingspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion: „Oft werden sie auf der Reise nochmal ausgenutzt, müssen nur für ein Ei bis zu 50 Dollar zahlen.“ gjs

Gerd-J. Schwennsen